Spekulationen über Doppelgänger als Vertretung

Wie echt war Putins Mariupol-Ausflug?

Wladimir Putin soll das von Russland zerstörte Mariupol besucht haben.

Wladimir Putin soll das von Russland zerstörte Mariupol besucht haben.

Hannover. Die Bilder wirken reichlich bizarr: Wladimir Putin lenkt ein Auto durch das ukrainische Mariupol. Er sitzt selbst am Steuer eines Toyotas mit holzfarbenen Armaturen, hält stets beide Hände fest am Steuer – während neben ihm der russische Vizeregierungschef Marat Chusnullin von allen möglichen Bauprojekten schwärmt. Auf der Rückbank des Autos: ein Mensch mit Kamera, dem es jedoch fast nie gelingt, das Gesicht von Russlands Staatschef durch den Rückspiegel oder von der Seite einzufangen.

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Nach der Spritztour läuft Putin durch einen neuen Wohnblock, der nach dem russischen Angriff auf die Küstenstadt und den massiven Zerstörungen neu errichtet worden sein soll. Putin besichtigt eine neue Wohnung, in der ein älterer Herr lebt, unterhält sich dann vor dem Haus locker mit Anwohnerinnen und Anwohnern – eine Frau schwärmt von einem „kleinen Stückchen Paradies“, das man jetzt hier durch den Wiederaufbau habe.

Es ist nicht der einzige überraschende Besuch des russischen Staatschefs in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine: Auch die bereits 2014 annektierte Krim soll Putin in der vergangenen Woche nach Angaben des Kremls besucht haben. Bilder des russischen Staatsfernsehens zeigen ihn, wie er, vorbei an historischen Gebäuden, durch die Hafenstadt Sewastopol läuft, eine neue Kunstschule und ein Museum besucht, interessiert alle möglichen Dinge ansieht oder anfasst.

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Zweifel an Echtheit der Videos

Kann das alles echt sein? Darüber ist in den sozialen Netzwerken inzwischen eine hitzige Debatte entbrannt. Tausende Kommentatorinnen und Kommentatoren teilen Zeitlupen und herangezoomte Ausschnitte der Propaganda­aufnahmen, um zu belegen, dass irgendetwas mit den Bildern nicht in Ordnung sei. Wladimir Putin, der sich in den vergangenen Monaten kaum in der Öffentlichkeit blicken ließ, der dafür bekannt ist, sich abzuschotten und selbst in seinem eigenen Regierungsgebäude kaum jemanden an sich heranzulassen, soll nun, umringt von allen möglichen Menschen, durch die besetzten ukrainischen Gebiete marschieren? Niemals. So zumindest die häufige Deutung in den sozialen Medien.

Auch einige Expertinnen und Experten haben Zweifel an der Echtheit der Aufnahmen. Anton Geraschtschenko, Berater des ukrainischen Innenministers, postete ein Foto auf Twitter, in dem er die üblichen Sicherheitsvorkehrungen Putins seinem vermeintlichen Besuch in Mariupol gegenüberstellte. Das erste Foto zeigt Putin an einem langen Tisch in einem Regierungsgebäude. Am anderen Ende des Tisches sitzen die Mitglieder seines Sicherheitsrates – in sicherer Entfernung. „Zwei Fotos“, kommentiert Geraschtschenko. „Hat er mehr Angst vor seinen Beamten als vor den ‚Bewohnern‘ von Mariupol?“

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Was Geraschtschenko noch andeutet, formuliert Stephen Hall deutlicher. Der Dozent für russische und postsowjetische Politik an der Universität Bath in England schreibt auf Twitter: „Erstaunlicherweise scheint Putin Mariupol besucht zu haben.“ Ein Urteil wolle er sich jedoch noch vorbehalten: „Putin hat viele Doubles und die ‚dankbaren‘ Bewohner waren wahrscheinlich Sicherheitspersonal in Zivil!“

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Der schwedische Osteuropa­experte Anders Aslund geht ebenfalls von einem Doppelgänger Putins aus. „Putins ‚Besuch‘ in Sewastopol und Mariupol bekräftigt eher bisherige Indizien, dass Putin mit einem Double arbeitet“, schrieb Aslund bei Twitter. „Saddam Hussein hat es genau so gemacht“, so der Experte weiter.

Die Sache mit dem Doppelgänger

Die Doppelgängertheorie bei öffentlichen Putin-Auftritten ist tatsächlich keine neue. Bereits im Januar dieses Jahres hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Überlegung ins Spiel gebracht, Putin könnte möglicherweise gar nicht mehr leben.

„Ich begreife nicht endgültig, ob er am Leben ist“, so Selenskyj damals per Video beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Er sei sich nicht sicher, ob der auf den Bildschirmen gezeigte 70-Jährige der echte Putin sei. Unklar sei auch, wer in Russland überhaupt Entscheidungen treffe.

