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  • Ratched auf Netflix: Was kann die Prequel-Serie zu "Einer flog übers Kuckucksnest"?

Thrillerserie “Ratched”: Kuckuck, hier kommt die Schwester!

  • In der Netflix-Serie “Ratched” (ab 18. September) werden die frühen Jahre der Schreckensschwester aus dem Film “Einer flog übers Kuckucksnest” erzählt.
  • Die Schauspielerin Sarah Paulson gibt darin ein Musterbeispiel an Mondänität, Gepflegtheit und gepflegter Grausamkeit.
  • Warum nur erwartet man als Zuschauer, dass plötzlich Lieder gesungen werden?
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Schwester Ratched mochte nicht, dass dieser Gauner McMurphy in dem “Nest” ihrer verwirrten Kuckucksjungen gelandet war. Und alles durcheinanderbrachte. Dass er ihre Küken in der Nervenheilanstalt aufstachelte, mit ihnen einen draufmachte, sie zum Lachen, Weinen und sogar zum Begehren brachte. Dass er ihre, Mildred Ratcheds, Autorität in Frage stellte, und dass sich dieser Zweifel in den Irren Martini, Taber, ja sogar in dem gleichmütigen “Häuptling” festsetzte. Aus der Aversion zwischen Pflegerin und Patient wurde ein Duell, das McMurphy nicht gewinnen konnte.

Am Ende standen in Milos Formans Verfilmung von Ken Keseys Roman “Einer flog übers Kuckucksnest” der Selbstmord des schüchternen Billy Bibbit, McMurphys Versuch, Schwester Ratched zu erwürgen und seine anschließende Lobotomie. Nur der “Häuptling” entkam in die Freiheit.

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Jack Nicholson und Louise Fletcher bekamen 1976 die verdienten Hauptdarstelleroscars für die Duellanten McMurphy und Ratched. “Das Leben hat für sie schon vor langer Zeit aufgehört”, erklärte die heute 86-jährige Fletcher einst ihre Figur. In späteren Jahren konnte sie sich den Film wegen deren Grausamkeit ihrer Figur nicht mehr anschauen. Jetzt gibt es ein Wiedersehen mit der tödlichen Schwester.

Irgedwie musicalhaft – eine “Mildred Horror Picture Show”

In der Netflix-Serie “Ratched” geht es zurück ins Jahr 1947, als die (nicht mehr ganz) junge Mildred Ratched nach Nordkalifornien fährt, um sich dort hastewaskannste einen Job zu ergattern. Zuschauers Erwartungshaltung: Man will erleben, wie aus ihr der Satansbraten wurde, der sie im “Kuckucksnest”-Film war, will erfahren, wann genau und warum das Leben für sie aufgehört hatte. So wie man in der Serie “Bates Motel” erlebte, wie Norma Bates ihr Muttersöhnchen Norman zu sehr an sich binden wollte und Norman zum schizophrenen Mörder des Hitchcock-Films wurde. Ernsthaft, dramatisch, spannend.

“Ratched” unterläuft diese Erwartungen – zumindest in den ersten, den Medien zur Sichtung überlassenen Episoden. Technicolorfarben schocken das Auge, wo Formans Film in nüchternem Schwarzweiß erbracht war. Es ist, als ob die jüngere Mildred durch ein Musical tanzt, durch eine “Mildred Horror Picture Show”, in der sich dann doch niemand traut, mit dem Singen anzufangen. Ein ähnliches Gefühl befiel einen auch schon beim Bingen diverser Staffeln von “American Horror Story”. Das verwundert nicht, war doch Co-Serienschöpfer Ryan Murphy auch Miterfinder von “AHS”.

