„Raya und der letzte Drache“ – eine Disney-Fabel der Versöhnung

  • Ein magischer Stein ist zerbrochen, ein Land ebenfalls, eine Heldin sucht ein Fabeltier, damit alles wieder gut wird.
  • Statt im Kino erzählt der Animationsfilm „Raya und der letzte Drache“ ab 4. März bei Disney+ von Vertrauen, Heilung und Versöhnung.
  • Rasante Action gepaart mit Witz und einer positiven Botschaft für unsere krisengebeutelten Tage.
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Die Drachen sind weg – für immer. 500 Jahre ist ihr Opfertod für die Menschheit nun schon her. Und die Einheit der Bewohner des Landes Kumandra, dessen Grenzen selbst die Gestalt eines Drachen haben, ist seither zerfallen in fünf widerstreitende Kleinreiche. In einem schwebenden blauen Edelstein ist die letzte Drachenenergie der Welt gefangen, die die monströsen Druun fernhält und von Herz gehütet wird – dem am besonnensten geführten Landstrich.

Oberhaupt Benja, der Wächter des Steins, lädt die Völker von Zahn, Kamm, Klaue und Schweif zu einem Versöhnungstreffen nach Herz ein. Doch Namaari, die Prinzessin von Zahn, verrät die Gastfreundschaft. Der Edelstein zerbricht in fünf Teile, die Druun fallen erneut über die Menschen her. Nur wenige entrinnen der Versteinerung. Benjas Tochter Raya, die sich die Schuld an dem neuerlichen Fiasko gibt, weil sie Namaari vertraute, sieht es als ihre Pflicht an, den vermeintlich am Ende eines der 100 Flüsse Kumandras noch lebenden letzten Wasserdrachen Sisu zu finden, auf dass er einen neuen Stein erschaffen möge und alles wieder gut werden kann.

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Die Drachen aus Fernost sind keine Städteabfackler

Es ist eine Fantasystory, die Don Hall (Disneys „Vaiana“) und Carlos López Estrada („High & Mighty“) im 59. abendfüllenden Animationsfilm der Disneystudios offerieren. Und Fantasy boomt, Drachen sowieso. Im Westen sind sie schuppige Biester, die Schätze bewachen und Unheil stiften und die man lieber meidet. Siegfried besiegte Fafner mit Mühe, J. R. R. Tolkiens Bilbo Beutlin weckte Smaug, der prompt die Seestadt in Brand steckte, bevor Bard, der Bogenschütze, ihn vom Himmel holte. Drachen sind als Tiere des Feuers schwer domestizierbar. Gelungen ist das nur dem Wikingerjungen Hicks im Dreamworks-Trickfilm „Drachenzähmen leicht gemacht“. Und natürlich George R.R. Martins Khaleesi, deren Zerstörungswille in „Game of Thrones“ am Ende allerdings eins war mit dem ihres entfesselten rotschwarzen Riesenviehs Drogon, und die die Thronstadt Königsmund ohne Chance für noch so gut besetzte Feuerwehren in Flammen aufgehen ließ.

In fernöstlichen Mythologien sind Drachen dagegen freundlichere Geschöpfe des Wassers, mächtig zwar, aber dem Menschen eher zugeneigt. Der chinesische Lung ist ein Glücksbringer, Friedenswahrer, auf ihm basierte auch Michael Endes Fuchur in „Die unendliche Geschichte“ (der in Wolfgang Petersens Verfilmung leider wie ein überdimensionierter fliegender Cocker Spaniel aussah). Sisu, die Drachin im neuesten Disney-Animationsfilm „Raya und der letzte Drache“ ist ebenfalls eine Nette, wie überhaupt Drachen in Disneyfilmen – von Elliot („Elliot, das Schmunzelmonster“ – 1977 und „Elliot, der Drache“ – 2016) bis Mushu („Mulan“ – 1998) – keiner Fliege je etwas zuleide taten.

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Die Drachin hat „500 Jahre verpennt“

Und so rollt Raya, neue Wächterin des Steins im südostasiatisch angehauchten Kumandra auf ihrem Freund und Reittier Tuk Tuk – einer Mischung aus Pillendreher und Gürteltier – durch eine Wüste gewordene Welt, bis sie schließlich am Quell des 100. und letzten Flusses Kumandras fündig wird. „Hallo-oh!“ ruft das Drachenmädchen Sisu, die es nicht fassen kann, „einfach mal 500 Jahre verpennt“ zu haben. Nein, sie sei nicht gerade der beste Drache, ihr Ruf beruhe vielmehr auf einem Gruppenprojekt, wo ja auch der schlechteste die gute Note bekäme. Und, nochmal nein, sie könne keinen neuen Stein machen, man müsse die Teilreiche abklappern, die Bruchstücke sammeln und zusammensetzen.

