Publikum bezahlt und gecastet? Kubicki irritiert mit Talkshowkritik

  • In einer Talkrunde verbreitet FDP-Politiker Wolfgang Kubicki den Mythos, in den deutschen Politik-Talkshows säße “bestelltes” Publikum.
  • Die Theorie ist auch in rechten Kreisen sehr beliebt.
  • Was ist dran?
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Hannover. Dass mit den Politiktalkshows der öffentlich-rechtlichen Sender nicht alles ganz geheuer ist, das ist seit Langem eine beliebte Verschwörungstheorie – vor allem in rechten Kreisen. Seit dieser Woche hat der Mythos noch einen prominenten Vertreter dazugewonnen: den FDP-Politiker Wolfgang Kubicki. Er saß am Montag in der Sendung “Timeline” von Micky Beisenherz (N-TV) und säte erheblichen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der etablierten Talksendungen.

Thema der Sendung? Natürlich Corona. Kubicki sitzt gemeinsam mit Journalistin Hatice Akyün und Gastgeber Beisenherz im leeren Talkstudio und soll sich zur aktuellen Lage äußern. Es geht um Ladenöffnungen, Schulboykott und Sommerurlaub – bis Akyün auf das Thema Polit-Talkshows lenkt.

“Das sind ja keine freien Leute”

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“Was ich nicht vermisse, das sind die alten Talkshows”, so Akyün. “Ich merke durch diese Krise, das hat so an Substanz gewonnen. Die Diskussionen, weil da auch Virologen und Wissenschaftler sitzen. (…) Das war wirklich erholsam, bei allen politischen Talkshows.”

Beisenherz hakt nach: “Hat das auch damit zu tun, dass kein Publikum im Studio ist?” Akyün bestätigt das: “Ja, das ist sehr angenehm. Dieses ständige Klatschen dazwischen. Das ist wirklich angenehm, sich mal auf das Gespräch und die Argumente zu konzentrieren.”

Dann fragt Beisenherz Talkshow-Dauergast Kubicki: “Vermissen Sie das Publikum bei den Talkshows?” “Das im Saal nicht”, antwortet Kubicki. “Das sind ja keine freien Leute, die einfach so kommen, sondern in der Regel Leute, die bestellt kommen.”

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Applaus von Verschwörungstheoretikern

“Bitte?”, fragt Beisenherz ungläubig. Kubicki: “Ja, selbstverständlich ist das so, machen wir uns nichts vor. Die auch deshalb da sind, damit sie die Argumentation desjenigen, der gerade spricht …” Beisenherz unterbricht erneut: “Bei Lanz ist das aber nicht so, bei Lanz sitzt auch das neutrale Publikum.” Kubicki: “Bei Lanz sitzt auch das neutrale Publikum. Das liegt aber wahrscheinlich an der Uhrzeit, das ist zu spät für die Mitarbeiter. Die werden so spät nicht mehr bezahlt.”

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Mitbekommen hat die denkwürdige Talkshowkritik des FDP-Politikers in dieser Woche kaum jemand – außer die Blase der Verschwörungstheoretiker. Die liefen kurz nach der Sendung auf Twitter zur Hochform auf: “Herrlich, jetzt ist die Katze aus dem Sack. Ab der Minute 33:18 gibt der #Bundestagsvizepräsident Wolfgang #Kubicki #FDP offen zu, dass bei politischen #Talkshows ein bezahltes Klatsch-#Publikum sitzt”, schrieb beispielsweise ein AfD-Blogger.

Ein anderer twitterte: “Schaut euch mal die Sendung ‘Timeline’ N-TV von heute an. Mit Micky Beisenherz. Kubicki plaudert dort über Talkshows. Er sagt, dass die Zuschauer bewusst ausgesucht werden.”

Ein Nutzer merkt an: “Wolfgang Kubicki von der FDP hat gerade in der N-TV-Sendung #timeline einen rausgehauen! Das Publikum der meisten politischen Talkshows sei bestellt (oder es seien sogar Mitarbeiter). Er ist gewissermaßen unter die ‘Verschwörungstheoretiker’ gegangen.” Eine Nutzerin schreibt: “Schade auch, dass Beisenherz nicht deutlich widerspricht." Der Moderator selbst reagiert: “Es wurde natürlich nicht unkommentiert hingenommen.”

Youtube-Videos säen Zweifel

Das Gerücht, im Publikum der TV-Talkshows säßen nur bezahlte Leute, hält sich bereits seit Jahren. Vor allem AfD-Politiker und deren Fans beschweren sich regelmäßig darüber, weil ihre Partei ihrer Ansicht nach in den Sendungen nicht genügend Applaus bekomme.

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Auf Youtube machen derweil die Verschwörungstheoretiker Stimmung: In einem Video des Kanals “Nuo Viso” heißt es mit reißerischer Überschrift: “Talkgast enthüllt: Publikum bei Polittalkshows gecastet?” Darin berichtet eine Frau, die Gast in einer ZDF-Wahlsendung war, sie habe von einer Redakteurin erfahren, das Publikum werde gecastet. Der Moderator selbst hat noch mehr zu berichten: Eva Hermann habe ihm erzählt, es gebe gar einen Anklatscher, der das Publikum anweisen würde, wann zu buhen sei.

Sender reagieren eindeutig

Doch was ist dran an dem Vorwurf? Nachgefragt beim ZDF heißt es eindeutig. “Die Vorwürfe von Herrn Kubicki sind nicht zutreffend. Das Publikum bei ‘Maybrit Illner’ ist selbstverständlich neutral. Die etwa 100 Studiozuschauer erwerben Tickets Monate, bevor Thema und Gäste feststehen”, so eine Sprecherin gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Jeder Talkgast dürfe zudem von maximal vier Personen in die Sendung begleitet werden.

Auch die ARD antwortet deutlich: “Das Studiopublikum bei ‘Anne Will’, ‘Hart aber fair’ und ‘Maischberger’ wird weder gecastet noch honoriert, sondern es handelt sich um interessierte Bürgerinnen und Bürger.” Jedoch gebe es auch Sendungen, in denen Gäste ihre Begleitungen mitbringen dürfen.

Genau dieser Umstand sorgt jedoch immer mal wieder für ungewöhnliche Situationen. So jubelte beispielsweise im Jahr 2016 der Sprecher des damaligen Justizministers Heiko Maas (SPD) seinem Chef laut bei “Anne Will” zu. Akzeptiert wurde das aber nicht: Ein süffisanter Kommentar von Moderatorin Will ließ den Claqueur schließlich auffliegen.

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