“Promis unter Palmen”: Ein Mobbingexzess zur besten Sendezeit

  • Vor laufenden Kameras wird eine Trash-TV-Kandidatin beleidigt, ausgegrenzt und massiv drangsaliert.
  • Sat.1 untermalt die Szenen genüsslich mit Musik und Effekten, macht einen Mobbingexzess zur Unterhaltungsshow.
  • Der Fall muss Folgen haben, findet unser Autor – mindestens für die beteiligten Kandidaten.
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Köln. Wir müssen über “Promis unter Palmen” sprechen. Nein, bitte nicht wegklicken. Ich weiß, Sie gucken das nicht, ich guck es ja auch nicht. Wir alle gucken es nicht, und wenn, dann nur ironisch – klar. Aber was sich am Mittwochabend zur besten Sendezeit im Programm von Sat.1 abgespielt hat, muss an dieser Stelle einmal für die Nachwelt festgehalten werden.

Es geht um eine Mobbingorgie vor laufenden Kameras. Um Ausgrenzung, um übelste Herabwürdigungen, Beschimpfungen und Beleidigungen, um eine weinende Frau, die am Ende ihre Koffer packt und auszieht. Und um einen Sender, dem inzwischen offensichtlich alles scheißegal ist.

Für all diejenigen, die wirklich nichts mit der Sendung anfangen können, sei sie zumindest einmal kurz erklärt: “Promis unter Palmen”, was seit Ende März bei Sat.1 ausgestrahlt wird, ist grob gesagt so etwas wie das “Dschungelcamp”, nur anders. Also: Ein paar Z- bis Sonderzeichen-Promis sind irgendwo zusammen eingepfercht (in diesem Fall ist es eine Villa in Thailand), und dann wartet man einfach, was passiert.

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Und ja verdammt, das kann verdammt unterhaltsam sein. Denn die selbst ernannten “Promis” sind herrlich schrill und egozentrisch. Je unbekannter der Hausgast, desto größer sein Ego. Jeder kämpft für sich und allen ist jedes Mittel recht – schließlich geht es um eine Siegerprämie von 100.000 Euro. Und dann sind da noch Figuren wie Tobias Wegener – ein Muskelprotz mit Rechenschwäche, der sich im Laufe der Sendung als butterweicher, treuer Freund fürs Leben entpuppt, den man einfach nur den ganzen Tag knuddeln möchte.

Das Feindbild: Claudia Obert

Aber genug des Lobes. In der Sendung ist auch Claudia Obert zu Gast. Sie ist Luxusmode-Unternehmerin aus Hamburg – und sie wird, um es mal vorsichtig auszudrücken, von ihren Mitkandidatinnen und -kandidaten nicht sonderlich gemocht.

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Ich erspare Ihnen die Details – nur so viel: Es kommt zum Streit und die Modeunternehmerin wird zunehmend von der Gruppe isoliert. In der Folge vom Mittwoch ist Obert schließlich allein auf einem Balkon zu sehen, während unten an der Bar die gesamte restliche Gruppe über sie herzieht.

Was dann passiert, sei nun einmal zu Protokoll gegeben.

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“Das ist keine Frau, das ist ein Viech”

Die Kandidaten sitzen am Gartentisch, hier klären “Lifecoach” Bastian Yotta, Krawallschachtel Matthias Mangiapane und Ex-“Bachelor”-Kandidatin Carina Spack die Rahmenbedingungen für den weiteren Verlauf des Abends. Spack nennt Obert eine “Hure”. Später am Pool: “Ich könnte die so wegtreten.” Yotta: “Das ist die unerotischste Frau, die ich je gesehen hab.” Mangiapane: “Das ist keine Frau, das ist ein Viech. (...) Das ist so ne richtige Pottsau.” Yotta: “Die ist doch schizo, die Alte. Bipolar.” Währenddessen zeigt Sat.1, unterlegt mit dramatischer Musik, wie Claudia Obert sich bettfertig macht.

Die Gruppe im Garten schmiedet derweil Pläne, wie man Claudia heute Abend bestmöglich drangsalieren könnte. Schnitt auf Mangiapane: “Das ist so eine Hohlbratze, die Alte. Weißte, was du da brauchst: einen Feuerwehrschlauch. Einen Feuerwehrschlauch, und dann gib ihm.” Carina Spack lacht hysterisch auf, die Musik spielt weiter. “Das wär geil, dieses weiße Zeug in der ganzen Bude, und die schön von oben bis unten voll. Nimm doch mal den Teller mit Lachs und versteck den bei ihr im Koffer. Was meinste, wie gut die riechen tut, die Gute.” Spack: “In die Unterwäsche schmieren.”

