Phänomen „Jumping the Shark“: Wenn Serien ihren Zenit überschreiten

  • Staffel acht von „Game of Thrones“ fanden Sie übertrieben? Und den Film zu „Breaking Bad“ völlig unnötig?
  • Für dieses Gefühl gibt es tatsächlich ein Wort: „Jumping the Shark“. Es beschreibt den Moment, wenn eine Serie ihren Höhepunkt überschreitet.
  • Hinter der Formulierung steckt eine interessante Geschichte.
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Hannover. Die Erfolgsserie „Game of Thrones“ hat ihn erlebt, die US-Sitcom „The Office“ auch, und natürlich auch unzählige deutsche Produktionen, wie etwa die Comedy-Serie „Mord mit Aussicht“. Die Rede ist vom sogenannten „Jump the Shark“-Moment. So wird unter Serienkennern der Zeitpunkt genannt, an dem eine Serie ihren Höhepunkt überschreitet und die Qualität von da an nachlässt.

Moment mal. Shark? Was genau hat denn dieses Phänomen mit einem Hai zu tun? So viel sei schon mal verraten: Der RTL-Trashfilm „Hai-Alarm auf Mallorca“ ist nicht der Urheber dieser Formulierung – auch wenn dies möglicherweise naheliegt. Vielmehr hängt der Ursprung mit einer amerikanischen Sitcom zusammen.

Fonzie springt über einen Hai

An einem Frühlingstag im Jahr 1977 wird zum allerersten Mal in der Geschichte der Serienproduktion ein solcher „Hai-Moment“ niedergetippt. Irgendwo in einem Konferenzraum der Paramount Studios sitzt an diesem Tag Fred Fox Jr. und arbeitet mit Kollegen an einem Drehbuch, das Jahrzehnte später als größter (und fragwürdigster) Moment seiner Karriere in die Seriengeschichtsbücher eingehen dürfte.

Konkret geht es um die Siebziger-Erfolgsserie „Happy Days“, genauer gesagt um Folge drei der fünften Staffel. In dieser passiert etwas, was Kritiker später als „lächerlich“ oder gar ihr Ende bezeichnen würden: Der populäre Charakter Arthur „Fonzie“ Fonzarelli (dargestellt von Henry Winkler) begegnet beim Wasserskifahren einem Hai – und entkommt diesem nur, weil er über ihn drüber springt.

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Für Kritiker ist klar: Diese Szene ist so unfassbar bescheuert, dass die einst beliebte Serie „Happy Days“ von nun an nicht mehr zu retten ist. Und der Begriff „Jump the Shark“ entwickelt sich im amerikanischen Raum zu einem Synonym für den Moment einer Produktion, in dem der Zenit eindeutig überschritten wurde.

Wenn der Schauspieler ausgewechselt wird

Populär gemacht wird der Begriff von der Website jumptheshark.com, die heute in dieser Form nicht mehr existiert. Über die „Waybackmachine“ lässt sich jedoch der Originalzustand der Seite einsehen. Erstmals dokumentiert wird sie im Jahre 1999 – und in der Kopfzeile ist die heute bekannte Beschreibung des „Shark-Moments“ zu lesen.

Dies sei ein „entscheidender Moment, wenn Sie wissen, dass Ihr Lieblingsfernsehprogramm seinen Höhepunkt erreicht hat“, heißt es dort. „In dem Moment (...) geht es bergab. Manche nennen es den Höhepunkt. Wir nennen es Jumping the Shark. Von diesem Moment an wird die Serie einfach nie mehr dasselbe sein.“

Fortan sammelt die Seite zahlreiche „Jump the Shark“-Momente unzähliger Serien – und vergibt dafür sogar verschiedene Kategorien. Eine Kategorie ist beispielsweise, wenn ein beliebter Charakter bleibt, jedoch der Schauspieler ersetzt wird. (Achtung - es folgen nun einige Spoiler!) Dies geschieht etwa in der aufgelisteten Serie „Roseanne“, als die Figur Becky (gespielt von Alicia Goranson) durch Sarah Chalke ersetzt wird. Eingeleitet wird die ungewöhnliche Verwandlung mit den Worten „Becky, bist du das?“. Ein absoluter „Jump the shark“-Moment.