Der ukrainische Militärgeheimdienstchef Kyrylo Budanow hatte im Oktober vergangenen Jahres der „Daily Mail“ gesagt, er gehe von mehreren Doppelgängern Putins aus. Man habe in der Vergangenheit Putin-Doppelgänger entdeckt, die ihn bei „besonderen Anlässen“ vertreten hätten, aber mittlerweile sei das „übliche Praxis“. „Wir wissen genau von drei Leuten, die immer wieder auftauchen, aber wie viele es sind, wissen wir nicht“, so Budanow. „Sie hatten alle eine plastische Operation, um gleich auszusehen.“

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Putin begibt sich nicht in Menschenmassen

Auch der frühere Putin-Verbündete und heutige Kremlkritiker Igor Girkin ist davon überzeugt. In einem älteren Videointerview, das nun vielfach verbreitet wird, sagte er: „Wenn ich einen Fake-Putin in der Menge sehe, weiß ich sofort, dass ich einen Doppelgänger sehe.“ Der „echte Putin“ hingegen sei immer bestens geschützt. Dieser habe etwa an Weihnachten allein in der Kremlkirche gesessen. „Allein! Wahrscheinlich hatten die Priester Angst, ihm zu nahe zu kommen. Wahrscheinlich gab es einen Scharfschützen, der sie warnte, dass er sie erschießen würde, wenn sie näher als 20 Meter kämen“, so Girkin.

Auch Putin selbst hatte die Doppelgängertheorie einmal ins Spiel gebracht. Ihm sei aus Sicherheitsgründen die Nutzung von Doppelgängern bei offiziellen Terminen ans Herz gelegt worden, so der russische Präsident damals. „Die Idee kam auf, aber ich habe auf Doppelgänger verzichtet“, so Putin.

Bei den aktuellen Aufnahmen von der Krim und aus Mariupol fällt die Theorie nun auf fruchtbaren Boden. In Dutzenden Tweets versuchen Nutzerinnen und Nutzer zu beweisen, dass es sich bei der Person auf den Videoaufnahmen nicht um den echten Putin handele – und sie werden fündig.

Putin besucht erstmals besetzte Gebiete in der Ukraine
SCREENSHOT - 19.03.2023, Ukraine, Mariupol: Auf diesem Foto aus einem vom russischen Fernsehsender Pool am 19. März 2023, veröffentlichten Video besucht Wladimir Putin (l), Präsident von Russland, in Begleitung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Marat Khusnullin das Mariupol-Theater während seines Besuchs in der Stadt. Erstmals seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat Kremlchef Wladimir Putin die besetzten Gebiete des Nachbarlandes besucht. Foto: Uncredited/POOL Russian TV/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Erstmals seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat Kremlchef Wladimir Putin die besetzten Gebiete des Nachbarlandes besucht.

Diskussionen über Gesundheitszustand

Ein Nutzer etwa schneidet einen kurzen Moment aus dem Autovideo, in dem der russische Präsident einmal leicht zur Seite blickt. Dieser „Klon“ sehe eher aus wie eine schlechte Putin-Parodie, meint der User – aber nicht wie der russische Präsident selbst.

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Beim Gang durch Sewastopol spinnen Nutzerinnen und Nutzer die Theorie, der angebliche Doppelgänger könnte eine Maske tragen und sie beim Gehen zurechtrücken. Andere analysieren den Gang des russischen Präsidenten. Putin sei bekannt dafür, immer den rechten Arm beim Gehen stillzuhalten – warum das so ist, darum ranken sich wiederum ganz eigene Theorien. In diesem Fall allerdings schwinge der rechte Arm mit.

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Zudem hinkt Putin beim Gehen – während er bei seiner Rede an die Nation im Februar noch ganz fit und munter wirkte. Dies heizt auch erneut Spekulationen über den Gesundheitszustand des russischen Präsidenten an. In den vergangenen Jahren hatte es immer wieder Gerüchte gegeben, dass Putin an Bauchspeichel­drüsenkrebs, Prostatakrebs oder an Parkinson leiden könnte. Der Kreml dementierte stets jegliche Gerüchte.

Ist der Neubau echt?

Zumindest die besuchten Orte scheint es zu geben. Der Chefredakteur der Website „New Voice of Ukraine“, Euan MacDonald, analysierte in einem Twitter-Post die Videoaufnahmen des Wohnkomplexes in Mariupol genauer. Da es sich um einen Neubau handelt, sei schwer zu überprüfen, ob das Gebäude wirklich in Mariupol stehe – es stimme aber mit früher vom Kreml verbreiteten Fotos überein.

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„Dass derselbe Gebäudekomplex mit rund 600 Menschen immer wieder in der russischen Propaganda über Mariupol auftaucht, deutet für mich darauf hin, dass sie wahrscheinlich nicht viel mehr gebaut haben“, analysiert MacDonald. „Es ist alles nur Show, also war es sehr wahrscheinlich ein Stopp für Putin in der Stadt.“

Für die Echtheit spricht auch, dass der Putin-Besuch im Neubaugebiet offenbar durch einen kritischen Zwischenruf einer Passantin gestört wurde. „Das ist alles Lüge, das ist für die Show“, soll die Frau, kaum vernehmbar, im Hintergrund gerufen haben. Nach dem Ruf drehten sich Leute aus der Umgebung Putins um und gaben Handzeichen.

Staatsnahe russische Medien verbreiten mittlerweile nur noch eine geschnittene Version des Videos – der Zwischenruf wurde entfernt.

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