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Rassismus in Disney-Filmen: Konzern blendet künftig Hinweise ein – eine gute Idee

  • Brabbelnde Indianer, „schwarze“ Stereotype: Mancher Disney-Filmklassiker wie „Aristocats“ oder „Dumbo“ ist jenseits der Niedlichkeit nach Einschätzung von Kritikern nicht frei von Rassismus.
  • Der Konzern will bei seinem Streamingdienst Disney+ nun Warnhinweise einblenden.
  • Ein sinnvoller Kompromiss in der emotionalen Debatte um Cancel Culture, meint RND-Autor Imre Grimm.
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Man hat’s auch nicht leicht als milliardenschwerer, globaler Kulturmonopolist. Nehmen wir zum Beispiel die Walt Disney Company. Da haust du seit knapp 100 Jahren einen putzigen Zeichentrickfilm nach dem anderen heraus, und dann ändert sich das politische Bewusstsein: Und plötzlich gelten Teile deiner knuddelig gemeinten Cartoonklassiker nicht mehr als harmlose Kindercartoons, sondern als subversive Manipulationswerke voller Rassismus, Diskriminierung und Gewaltverherrlichung.

Wie rassistisch sind „Dumbo“ oder „Pocahontas“? Seit Jahren diskutiert sich der US-Konzern wund darüber, wie er mit dem Vorwurf umgehen soll, einige seiner Filme enthielten ärgerliche Verstöße gegen die Menschenwürde. Nun hat Disney eine Antwort gefunden. Die Firma will die betroffenen Werke in ihrem Streamingdienst Disney+ künftig auch in Deutschland mit erklärenden, nicht überspulbaren Texteinblendungen versehen. In den USA ist dieser Schritt bereits vollzogen.

„Diese Stereotype waren damals falsch und sind heute falsch“

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Künftig ist dort zu lesen: „Dieses Programm enthält negative Darstellungen und/oder Misshandlungen von Völkern oder Kulturen. Diese Stereotype waren damals falsch und sind heute falsch. Anstatt diese Inhalte zu entfernen, wollen wir ihre verletzende Wirkung anerkennen, daraus lernen und das Gespräch darüber anregen, um gemeinsam eine inklusivere Zukunft zu erreichen.“

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Bei der Auswahl der problematischen Szenen wurde das Unternehmen von afroamerikanischen Filmkritikern beraten, hieß es. Betroffen sind gleich mehrere Filme: „Aristocats“ zeige die asiatische Bevölkerung als rassistische Karikaturen, hieß es. In der ersten „Dumbo“-Verfilmung werde die Geschichte der afroamerikanischen Sklaverei auf fragwürdige Weise thematisiert. Und in „Peter Pan“ gerate die Kultur der amerikanischen Ureinwohner zur Karikatur.

Keine schlechte Reaktion auf die grassierende Cancel Culture

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Was tun, wenn die eine Hälfte aufjault, hier zeigten sich wieder mal die Auswüchse politischer Überkorrektheit, und die andere Hälfte mehr Gespür für die Befindlichkeiten sich verletzt fühlender Minderheiten einfordert? Löschen? Neu verfilmen, diesmal aber „sauber“? Zensur? Die jetzige Variante klingt zunächst nach einem faulen Kompromiss. Als würde Disney murmeln: „Ja, sorry, echt doof gelaufen, aber wir lassen’s mal lieber so, damit wir darüber diskutieren können.“ In Wahrheit ist es keine schlechte Reaktion auf die Cancel Culture, den Trend also, Missliebiges, über das die Zeit hinweggeweht ist, aus dem Kanon der zulässigen Werke zu eliminieren.

„Anstatt diese Inhalte zu entfernen, wollen wir ihre verletzende Wirkung anerkennen“: Das Logo der Walt Disney Company in der New York Stock Exchange. © Quelle: AP

Denn wenn man jedes Werk einfach löschte, das vor den moralischen Anforderungen seiner jeweiligen Zeit keinen Bestand hat, dann wiese der kulturelle Backkatalog der Menschheit am Ende gewaltige Lücken auf. Der Kompromiss könnte lauten: kein blindwütiges Löschen und Umschreiben, kein massenhaftes „Säubern“ also – aber das Bewusstsein schärfen. Denn wenn Literatur, wenn Filme und Lieder nur dann eine Existenzberechtigung hätten, wenn sich wirklich absolut niemand mehr von ihnen beleidigt fühlen kann, sähe es zappenduster aus in der Kultur. Umgekehrt gilt: Verstöße gegen die Menschenwürde und gegen das Gesetz sind als solche zu ahnden.

