„Polizeiruf 110“ – mehr als die kleine Schwester des „Tatort“

  • Der „Polizeiruf 110“ ist nur ein Jahr jünger als der „Tatort“ – und steht bis heute in dessen Schatten.
  • Weil Honecker mehr Unterhaltung im Fernsehen wollte, erfand die DDR 1971 ihre eigene Krimiserie.
  • Sie überlebte die Wende und hat ein starkes eigenes Profil entwickelt.
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Berlin/Rostock. Kriminalität passte nicht ins Bild, das die DDR-Oberen von ihrem real existierenden Sozialismus hatten. Unterhaltung aber tat not, auch im DDR-Fernsehen. So hatte es im Mai 1971 der neue Staats- und Parteichef Erich Honecker gefordert. „Unterhaltsamere und spannendere Programmangebote“ müssten her, verfügte Honecker.

Am 27. Juni 1971 lief der erste „Polizeiruf 110″ am Sonntagabend – in direkter Konkurrenz zum West-„Tatort“. Die Hauptunterschiede (abgesehen von den Automarken der Dienstwagen): Der „Polizeiruf“ kam oft auch ohne Leiche aus – und von Anfang an war eine Frau als Ermittlerin dabei. Sigrid Göhler spielte Leutnant Vera Arndt, hübsch, klug, sozialistisch und der Grund dafür, dass viele Mädchen in der DDR als Traumberuf „Kriminalistin“ angaben.

Vom Privatleben des weiblichen Leutnants erfuhr das Publikum kaum etwas. Das Ermittlerkollektiv des DDR-„Polizeirufs“ war ohne Fehl und Tadel, professionell und effektiv. Langweilig war es trotzdem nicht. Der große Peter Borgelt spielte Hauptmann Fuchs und war in 84 Folgen dabei. 1991 nahm er am Ende seiner letzten Folge wortlos sein Jackett und ging. Erfolgreich und trotzdem gedemütigt von seinem neuen Filmvorgesetzten aus dem Westen. Damit war, ein Jahr nach dem Ende der DDR, auch der alte „Polizeiruf“ Geschichte.

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Henry Hübchen – hier in „Treibnetz“ – war in den Achtzigern oft der Böse. © Quelle: Klaus Winker/mdr/rbb/DRA

In den 1980er-Jahren spielte Henry Hübchen oft die Bösewichter. Richtig böse durften die zwar immer noch nicht sein (als Hübchen einmal die Volkspolizisten als „Bullen“ beschimpfte, musste das geändert werden), aber die Abgründe der DDR-Gesellschaft wurden auch im Sonntagabendkrimi verhandelt. In „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ (1981) spielt Ulrich Thein beängstigend schonungslos einen Alkoholiker, der zum Mörder wird. „Der Kreuzworträtselfall“ (1988) zeigt nach einem wahren Mordfall einen unauffälligen jungen Mann, der ein Kind missbraucht und tötet.

Kamen am Anfang der Reihe die Verdächtigen oft vom Rande der Gesellschaft, fand man sie nun mitten im Volk, und manchmal, wie in „Variante Tramper“ (1989), erwiesen sich auch die Vorurteile der sozialistischen Ermittler als Hindernis bei der Suche nach dem Täter.

Ost und West finden sich

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Gelöst von den ideologischen Fesseln, entstanden in den Wende- und Nachwendejahren bis heute legendäre Folgen. In „Unter Brüdern“ (1990) treffen die Ost-Ermittler Fuchs und Grawe (Peter Borgelt und Andreas Schmidt-Schaller) auf ihre West-Pendants Schimanski und Thanner (Götz George und Eberhard Feik). Die Folge war ein Crossover mit dem Ruhr-„Tatort“. Ost und West beschnuppern sich, baden in Klischees und finden sich auf den ersten Blick gar nicht so fremd. Auf den zweiten Blick wird alles schwieriger: In „Thanners neuer Job“ (1991) kommt der Schimanski-Sidekick als neuer Boss ins Ostberliner Kommissariat, er muss evaluieren, bewerten, abwickeln. „Soll er uns jetzt beibringen, wie wir zu ermitteln haben?“, fragen seine neuen Ostuntergebenen misstrauisch. Und am Ende verlässt der große Schweiger Fuchs wortlos den Raum. Neun Tage nach der Ausstrahlung der Folge wurde der Deutsche Fernsehfunk abgeschaltet.

