„Pieces of a Woman“ bei Netflix – ein totes Kind und die Folgen

  • Die Auftaktszene gehört zu den intensivsten in der jüngeren Filmgeschichte.
  • Im Netflix-Drama „Pieces of a Woman“ geht eine Geburt schief, was auch die Beziehung des Elternpaars beeinträchtigt.
  • Vanessa Kirby und Shia LeBeouf spielen die Hauptrollen in dem beklemmenden Film von Kornél Mundruczó.
|
Anzeige
Anzeige

Die erste halbe Filmstunde ist hart – auch für die Zuschauer. Man muss das erst mal aushalten, was da ohne jeden Schnitt vor unseren Augen und mit zunehmender Dramatik in Marthas Leben geschieht.

Jede Geburt ist ein dramatischer Vorgang, auch dann, wenn sie wunschgemäß verläuft. Martha (Vanessa Kirby) hat die Geburt ihrer Tochter zu Hause geplant. Später vor Gericht wird sie sagen, dass ihr Kind die Möglichkeit haben sollte, selbst zu entscheiden, wann es zur Welt kommt.

„Alles wird gut“, sagt die Hebamme. Aber alles geht schief

Anzeige

Erst scheint alles nach Plan zu verlaufen, als das Fruchtwasser zwischen Marthas Beinen hervorquillt. Ihr Mann Sean (Shia LaBeouf) sorgt liebevoll für sie. Er will ihren Schmerz wenigstens ein bisschen lindern. Die vertraute Hebamme ist zwar anderenorts gerade im Einsatz, aber Ersatz steht erfreulich schnell vor der Tür.

„Alles wird gut“, sagt die empathische Fachkraft eben noch voller Zuversicht. Die Herztöne des Kindes sind stabil, die Wehen haben eingesetzt, der Muttermund hat sich geöffnet. Martha gelingt es halbwegs, die Panik herunterzudimmen – auch wenn die Heftigkeit dieses Naturereignisses sie trotz aller Vorbereitung umhaut.

Diese Geburt ist ein sehr intensives Filmereignis

Anzeige

Dann ist plötzlich gar nichts mehr gut und die Hebamme nervös. Die Herztöne sind weg, und der Rettungswagen ist immer noch nicht eingetroffen. Marthas Töchterchen wird lebend geboren, aber dann läuft sein winziger Körper blau an. Sauerstoffmangel. Minuten später, vielleicht auch nur Sekunden, ist es tot.

Man muss das so genau schildern, denn so genau bekommen wir es auch zu sehen. Diese Geburt, das darf man jetzt schon voraussagen, dürfte eines der intensivsten Ereignisse des gerade eingeläuteten Filmjahres sein.

Anzeige

Dann erst wird der Filmtitel eingeblendet: „Pieces of a Woman“. Sehr frei übersetzt heißt das: Etwas ist zerbrochen in Martha. Die restlichen eineinhalb Stunden im Netflix-Film des ungarischen Regisseurs Kornél Mundruczó wird Martha damit beschäftigt sein, wieder zusammenzusetzen, was in ihr kaputtgegangen ist.

Beinahe beiläufig zeigt Mundruczó Marthas stumme Verzweiflung. Da ist ihr seltsam leerer Blick auf die Kinder, die neben ihr in der U-Bahn herumalbern. Da sind die hilflosen Beileidsbekundungen ihrer Umgebung, die alles nur noch schlimmer machen. Und da ist ihre übergriffige Mutter Elizabeth (Ellen Burstyn).

Aber das ist noch nicht alles. Risse tun sich zwischen Sean und ihr auf, die man vielleicht schon früher hätte bemerken können. Der bei der Arbeit eben noch so zupackende Brückenbauer verliert den Halt im Alltag und im Job.

Anzeige

Ein Paar driftet auseinander – unaufhaltsam

Unaufhaltsam driften die beiden auseinander. Martha will das Kinderzimmer leer räumen, Sean nicht. Er will Ablenkung, sie nicht. Er will irgendwann wieder Sex, sie nicht – auch das ist eine physisch bedrohliche Szene.

Das Ganze spielt an der US-Ostküste in Boston. Und als ließe einen die Geschichte nicht schon genug frösteln, wirft die Kamera immer wieder ruhige Blicke auf den Hafen und gibt dem Film einen (jahres-)zeitlichen Rhythmus. Erst liegt das Wasser öligschwer im Hafenbecken, dann treiben dort Eissplitter. Beim nächsten Mal sind sie zu einer Fläche erstarrt.

Alle glauben zu wissen, was Martha nun tun sollte – besonders ihre Mutter, eine Frau mit Lederhaut, die das Leben auch innerlich hart gemacht hat. Nun fordert Elizabeth Härte von der Tochter.

Elizabeth will, dass die Hebamme verklagt wird. Sie will eine Schuldige. Sie will Entlastung für sich und ihre Tochter. Elizabeth war, wie sich nun herausstellt, von vornherein gegen eine Hausgeburt. Die Frage ist nun, ob Martha ihren eigenen Weg zwischen all diesen Überforderungen finden wird.

Martha redet nicht viel. Das muss sie auch nicht. Die Britin Vanessa Kirby (bekannt als Prinzessin Margaret in der Serie „The Crown“) gibt der eingesperrten Trauer der Protagonistin mit minimaler Aktion maximalen Ausdruck.

Kirby errichtet eine unsichtbare Mauer um sich

Wo Filmpartner Shia LaBeouf körperlich wütet, errichtet Kirby eine unsichtbare Mauer um sich. Für diese Leistung gab es für sie im September den Darstellerinnenpreis beim Filmfestival in Venedig.

„Pieces of a Woman“ ist der erste englischsprachige Film von Mundruczó, der mit „Underdog“ (2014) in seiner Heimat auf sich aufmerksam machte – bei bestimmten Leuten mehr, als ihm lieb sein konnte. Die filmische Allegorie auf die politische Situation in Ungarn hatte Hunde als Hauptdarsteller und spielte auf die immer mehr ausgegrenzten Minderheiten an.

Das Stream-Team Was läuft bei den Streamingdiensten? Was lohnt sich wirklich? Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. gibt‘s jetzt im RND-Newsletter „Stream-Team“ – jeden Monat neu.

Seinen neuen Film konnte Mundruczó in dem von Viktor Orbán regierten Ungarn nicht finanzieren. Er gewann Martin Scorsese als Fürsprecher und auch als Produzenten für das Projekt, das seine Wurzeln in einem mit Katá Weber entwickelten Theaterstück hat.

Das Ende verströmt vielleicht ein bisschen zu plötzlich zu viel Optimismus. Aber auch das so lange so kalte Boston erstrahlt endlich in warmen Farben.

„Pieces of a Woman“, bei Netflix, 126 Minuten; Regie: Kornél Mundruczó; mit Vanessa Kirby, Shia LaBeouf (streambar ab 7. Januar).

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen