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Polizisten als Mörder: Wie “Bild” aus einer Satire einen ARD/ZDF-Skandal macht

  • In einem Filmclip bei “Funk” brandmarkt der Komiker Aurel Mertz deutsche Polizisten als Rassisten und Mörder.
  • Die “Bild”-Zeitung verfällt in Schnappatmung – und Sachsen-Anhalts CDU will die Beitragserhöhung für ARD und ZDF stoppen.
  • Man kann das Video kritisch sehen, findet Imre Grimm in seinem Kommentar. Aber daraus ein Generalversagen von ARD und ZDF abzuleiten, ist falsch.
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Dieser “Skandal” ist wie gemalt für einen ereignisarmen Sommertag und eine unterzuckerte Boulevardredaktion: In einem knapp dreiminütigen Video beim öffentlich-rechtlichen Jugendportal Funk (Jahresetat: 45 Millionen Euro) zeigt der Komiker Aurel Mertz, wie zwei depperte Polizisten ihn als vermeintlichen Fahrraddieb zu stellen versuchen und sich samt Hautfarbenvergleichskartei im Unterholzgekröse rassistischer Vorurteile verfangen (”Ist der überhaupt schwarz?”), bis ein Scharfschütze den mitteldunkelhäutigen Mann eiskalt abknallt. Erst als sie feststellen, dass er weiße Socken zu Sandalen trägt, überkommt sie Bedauern (“Ein Deutscher! Einer von uns!”). Man kann die “Botschaft” des mäßig originellen Filmchens kaum anders verstehen als so: Polizisten sind Mörder und Rassisten.

Wut! Schaum! Empörung!

Natürlich witterte der Boulevard prompt Erregungspotenzial und stürzte sich auf den Vorgang wie Wespen auf den Erdbeerkuchen. Es ist das perfekte Futter für die reflexgesteuerte Empörungsmaschinerie. “Bild” ließ allerhand Zornroutiniers wild auf den Mann einteufeln, vom CDU-Innenminister in Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul (”menschenverachtend”) über den CDU-Bundestagsabgeordneten Armin Schuster (”polizeifeindliche Schmutzkampagne”) und den CSU-Bundestagsabgeordneten Michael Kuffer (”Ich bin entsetzt”) bis zum CDU-Bundestagsabgeordneten Matthias Hauer (”gebührenfinanzierter Hass auf Polizisten”). Der Tenor: Wut! Schaum! Empörung! Und das von unseren Gebühren! Schnappatmung in den Kommentarspalten.

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Es ist Zeit, einen Gang zurückzuschalten. Gewiss verdient die Polizei Schutz und Rechtssicherheit. Das Gewaltmonopol in Deutschland liegt beim Staat. Das ist auch vernünftig, so lange dieser Staat mit diesem Monopol sorgsam und verantwortungsvoll umgeht. Sonst könnte jeder dahergelaufene Andersmeiner, der sich und sein irrlichterndes Oppositionsbedürfnis als Mittelpunkt einer idealen Welt missversteht, einfach so drauflos prügeln.

Es gab zuletzt heftige Kritik an der Verhältnismäßigkeit manches Polizeieinsatzes, Vorwürfe von flächendeckendem, strukturellem Rassismus aber gehen ins Leere. Die Wahrnehmung unter Migranten und Deutschen mit Migrationshintergrund mag teils deutlich vom Eindruck weißer Deutscher abweichen – wie jüngst schon der Fall der “taz”-Kolumnistin zeigte –, im Kern aber findet die Black-Lives-Matter-Bewegung hierzulande deutlich weniger Anknüpfungspunkte als etwa in den USA.