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Auch Pubertät ist ein „Shark-Moment“

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Auch die Kategorie „Pubertät“ gibt es auf der Seite. Wenn Kinderdarsteller zu Erwachsenen werden, leidet auch häufig die Serie darunter. Als Beispiel aufgelistet wird hier etwa die Sitcom „The Facts of Life“ mit den Charakteren Blair, Jo, Natalie und Tootie. Auch die Kategorie „Film“ gibt es: Wenn es eine bekannte TV-Serie auf die große Leinwand schafft, der Kinoableger jedoch mehr als unwürdig ist. 1992 ist das etwa bei der Serie „Twin Peaks“ der Fall.

Selbstverständlich gibt es auch die Kategorie „Tod“ (wenn ein Darsteller stirbt), die Kategorie „Singing“ (wenn Darsteller plötzlich anfangen zu singen) und die Kategorie „I do“ – also der Moment, wenn bekannte Charaktere heiraten. Und, das sollte ebenfalls erwähnt werden: Es gibt auch die Kategorie „Never jumped“. In dieser werden Serien aufgezählt, die laut Meinung der Macher den Zenit nie (oder bislang noch nicht) überschritten haben. 1999 werden auf der Seite dazu mitunter die Zeichentrick-Serien „Die Simpsons“ und „South Park“ gezählt.

In den 2000er-Jahren wird die Seite jumptheshark.com schließlich von einer kommerziellen Firma übernommen – doch die Formulierung bleibt bis heute. Fortan tauschen sich Fans in Foren über die „Shark-Momente“ ihrer Lieblingsserien aus.

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„Game of Thrones“: Die verhasste Staffel acht

Unzählige Diskussionen gibt es im Netz etwa über die Erfolgsserie „Game of Thrones“. Als ein möglicher „Shark-Moment“ wird hier etwa die Folge „Beyond the Wall“ genannt, in der nicht nur ein Hai, sondern ein ganzer Zombie-Eisdrache übersprungen wird. Auch der vorzeitige Tod des Nachtkönigs, der von Arya Stark ausgelöscht wird, wird von vielen als „Jump the Shark“-Moment bezeichnet.

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Auch die US-Sitcom „The Office“ hat nach Meinung vieler Fans den „Hai übersprungen“, und zwar als Hauptfigur Michael Scott (Steve Carell) die Serie mit der siebten Staffel verlässt. Für andere ist der „Shark-Moment“ schon deutlich früher, etwa als Jim und Pam heiraten und ein Baby bekommen. Für andere wiederum ist der Moment erst in der letzten Staffel, als noch einmal neue Charaktere ins Büro einziehen.

Bei der Serie „House of Cards“ gilt etwa die Präsidentschaft von Frank Underwood als „Jump the Shark“-Moment, für andere erst der Ausstieg von Darsteller Kevin Spacey nach seinem Missbrauchsskandal. Und bei „Spongebob Schwammkopf“ ist es möglicherweise ein unsinniges Musical in Staffel fünf, Folge zwölf.

Auch deutsche Serien hatten „Shark-Momente“

Auch deutsche Serien haben schon einen „Shark-Moment“ erlebt, auch wenn dieser hierzulande eher selten so genannt wird. Die ARD-Serie „Mord mit Aussicht“ erlebte so einen Moment in Staffel drei, die von Fans als eher schwach angesehen wurde. Der Autor Hans Hoff schrieb damals, die Serie habe sich von einem „Sittenporträt ländlicher Bürgerlichkeit“ zu einem „belanglosen Schmunzelkrimi“ entwickelt.

Die Serie „Pastewka“ hat nach Ansicht ihres Machers Bastian Pastewka den Zenit zwar nie überschritten. Einen möglichen „Jump the Shark“-Moment hat der Schauspieler dennoch ausgemacht, und zwar direkt in der ersten Staffel: „Als Bastian in einer Flughafentoilette am Urinal vom Nebenmann bezichtigt wird, ihm auf den Penis geguckt zu haben“, beschreibt Pastewka die Szene Anfang des Jahres im Interview mit dem RND.

Der unnötige „Breaking Bad“-Film

Weitere Beispiele für „Jump the Shark“-Momente:

„Dexter“: Als Arthur Mitchell aka der „Trinity-Killer“ aus der Serie ausscheidet und eine riesige Leere hinterlässt

„Lost“: Beginn der dritten Staffel, als zahlreiche neue Charaktere eingeführt und vorgestellt werden.