Unglücklich gealterte Witze

Es ist ein richtiger Impuls für einen Weltkonzern wie Disney, die eigene Historie weder zu bagatellisieren noch totzuschweigen. Aber genau wie ein unglücklich gealterter Otto-Waalkes-Witz („Das sind alles Neger“) oder ein „Tim & Struppi“-Band, in dem der junge Reporter allerhand seltsamen Eingeborenen mit Wulstlippen begegnet, ist eben auch ein Disneyfilm immer ein Spiegel seiner Zeit. Es ist richtig zu dokumentieren, dass man das Problem als verantwortlicher Konzern oder Verlag ernst nimmt und herablassende, diskriminierende, stereotype und verletzende Inhalte ablehnt. Genauso richtig ist es, jeden einzelnen Fall sowie den jeweiligen Kontext zu prüfen.

Disney pflegt sein Image als „saubere“ Firma seit Jahrzehnten, war darin aber lange bigott, inkonsequent und selektiv. Mit Argusaugen achtet man stets darauf, weiblichen Figuren keine zu offensichtlichen Brüste und keine zu laszive Optik zu verpassen. Sex? Nicht doch! Gleichzeitig aber hatte das Unternehmen keinerlei Hemmungen, eine Gruppe arbeitender Schwarzer im Film „Dumbo“ von 1941 rassistischen Unflat singen zu lassen: „We slave until we’re almost dead / We’re happy-hearted roustabouts“ und „Keep on working / Stop that shirking / Pull that rope, you hairy ape.“ („Wir schuften bis wir fast tot sind / Wir sind glückliche Handlanger“ und „Arbeite weiter / Hör auf, dich zu drücken / Zieh das Seil, du haariger Affe.“)

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Mitverantwortlich ist auch Walt Disney

Disney war nie ein Chronist der Wirklichkeit. Der Konzern hat als Pionier der Tricktechnik – unter munterer Ausbeutung der europäischen Sagenwelt – moderne Filmmärchen geschaffen, keine Reportagen. In Wahrheit können Elefanten gar nicht mit den Ohren fliegen! Es gibt kein Biest, das per Kuss zu einem schmucken Jüngling wird. Und eine Ente ohne Hose kann keine Gans zum Cousin haben. Bei den rassistischen Entgleisungen freilich handelt es sich nicht um missglückte Scherzlein oder Gedankenlosigkeiten. Die Ursache für die Sünden der Vergangenheit dürfte in tiefer liegenden Ressentiments liegen, für deren Eingang in die Disney-Firmenkultur durchaus auch der Firmengründer Walt Disney selbst mitverantwortlich sein dürfte.

Sehnsucht nach der heilen Welt: Schauspielerin Drew Barrymore mit Minnie-Maus-Darstellerin in World Disney World in Florida. © Quelle: Walt Disney Resorts via Getty Im

Walt Disney, am 2. Dezember 1901 in Chicago geboren und in der kuscheligen Kleinstadt Marceline (Missouri) aufgewachsen, war kein Visionär. Er entwarf keine großen Weltenpläne, sondern befriedigte nur seine eigene Sehnsucht nach der heilen Welt, in der gut und böse klar getrennt sind, in der Humor „sauber“ ist – jedenfalls aus Sicht einer weißen Mehrheitsgesellschaft – und niedliche, großäugige Tierchen über grüne Wiesen huschen. Das Konservative, also wörtlich „das Bewahrende“, das sentimentale Heimweh nach Jugend, die Verlängerung der Kindheit bis zum Tod, war sein Lebensthema. „Ich bin Folklore“, sagte er einmal. „Ich bin Apfelkuchen, Vanilleeis, Popcorn und ein Lied, das jeder summt. Und Mickey Mouse ist mein Prophet.“

Auch Disneys Filme spiegeln die Zeit, aus der sie stammen

Walt Disney hat nach Auffassung von Historikern durchaus Interesse am Gedankentum der Nazis gezeigt. In den Dreißigerjahren nahm er an Treffen der Pro-Nazi-Organisation German American Bund teil. Und er war Gastgeber für Leni Riefenstahl, Adolf Hitlers favorisierte Filmpropagandistin. Das Erfolgsrezept seiner Filme, die Realitätsferne, übertrug er auch auf das echte Leben. Beim großen Streik seiner unterbezahlten Zeichner 1941 witterte er eine „kommunistische Verschwörung“. In der McCarthy-Ära war er williger Denunziant und Vizepräsident der „Filmallianz für die Erhaltung amerikanischer Ideale“.