Natürlich gelten auch für “Funk” die Regeln des Anstands

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Die Polizei ist gehalten, streng aber gerecht die öffentliche Ordnung zu wahren. Dabei ist sie mal mehr, mal weniger erfolgreich, was bei mehr als 300.000 Polizisten auch niemanden verwundern wird. Deshalb muss sie Kritik aushalten, auch wenn dieser Job zu den härtesten gehört, die der öffentliche Dienst zu vergeben hat. Der Clip, der jetzt so “hohe Wellen schlägt” (”Bild”), lief schließlich nicht in der “Tagesschau”, sondern in den Untiefen des Experimental-Biotops “Funk”, wo all diejenigen, die sonst so gern die politische Korrektheit geißeln, bei fleißigem Schürfen auf manch andere tadelnswerte Grenzüberschreitung treffen, aus der sich freilich nicht so herrlich der Honig der Empörung saugen lässt.

Natürlich gelten auch für “Funk” die Regeln des Anstands. Der Film ist überspannt und verletzend. Er ist aber klar als Satire erkennbar und steht auch nicht für ARD und ZDF im Ganzen. Aus einer einzelnen Fehlleistung eines Filmemachers gleich ein Generalversagen des öffentlich-rechtlichen Systems abzuleiten, ist überdreht und albern. Das wäre, als würde man die Schließung der gesamten Bibliothek fordern, weil im sechsten Stock im vierten Regal ganz unten rechts ein einzelnes Buch steht, dessen Inhalt einem nicht passt. “Es geht nicht darum, die gesamte Polizei unter Generalverdacht zu stellen”, twitterte Urheber Aurel Mertz selbst, “aber so lange uns Bilder wie aktuell aus Frankfurt und Düsseldorf erreichen und Racial-Profiling-Studien abgesagt werden, müssen wir den Finger in die Wunde legen.”

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Gewiss findet sich immer jemand, der bereitwillig ins gewünschte Horn tutet. In diesem Fall war das der CDU-Europaabgeordnete und Generalsekretär der CDU Sachsen-Anhalt, Sven Schulze. Er drohte damit, die anstehende Erhöhung des Rundfunkbeitrags von 17,50 Euro auf 18,36 Euro platzen zu lassen. Schon das Veto eines einzigen Bundeslandes würde dafür genügen. “Das Video ist nicht akzeptabel”, sagte er bei “Bild”. “Es diskreditiert die gesamte Polizei. Und erst recht darf so etwas nicht mit Geldern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks finanziert werden, genau wie vor Kurzem das unsägliche Video mit der Umweltsau-Oma.”

Ob “Umweltsau” oder bekloppte Polizisten – der Mechanismus der Erregung ist immer derselbe: Schreibe erstens einen Skandal herbei, suche dir zweitens Zeugen der Anklage und lass sie ordentlich klagen, berichte dann drittens, dass die selbst angestoßene Debatte “hohe Wellen schlage” und feiere dich viertens anschließend selbst für den Mut, den Finger in die Wunde zu legen, während allerhand digitale Fensterrentner intellektuell unbewaffnet in den Kampf ziehen und die Kommentarspalten vollätzen. Vollends absurd wird es, wenn diejenigen, die ARD und ZDF pauschal verdammen, vehement fordern, man möge doch bitte nicht die Polizei pauschal verdammen.

Auch “Bild” kennt sich aus mit Provokation und Grenzauslotung

“Die Mehrheit ist in jeder Gesellschaft die allergrößte Plage, weil sie kaum jemals gewillt ist, ihre normativen Kräfte durch Selbstzweifel im Zaum zu halten”, hat Max Goldt mal geschrieben. Die “Bild”-Zeitung ist selbst nicht unerfahren auf dem Gebiet der Provokation und Grenzauslotung. Es ist deshalb scheinheilig, sich zum Sachwalter in der Frage auszuschwingen, was Medien sind, dürfen, sollen und nicht sollten. Der Clip ist blöd und beleidigend. Ihn aber – wie mancher Zeuge der Anklage – als weiteren Baustein einer linksgrünmedialen Diffamierungskampagne gegen die Polizei zu brandmarken, schießt weit über das Ziel hinaus.

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