Nach zwei Jahren Pause aber versuchten die Ost-ARD-Anstalten MDR und ORB (Brandenburg) einen Neubeginn. Ermittler und Spielorte wechselten. Sogar Til Schweiger durfte sich 1995 einmal als unbedarfter Provinzkriminaler in Saalfeld (Saale) durch eine Folge nuscheln, Welten vom späteren Tschiller aus den Action-„Tatorten“ entfernt.

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Legendär: der Sander/Becker-Clan in Wustermark

Der „Polizeiruf“ spiegelte in seinen besten Folgen die harte ostdeutsche Gegenwart. Schon in „Thanners neuer Job“ (Regie: Bodo Fürneisen) geht es um eine gut organisierte Nazi-Zelle mit Kampfsportstudio, Führerprinzip und Banküberfällen zur Geldbeschaffung. Ein knallhart ausgeleuchtetes Milieu, genau wie dasjenige, in dem später der NSU gedeihen konnte. Das schickt noch knapp 30 Jahre später Schauer über den Rücken.

Gemütlicher, sarkastischer und die vielleicht bis heute legendärste „Polizeiruf“-Folge überhaupt: „Totes Gleis“ (1994) von Bernd Böhlich mit der gesamten (West-)Berliner Familienpower des Sander/Becker-Clans: Otto Sander als maulfauler Streckenwärter Lansky, Ben Becker als sein hibbeliger Kollege Dettmann, Monika Hansen als Bahnhofskneipenwirtin Maria, Meret Becker als kühl-verträumte Sängerin im Nobelhotel. Alles gedreht in einem brandenburgischen Filmdorf voller Depressionsnebel, ausgebleichten Helmut-Kohl-Wahlplakaten („Keinem wird es schlechter gehen“) und Arbeitslosenzahlen im Radio.

Zwei klamaukigere Fortsetzungen gab es über die Jahre. Hier erst kam Horst Krause hinzu als raumgreifender Dorfpolizist auf dem Motorrad mit Seitenwagen und Schäferhündin Vera. Für einige ist Krause der Grund, warum sie noch nie einen „Polizeiruf“ gesehen haben, für andere ist er Kult: Krause, der Dorfpolizist in allen Ecken und Enden Brandenburgs, der seine wechselnden Kommissarinnen in den Wahnsinn treibt und am Ende immer am richtigen Ort auftaucht.

Krause verkörpert wie kein anderer das Wesen des „Polizeirufs“, wie es Regisseur und Autor Böhlich zum 40-jährigen Jubiläum vor neun Jahren formuliert hat. „Man muss die Welt nicht gesehen haben, um die Menschen zu verstehen“, sagte er. So versuchten sich auch der Hessische und der Bayerische Rundfunk an eigenen „Polizeirufen“, stets darauf bedacht, ihre jeweiligen „Tatort“-Flaggschiffe nicht zu gefährden, aber ausgeruhtere, menschlichere Geschichten zu erzählen.

Traut sich der „Polizeiruf“ mehr als der „Tatort“?

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Auch Charly Hübners Kommissar Sascha Bukow im Rostocker „Polizeiruf“ hat außer seiner Heimatstadt wenig gesehen, kennt dafür aber alle Abgründe der Stadt und ihrer Menschen.

Mit knapp neun Millionen Zuschauern in der Spitze ist Rostock der größte Quotenerfolg der aktuellen „Polizeirufe“ – und eine eigene Farbe am Sonntagabend. Der „Polizeiruf“ traut sich vielleicht gerade deswegen mehr als der „Tatort“, weil er nicht ständig nach neuen Rekorden und filmischen Skandalen streben muss.

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