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Alles beginnt mit einer blutrünstigen Bestie

Und so starten Murphy und Evan Romansky ihr Spiel auch in bester “AHS”-Manier mit einer Bestie in Menschengestalt, die in ein Priesterdomizil einfällt wie ein Wolf in die Schafherde. Der Killer Edmund Tolleson (Finn Wittrock) wird danach in das Lucia State Hospital gebracht, wo sich ein Nervenarzt namens Richard Hannover (Jon Jon Briones) seiner mit brandneuen Methoden annehmen will und wo er in der Vierzigerjahreversion einer Hannibal-Lecter-Hochsicherheitszelle untergebracht wird. Und in dieser neumodischen Nervenheilanstalt schlägt Ratched auf, und erzwingt mit Schmeichelei, Schimpf und Erpressung die ersehnte Anstellung. Mit Hannover will sie erneuern, umkrempeln. Sagt sie. Schon bald aber soll man erfahren, dass ihr Ehrgeiz ganz persönliche Gründe hat.

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Womit die Serie klotzt, ist die Optik. Ratched muss über die finanziellen Mittel einer Hollywooddiva verfügen, darauf lassen ihre glamouröse Garderobe und ihr luxuriöser mintgrüner Ford schließen. Und die Kamera lichtet die geheimnisvolle, immerbunte Heldin ab, als käme sie bei jeder Einstellung geradewegs aus dem Modekatalog und es scheint sogar, als sei ihr Lippenstift elektrisch beleuchtet, so rot glüht ihr Mund auf dem Bildschirm. Das Jahr 1947 ist überhaupt eine Zuckerbäckerwelt in markanten Farben, und auch wenn die kostbaren Straßenkreuzer dieser Serie auf staubigsten Pisten stehen, scheint niemals auch nur ein Staubkorn ihre Motorhaube zu beschmutzen.

Viele dunkle Themenkomplexe werden zwar gestreift: Politikerkorruptheit, Homosexualität, die als heilbar gilt, das grausame Lobotomieren von Psychiatriepatienten. Aber es will sich – zunächst – keine Dunkelheit ausbreiten, nicht in der Serie, nicht im Betrachter – auch dann nicht, wenn die Kamera mit Bildern punktet, die aus den Köpfen von Stanley Kubrick und Alfred Hitchcock zu kommen scheinen.

Die junge Mildred ist bereits ganz die alte

Die Figuren sind Karikaturen allesamt – Comicfiguren ohne Sprechblasen, ob nun der cholerische Doktor Hannover auftritt oder der feiste Gouverneur (Vincent D’Onofrio), ob die garstige Oberschwester Betsy keift (Judy Davis) oder Ratcheds Gastwirtin Louise (Amanda Plummer) sich ein Date mit Dracula ausmalt. Sharon Stone spielt in diesem Starreigen eine reiche Lady, die eine furchtbare Rechnung mit Hannover offen hat, Corey Stoll einen Meuchelmörder, der nicht zu Potte kommt.

Enttäuschend ist die Erkenntnis, dass die Titelheldin hier im Grunde schon die kalte Mordschwester aus “Kuckucksnest” ist. Sie ist bereits herrisch, hält sich für unfehlbar, ist tückisch, ganz klar auch selbst ein bisschen verrückt und sie kann Patienten mit einem geflüsterten Satz zum Suizid bringen. Wie Jahre später Billy Bibbit.

Ratcheds wirklichen Verhärtungszeiten lagen wohl noch weiter zurück – vielleicht, als sie Schwester in den Lazaretten des Zweiten Weltkriegs war (was durch Rückblenden gestreift wird). Man wird es erfahren, ist man doch von den Künsten des Kameraquartetts Simon Dennis, Nelson Cragg, Blake McClure und Andrew Mitchell so geflasht, dass man immer mehr von diesen Bildern will – trotz erzählerischer Defizite. Strafrechtlich beispielsweise läuft so manches wie bei Hänsel und Gretel: Ein Ermordeter wird in den Ofen gesteckt – und weg. Keiner fragt nach ihm. Echt jetzt?

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Louise Fletcher freilich sollte sich die Serie nicht ansehen. Sie könnte glauben, man habe aus ihrer Ratched eine Witzfigur gemacht.

“Ratched”, bei Netflix, mit Sarah Paulson, Jon Jon Briones, Sharon Stone, streambar seit 18. September, drei Sterne

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