„Polizeiruf 110: Söhne Rostocks“: Drama eines schillernden Mannes

  • Im „Polizeiruf 110: Söhne Rostocks“ (Sonntag, 19. Januar) mit einem verliebten Kommissar geht ein Unternehmer über Leichen.
  • Und die Ermittler sind auf einmal in vertauschten Rollen unterwegs.
  • Eine packende und interessante Geschichte.
Ernst Corinth
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Erstaunlich, was ein Kuss bewirken kann. Jedenfalls ist Sascha Bukow (Charly Hübner), nachdem ihn seine Kollegin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) am Ende der letzten Rostocker „Polizeiruf“-Folge kurz geküsst hat, wie ausgewechselt. Der eigentlich so schnoddrige Kommissar ist plötzlich ungewöhnlich locker, ausgeglichen und offenbar tatsächlich ein wenig verliebt – in seine „Frau König“.

Ja, er hat sogar aus Echte-Männer-Sicht Sensationelles getan; und zwar sich neue Schuhe gekauft: „Wegen Ihnen“, merkt er König gegenüber an, „hab ja sonst niemanden“. Und zu diesem kuschligen Stimmungswandel passt gut die erste Szene dieser Folge mit dem Titel „Söhne Rostocks“, in der er nachts mit einer Flasche Wein im Hafen sitzt, bestens gelaunt ist und seiner Kollegin per Sprachnachricht beinahe zärtlich wünscht: „Schlafen Sie gut.“

Schluss mit Gesäusel

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Doch kurz danach ist Schluss mit Gesäusel und die graue Realität hat den bulligen Kommissar wieder. Und die ist in diesem Film diesmal besonders grau und deprimierend. Da ganz in der Nähe ein Einbruch gemeldet wird, fährt Bukow schnell zum vermeintlichen Tatort, zur Villa des stadtbekannten Unternehmers Michael Norden (Tilman Strauß), um mal nachzuschauen. Er wird dort vom Hausherrn, dem Chef einer Zeitarbeitsfirma, verwundert begrüßt, weil dieser nichts von einem Einbruch weiß.

Irgendwelche Spuren sind auch nicht zu erkennen. Doch dann torkelt plötzlich ein blutüberströmter Mann dem Kommissar entgegen, bricht zusammen und stirbt. Und Norden scheint den Toten zu erkennen, läuft sofort zu seinem Auto und verschwindet in der Rostocker Nacht.

Polizeiruf aus Rostock mit dramatischem Auftakt

Dass der Unternehmer irgendetwas mit dem Todesfall zu tun haben muss, ist also sehr wahrscheinlich. Und wie sich schnell herausstellt, ist der Ermordete tatsächlich ein alter Schulfreund von ihm gewesen. Nach diesem dramatischen Auftakt geht’s für einen Rostocker „Polizeiruf“ jedoch ungewöhnlich ruhig weiter. Die Ermittlungsarbeit des Duos Bukow/König verläuft routiniert, ruhig und ohne die übliche Dynamik, die die zwei sonst auszeichnet. Und auch der Mordfall selbst lässt die beiden eher kalt. Ähnlich geht’s aber auch dem Zuschauer, der die gezeigte recht spannungsarme Polizeiarbeit verfolgt.

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Viel spannender dagegen ist die Person des Hauptverdächtigen, deren Entwicklung aus ärmsten Verhältnissen zum angesehenen Unternehmer und schließlich zum flüchtigen Mordverdächtigen Christian von Castelbergs Film (Buch: Markus Busch) recht akribisch nachzeichnet. Auch sein Vater, ein trauriger Loser, spielt dabei eine wichtige Rolle. Und auch Norden selbst verändert sich im Film unübersehbar.

Unersättliche Gier nach immer mehr Geld und Einfluss

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Anfangs tritt er noch einnehmend freundlich auf, ja sogar ein wenig elegant, und gegen Ende ist er nur noch ein Getriebener, der koksend durch das nächtliche Rostock taumelt und bisweilen aggressiv um sich schlägt. Schon zu Beginn seines Aufstiegs zum prominenten Unternehmer, erfährt man zwischendurch, ist dieser Mann über Leichen gegangen, genau das scheint ihn nun wieder einzuholen. Und es ist seine unersättliche Gier nach immer mehr Geld und Einfluss, die ihm jetzt das Genick zu brechen scheint. Er hat sich nämlich bei windigen Finanzspekulationen völlig verzockt und ist pleite.

Vor allem vom Drama dieses schillernden Mannes erzählt dieser „Polizeiruf“, und das macht er wirklich packend und interessant. Aber da die Rostocker-Fälle wie in einer horizontal erzählten TV-Serie aufgebaut, also über die einzelnen Folgen hinweg konzipiert sind, stehen natürlich folgerichtig die beiden Konstanten, die Hauptfiguren Bukow und König, im Mittelpunkt auch dieses Filmes. Und beide scheinen ihre Rollen getauscht zu haben. Ist Bukow bisher der einsame Einzelkämpfer gewesen, so ist das nun König. Sie ist deprimiert, fahrig, unkonzentriert in ihrer Arbeit, hat gar einen Flachmann zur Beruhigung. Und schuld an ihrer kriselnden Verfassung ist ein alter Fall, bei dem sie die Beweismittel gefälscht hat und von Bukow dabei gedeckt wurde.

Wenn das nicht Liebe ist?

Diese Geschichte, die im November 2018 in der Folge „Für Janina“ erzählt wurde, holt sie nun wieder ein. Ja, sie hat Angst, wie sie gesteht. Und es ist sie und nicht er, die dringend Hilfe und Unterstützung braucht. Diese Hilflosigkeit verändert natürlich auch das Verhältnis zwischen den beiden, die inzwischen so ungewohnt offen miteinander umgehen, dass Bukow seine früher so distanzierte Kollegin nach langer Arbeit sogar mit dem Spruch „und vielleicht auch mal duschen“ nach Hause schickt. Ein Spruch, den er gleich wieder bereut. Ja, wenn das nicht Liebe ist?

„Polizeiruf 110: Söhne Rostocks“ läuft am Sonntag, 19. Januar, um 20.15 Uhr bei ARD.