„Friends“: Rachel und Joey kommen zusammen.

„Der Prinz von Bel-Air“: Die Schauspielerin von Tante Vivian wird ausgewechselt.

„Dallas“: Bobby Ewing, eine Schlüsselfigur in der Show, wird von einem Auto überfahren und auf dramatische Weise getötet. Später machen die Produzenten die Handlung rückgängig: Die gesamte Staffel war „nur ein Traum“.

Des weiteren gibt es aber auch zahlreiche Serien, die einen solchen Moment offenbar nie erlebt haben. Blickt man etwa in die Online-Diskussionen zur Serie „Breaking Bad“, so fällt es Fans schwer, hier einen „Shark“-Moment auszumachen. Allenfalls der spätere Film „El Camino“ wird als unnötig angesehen.

Begriff springt auf die Realität über

Im englischsprachigen Raum ist der Begriff „Jump the Shark“ inzwischen interessanterweise auch ins echte Leben übergesprungen. So werden auch Personen oder Ereignisse damit beschrieben.

Der Autojournalist Dan Neil verwendete den Begriff etwa, um die Einführung des Mini Countryman zu beschreiben – einer aufgeblasenen Version des bekannten Mini-Cooper. „Welchen Teil von ‚Mini‘ haben Sie nicht verstanden, BMW?“, fragte Neil. Das Unternehmen habe mit diesem Gefährt den „Hai übersprungen“.

2011 wurde der Begriff auch in der Politik verwendet, und zwar für die republikanische Präsidentschaftskandidat Michele Bachmann. Sie hatte eine Anekdote wiederholt, in der sie behauptete, der HPV-Impfstoff verursache „geistige Behinderung“. Radiokommentator Rush Limbaugh sagte daraufhin: „Michele Bachmann (...) könnte heute den Hai übersprungen haben.“

Was sagt der „Happy Days“-Autor zu „Jump the Shark“?

Bleibt nur noch eine Frage zu klären: Was sagt eigentlich der unfreiwillige Erfinder des „Jump the Shark“-Moments dazu? Der Mann, der Fonzie über den Hai springen ließ und die Redewendung damit überhaupt erst etablierte?

Fred Fox Jr. ist der Ansicht, dass seine Serie „Happy Days“ damals keineswegs den „Hai übersprungen“ habe. Denn die Serie war an dieser Stelle mitnichten zu Ende, sondern blieb noch erfolgreiche weitere sechs Staffeln auf Sendung. „Alle erfolgreichen Shows beginnen irgendwann schwächer zu werden, aber das war nicht der Zeitpunkt von ‚Happy Days‘“, schreibt Fox 2010 in einem Gastbeitrag für die „LA Times“.

„Bedenken Sie: Es war die 91. Folge und die fünfte Staffel. Wenn dies wirklich der Beginn einer Abwärtsspirale war, warum blieb die Show dann noch sechs weitere Staffeln auf Sendung und drehte weitere 164 Folgen?“ Auch die Quoten seien weiterhin gut gewesen.

„Kann mich nicht erinnern, wie die Szene entstanden ist“

„Deshalb war ich ungläubig, als ich den Satz zum ersten Mal hörte und herausfand, was er bedeutete. (...) Ich begann über die Tausenden von Fernsehsendungen nachzudenken, die seit Beginn des Mediums ausgestrahlt wurden. Und von all diesen ist die ‚Happy Days‘-Episode (...) diejenige, die herausgegriffen werden muss? Das ergibt keinen Sinn“, meint Fox.

Zunächst sei der Autor der Umstand peinlich gewesen, später habe er den „Jump the Shark“-Moment als Modeerscheinung akzeptiert. Seine Karriere habe glücklicherweise auch nicht darunter gelitten – nach „Happy Days“ schrieb Fox noch zahlreiche weitere Serien, etwa „Webster“ oder „It‘s your Move“.

Fox könne sich bis heute übrigens nicht erinnern, wie die Szene überhaupt entstanden ist. Er erinnere sich nur, dass damals „niemand vehement protestierte“. Auch die am 20. September 1977 ausgestrahlte Folge sei sehr erfolgreich gewesen. Der Begriff „Jump The Shark“ tauchte erst mehr als ein Jahrzehnt später auf – und ging dann nie wieder weg.

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