Aufgepeitscht von Mobbingfantasien, wechselt die Gruppe ins Haus, wo Obert bereits dösend im Bett liegt. Und dann geht es los: Spack knistert laut mit einer Chipstüte, es fallen Sätze wie: “Weißt du, was wir alle haben, was du nicht hast: Jemanden zu Hause, der sich freut, wenn wir zurückkommen.”

“Der ausgedrückte Pickel erinnert mich an Claudia”

Dann betritt Bastian Yotta den Raum. Ein selbst ernannter “Lifecoach”, der zuletzt vor allem durch frauenverachtende Videos aufgefallen war. Er wendet sich mit dem Gesäß in Richtung Claudia: “Boah, ich hab so Blähungen.” Spack lacht: “Immer in die Richtung, immer in die Richtung.” Yotta: “Eigentlich schade, dass die Claudia nicht da ist, irgendwie vermisse ich sie. Hat die irgendjemand gesehen?” Spack: “Schon lang nicht mehr.” Spack kaut laut ihre Chips, Yotta räuspert sich laut. Spack kichert.

Dann kommt Yotta aus dem Badezimmer: “Ich habe mir grad einen Pickel ausgedrückt. Und dieser Eiter erinnert mich doch glatt an jemanden, den ich vor Kurzem noch gesehen habe. Ungefähr vor zwei Sekunden.” Er blickt zu Claudia. Währenddessen zieht Mangiapane weiter im Garten über die Modeunternehmerin her.

Am Ende zieht Claudia Obert weinend ins Wohnzimmer – und am nächsten Tag komplett aus dem Haus. Freiwillig. Inszeniert wird all das in bester Privatfernsehenmanier: Mit dramatischen Schnitten, Filmmusik, Zooms auf das verheulte Gesicht, unterlegt mit hallendem hämischen Lachen.

Nur einer schreitet ein

Nun könnte man argumentieren, dass so was nun mal zu einer Trashsendung dazugehört. Dass es sich bei den Protagonisten doch sowieso um egozentrische Krawallpromis handelt, und die ganze Show ja ohnehin nur auf Ärger ausgelegt ist.

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Doch so einfach ist es nicht. Mit “Promis unter Palmen” hat der Sender am Mittwochabend einen waschechten Mobbingexzess zur Unterhaltungssendung gemacht – und damit salonfähig. Für Menschen, die alltäglich mit genau diesem Problem zu kämpfen haben, dürfte das ein Schlag ins Gesicht sein – denn für sie ist Mobbing keineswegs unterhaltsam.

Sollte Sat.1 also jemals so etwas wie Verantwortung für sein eigenes Programm empfunden haben, so hat man diese an diesem Abend erfolgreich an Tobias Wegener abgegeben. Sie erinnern sich, der Knuddelbär. Er war nämlich der einzige Kandidat in der Runde, der an diesem Abend die Stimme gegen seine Mitkandidaten und für Claudia Obert erhoben hat.

Der Fall muss Folgen haben

Hinzu kommt noch ein weiteres Problem: Mit Aktionen wie dieser haben sich Figuren wie Spack oder Mangiapane schon jetzt für die nächste Krawalltrashshow qualifiziert – um dann wieder von Millionen Zuschauern ironisch abgekultet zu werden. Dabei sollte eigentlich das Gegenteil der Fall sein: Wer Menschen mobbt, sollte überhaupt nicht in TV-Shows zu sehen sein und gefeiert werden. Sender sollten sie boykottieren, Zuschauer sollten ihnen keine Reichweite auf Instagram schenken.

Sat.1 scheint das Problem bislang nicht erkannt zu haben. Dass es je passieren wird, ist fraglich. Gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) argumentierte eine Sprecherin am Donnerstag: “Bei der Realityshow ‘Promis unter Palmen’ handelt es sich – wie der Name schon sagt – um eine Show mit realityerfahrenen Promis, die ihre Sendezeit daher meist sehr gezielt zu nutzen wissen und sich sehr bewusst sind, dass die Kamera permanent läuft. Wir schreiben den Promis nicht vor, wie sie sich als erwachsene Menschen zu verhalten haben. Wichtig ist: Kein Teilnehmer ist zu Schaden gekommen, die Sicherheit am Set war stets gewährleistet.”

Die Twitter-Community hingegen reagierte am Mittwoch deutlich sensibler auf das Thema. Bleibt zu hoffen, dass der Fall doch noch Konsequenzen hat – wenigstens für die beteiligten Kandidaten.

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