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In den ersten Jahren war seine Firma eine reine Männergemeinschaft. Walt Disney bestand strikt auf Geschlechtertrennung. „Mädchen“, sagte er später, „haben mich nur gelangweilt. Und so ist es bis heute geblieben. Frauen haben einfach andere Interessen.“

In diesem Punkt war die Firma stets unfreiwillig aufrichtig: Die Machart ihrer Filme spiegelte präzise den Zeitgeist wieder, in dem sie entstanden. Beispiele für anachronistische und verletzende Disney-Inhalte gibt es zuhauf:

  • In „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ küsst der Prinz das schlafende Schneewittchen ohne dessen explizite Zustimmung. Das würde man heute wohl als sexuell übergriffig werten müssen. Es ist ein klassischer Harvey-Weinstein-Moment.
  • In „Peter Pan“ von 1953 treten amerikanische Ureinwohner als steretotype Abziehbildindianer in Erscheinung, die statt einer tatsächlich existierenden Native-American-Sprache einfach irgendwelchen Unfug brabbeln und noch dazu ein Lied namens „What Made the Red Man Red“ singen („Was hat den Roten Mann rot gemacht“).
  • Im Film „Dumbo“ weisen die Krähen, die der junge Elefant kennenlernt, klare schwarze Stereotype auf. Zudem heißt der Anführer „Jim Crow“ (Jim Krähe), ein mehr als unglücklicher Kalauer, denn die Jim-Crow-Gesetze bezeichnen in der amerikanischen Rechtsprechungsgeschichte eine Reihe von Gesetzen, mit denen die Rassentrennung von 1877 bis 1964 festgeschrieben wurde.
  • Ganz und gar im Disney-Giftschrank verschlossen ist ein Machwerk von 1946 namens „Song of the South“. Es ist ein Realfilm mit Trickelementen, der das vermeintlich rosige Leben des ehemaligen schwarzen Sklaven „Onkel Remus“ auf einer Südstaatenplantage im 19. Jahrhundert als fröhliches Musical in lustig-bunten Farben schildert und sofort nach seinem Erscheinen heftig kritisiert wurde.
  • Auch die Geschichte der jungen „Pocahontas“ aus dem Film von 1995 erzürnte nicht wenige amerikanische Ureinwohner, weil er die Romanze zwischen der jungen Indianerin und dem weißen englischen Siedler John Smith als rührendes Versöhnungsmärchen erzählt, in dem die Liebe der beiden Menschen ihre Kulturen versöhnt – inklusive Happy End. „Ich habe mit Disneys ‚Pocahontas‘ meine Probleme“, sagte etwa Kenzie Allen, Nachkomme des Oneida-Stammes der Indianer von Wisconsin, dem Magazin „The Atlantic“. Der Film mache die Ureinwohner zwar sichtbar, schaffe aber „eine falsche Realität, die durch die vorherrschende Kultur wiedergegeben wird und die immer versucht, die schrecklichen Methoden zu beschönigen, mit denen sie ein ganzes Land besetzten“. Und, so muss man ergänzen, dabei Millionen Menschen grausam töteten.

Die „kommentierte Ausgabe“ – ein guter Kompromiss

Es dürfte ein unmögliches Unterfangen sein, das kulturelle Gesamtwerk der letzten 2000 Jahre um die Verstöße gegen den jeweils aktuellen Moralcodex zu bereinigen, es sozusagen permanent „auf Stand“ zu halten. Ein clevererer Umgang als die profane Löschung sämtlicher fragwürdiger Inhalte jedoch könnte tatsächlich die „kommentierte Ausgabe“ sein, wie sie nun Disney praktiziert, zumindest für Bewegtbilder. Es ist ein guter Kompromiss.

Der Streamingdienst HBO Max hat jüngst etwa das Südstaatenepos „Vom Winde verweht“ von 1939 aus seinem Angebot genommen – und es wenig später neu veröffentlicht: mit einer viereinhalbminütigen Videoeinführung zum Thema Rassismus, die vor dem eigentlichen Film zu sehen ist.

Spricht sich für Erklärhinweise statt Löschung aus: Schauspieler Idris Elba.

Auch Idris Elba, dunkelhäutiger britischer Schauspieler, der durch seine Rollen in den Thrillerserien „The Wire“ und „Luther“ bekannt wurde, hat sich dafür ausgesprochen, die betroffenen Titel nicht zu löschen, sondern mit entsprechenden Hinweisen auf die Zeit und die Kultur ihrer Entstehung im Angebot zu belassen. Er sehe die Gefahr, sagte er der britischen Zeitung „The Times“, dass Fernseh- und Filmgeschichte damit „unterdrückt, vergessen und umgeschrieben wird“.

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