Queen of Drags: Die falsche Opferrolle der Heidi Klum

  • Heidi Klum fühlt sich diskriminiert. Weil sie „hetero, weiß und eine Frau“ ist.
  • Mit ihrem Gejammer in der Sendung „Queen of Drags“ dreht Klum die Kritik an ihrem Wirken einfach um – und begibt sich in die Opferrolle.
  • Das ist falsch und ziemlich durchschaubar, findet unser Autor.
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Hannover. Fast könnte man ein bisschen Mitleid mit Heidi Klum haben. Sichtbar unwohl schlängelt sich das Supermodel durch die Villa der „Queen of Drags“, steht dann als Einzige gänzlich unverkleidet im Schlafzimmer der Kandidaten, fragt schüchtern, ob sie sich denn eigentlich auch verrückt schminken dürfe – oder ob sie dann „Ärger mit der Community“ bekomme.

So unsicher hat man Klum selten gesehen – und tatsächlich kauft man ihr das für einen kurzen Moment sogar ab. Wochenlang war über ihre Rolle als Jurorin bei der neuen Pro7-Show „Queen of Drags“ diskutiert worden. Vor allem aus der LGBT-Szene gab es viel Kritik. Ausgerechnet Heidi Klum, die seit Jahren junge Frauen castet, die unbedingt der Norm der Modeindustrie entsprechen müssen, soll nun eine Dragqueen-Show moderieren? Ernsthaft?

Für die erste Sendung, die am Donnerstag im Fernsehen ausgestrahlt wurde, entschied man sich offenbar, in die Offensive zu gehen und ließ Klum das Thema vor laufender Kamera ansprechen.

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„Nur weil ich hetero bin“

Sie halte die Kritik im Vorfeld für „total gemein“. Sie sei schließlich offen und tolerant gegenüber allen Menschen. „Egal was für eine Farbe sie haben, wie alt sie sind, wo sie herkommen, oder wen sie lieben, ob das ein Mann oder eine Frau ist“, so Klum. Ihre Kritiker hingegen bezeichnet sie als „untolerant“. „Das verstehe ich nicht.“

Klum selbst müsse sich ja auch „so viele verletzende Sachen“ anhören, zuletzt zum Beispiel, dass sie zu alt für ihren Mann sei. Das sei ja auch "Shaming". Die Kritik der vergangenen Wochen führt die 46-Jährige vor allem auf einen Grund zurück: „Weil ich hetero bin, weiß bin und eine Frau bin.“

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Spätestens das ist der Moment, wo auch der letzte Funken Mitleid für das Supermodel verfliegt und man seinen Fernseher grob schütteln möchte. Denn mit dem Gejammer verdreht Klum gekonnt die Kritik an ihrem eigenen Schaffen – und bringt sich selbst in die Opferrolle. Als dann auch noch die Dragqueens ihr beipflichten und von „Toleranz“ oder „Doppelmoral“ schwadronieren, ist das Thema in der Sendung endgültig abgehakt.

Wenn es nur ums Aussehen geht

Tatsächlich wurde Heidi Klum im Vorfeld gar nicht deshalb kritisiert, weil sie eine Frau oder weiß oder heterosexuell ist. Nicht das ist der Grund, warum sie eine fragwürdige Besetzung für eine LGBT-Sendung ist, in der es vor allem auch um Toleranz gehen sollte. Sondern weil sie selbst seit 13 Jahren eine Castingshow moderiert, in der junge Menschen am laufenden Band herabgewürdigt werden.

Heidi Klum entscheidet seit Jahren bei „Germany's next Topmodel“ (um mal Roger Willemsen zu zitieren) über „wertes und unwertes“ Leben – und das einzig und allein aufgrund des Aussehens. Wenn doch mal jemand abseits der Norm in der Castingshow aufsteigen darf, dann nur deshalb weil es gerade „in“ ist. So war zuletzt beispielsweise ein Transgender-Model dabei, das aber selbstverständlich am Ende nicht gewinnen durfte, sondern nur einen „Personality Award“ als Trostpreis bekam.

Wenn die Öffentlichkeit über die Gefahr des Magerwahns diskutiert, lässt man Heidi vor der Kamera alle Nase lang Döner essen. Und wenn im Netz zahlreiche junge Frauen mit dem Hashtag #NotHeidisGirl gegen die oberflächliche Reduzierung auf perfekte Körper protestieren, lädt man in die Sendung ein Supermodel mit Hautkrankheit als Gastjurorin ein.

Vielleicht lernt Heidi ja was

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Toleranz gibt es bei „Germany's next Topmodel“ immer nur dann, wenn sie zur eigenen Verteidigung dient oder gerade hipp ist. Danach kommt sie, wie das nicht mehr zeitgemäße Kleidungsstück, zurück in die Klamottenkiste. Dann werden die „Mädchen“ wieder zur Perfektion gedrillt – am liebsten natürlich mit einem tränenreichen Besuch beim Friseur oder einer besonders unwürdigen Challenge.

„Germany's next Topmodel“ ist Intoleranz in Perfektion. Und wenn Heidi Klum nun eine Dragqueen-Show moderiert, dann kann man schon mal die Frage nach ihrer Motivation aufwerfen. Tut sie das wirklich, weil sie eine „unglaublich tolerante, offene Frau“ ist, wie Mitjuror Bill Kaulitz sagt? Oder tut sie das, weil Buntes und Schrilles im Fernsehen momentan ganz gut läuft – und weil es mit „RuPaul's Drag Race“ ein noch dazu überaus erfolgreiches Vorbild in den USA gibt?

Dass Heidi Klum nun Moderatorin der Sendung ist, lässt sich nicht mehr ändern. Umso schöner wäre es aber, wenn sie durch die „Queen of Drags“ etwas lernen würde. Dass es nämlich auch im Showbusiness nicht nur um die Norm geht. Und dass Ungewöhnliches genauso wertvoll ist wie das Glattgeleckte. Würde sie nur einen kleinen Funken davon bei ihrem eigenen Schaffen und Wirken berücksichtigen, fällt die Kritik in Zukunft vielleicht nicht mehr ganz so hart aus.