Die Mission ist gesetzt und alles läuft fortan straff und wie am Schnürchen – wie in einem Computerspiel, in dem der Gamer Dinge sammeln muss um zu siegen. Raya trifft dreikäsehohe Schiffskapitäne, ein räuberisches Baby mit drei schurkischen Äffchen und einen vierschrötigen Krieger, dessen Gewaltfantasien nur Blendwerk sind. Alle werden sie zu ihren Freund*innen und Helfer*innen im Ringen um die magischen Klunker, im Kampf gegen Naamira und ihre Mutter, die Königin von Zahn, sowie gegen die Druun, amorphe schwarzlila Horrorschwaden, die schwer an die Menschen entseelenden „Geister“ aus der HBO-Serie „His Dark Materials“ erinnern.

Der Film sitzt zuweilen zwischen den Publika

Wenn diese Wesen aufziehen, könnte jüngeren Zuschauern durchaus mulmig zumute werden. Der Film sitzt zuweilen zwischen den Publika, liefert Actionszenen und Verfolgungsjagden von einer Rasanz, die an das Podrace in „Star Wars I – Die dunkle Bedrohung“ gemahnen. Lässt aber Bedrohungsszenarien für den Geschmack älterer Zuschauer sich allzu schnell wieder in Wohlgefallen auflösen. Der Thrill wird dabei mit viel Witz gelockert, fast jeder von Rayas Begleitern – vom possierlichen Tuk Tuk bis zum raffinierten Baby Noi – ist als komischer Sidekick für Spannung wie Entspannung der Zuschauer gleichermaßen zuständig.

Am vergnüglichsten ist Sisu, vor allem in ihrer menschlichen Gestalt eines lila-blauhaarigen Mädchens, gesprochen von Maria Hönig (die für Disney schon die Prinzessin Jasmin in „Aladdin“ synchronisierte), die ihre Figur im Filmverlauf von einer Plaudertasche zum weisen Drachen wandelt. Und auch Raya selbst ist als Mensch, der seinem Gewissen folgt, ein durchaus funktionierendes Identifikationsangebot für das Zielpublikum. Außerdem hat auch sie sie eine Reihe von zitablen Einzeilern: „Bling ist mein Ding!“, erklärt sie ihre Jagd nach dem verlorenen Schatz. Gesprochen wird sie von der Youtuberin Christina Ann Zalamea („Hello Chrissy“).

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Die Geschichte eines zerrissenen Lands, weit weit weg zielt dabei – anders als Disneys „Mulan“-Adaptionen – nur vordergründig auf den asiatischen Markt. Nicht ohne Geschick erzählen die Regisseure und Autoren via Kumandra vom heutigen Amerika und tun dies im Geiste des Ausgleichs. Indem sie die Motive der aggressiven Leute von Zahn nachzuvollziehen suchen, sie innerhalb ihrer Heimat als durchaus liebenswert skizzieren, wird die zunächst scharfe Positionierung Gut gegen Böse aufgelockert, schaffen die Filmemacher die Grundlage für eine Versöhnung auf Augenhöhe. „So ist die Welt von heute. Du kannst niemandem trauen“, versichert Raya der Drachin mehrfach. „Die Welt ist vielleicht zerbrochen, weil du niemandem traust“, mutmaßt Sisu nicht ganz zu Unrecht.

Ob alles gut wird? Innerhalb des Films schon. Wir genießen schließlich Kino aus dem Haus der Maus (der wegen Corona ins Streaming verschobene Film ist beim Streamingdienst Disney+ zunächst gegen einen Aufpreis zu sehen), weil es da zwar Drama gibt, das Ende aber „happy“ ist. Selbst der Tod kommt nur zum Schein vorbei und es gibt immer eine glückliche Balu-Auferstehung. Man erinnert sich: Der von Panther, Geiern und Dschungelkind Mogli schon allseits betrauerte Gemütsbär war im Film „Das Dschungelbuch“ nach seinem Gefecht mit dem Tiger Shir Khan nur bewusstlos.

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Freilich ist auch eins klar. Noch so viele Filme mit positiver Haltung machen die Menschheit nicht schlauer, am Ende sind alle Kinobotschaften von Liebe, Frieden, Toleranz so flüchtig wie die Geschehnisse in einem Traum, die schon nach dem zweiten Blinzeln aus dem Gedächtnis fliehen.

„Raya und der letzte Drache“, bei Disney+, 107 Minuten, Regie: Don Hall, Carlos López Estrada, Animationsfilm (gegen Aufpreis ab 4. März)

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