Phänomen Comfort Binging: Warum wir Lieblingsserien immer wieder schauen

  • “Friends”, “The Office”, “Pastewka”: Alles Serien, die wir schon hundert Mal gesehen haben – und trotzdem gucken wir sie uns immer wieder an.
  • Das Phänomen nennt sich Comfort Binging.
  • Und es hat auch etwas mit dem Überangebot der Streamingdienste zu tun.
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Hannover. Ich muss ein Geständnis machen: Ich habe noch immer nicht die Netflix-Doku “Tiger King” gesehen. Das ist für einen Redakteur im Unterhaltungsressort wahnsinnig unwürdig, man könnte fast behaupten: ein Kündigungsgrund. Schließlich spricht alle Welt von Joe Exotic, praktisch jeder hat während des Corona-Lockdowns vor Netflix gehangen und sein schrilles Leben verfolgt (oder worum auch immer es in dieser Doku geht).

Ich hingegen habe in den vergangenen Monaten Jim und Pam zugeguckt. Zwei Hauptfiguren aus der US-Serie “The Office”, die zunächst nur Arbeitskollegen sind, (Achtung, massive Spoiler) nach mehreren Staffeln dann endlich zueinander finden, heiraten, Kinder kriegen, Ehekrisen durchleben und letztendlich auswandern. Ein auf und ab in neun Staffeln.

Gestern stand das Serienende an. Eine Hochzeit von (noch mehr Spoiler!) Angela und Dwight, der ganze Cast kam noch mal zusammen – inklusive Steve Carell, der bis zu Staffel 7 Büroboss Michael Scott spielte und dann aus der Serie ausstieg. Sein Comeback (“That’s what she said”) werden nur echte “The Office”-Fans verstehen, trotzdem hier ein kurzer Ausschnitt:

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Wiederholungen machen glücklich

Warum ich das alles erzähle? Nun, weil ich das Serienfinale von “The Office” sowie sämtliche neun Staffeln nicht zum ersten Mal gesehen habe. Sondern gefühlt zum hundertsten Male. Alle paar Jahre gehört “The Office” für mehrere Monate zu meinen täglichen Begleitern.

Warum ich die Serie immer wieder schaue, obwohl ich praktisch alle Folgen auswendig kenne? Keine Ahnung. Ich glaube, weil sie wahnsinnig glücklich macht, weil sie das echte Leben zeigt mit all seinen Höhen und Tiefen – und vielleicht auch, weil sie während der doch oft sehr tristen Corona-Zeit ein kleines bisschen Alltag zurückbrachte.

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Es gibt noch andere Serien, die das mit mir machen. Der deutsche “The Office”-Ableger “Stromberg” zum Beispiel. Auch “Pastewka”, “Mord mit Aussicht”, aber auch US-Serien wie “Fleabag” oder die australische Dramedy “Please like me” eignen sich wunderbar zum Immer-wieder-Gucken. Andere wiederum nennen vor allem eine Serie als ihren Wiederholungs-Evergreen: Die US-Sitcom “Friends”.

Viel Glück mit möglichst wenig Aufwand

Apropos andere: Mit dem Tick, Serien immer und immer wieder zu gucken, bin ich bei Weitem nicht allein. Viele Serienfans machen das – und inzwischen gibt es dafür sogar einen eigenen Begriff: Comfort Binging.

Ausgedacht hat ihn sich die Fernsehkritikerin Alexis Nedd, die für das US-Magazin “Mashable” schreibt. Der Begriff kommt vom Binge-Watching – also die Sucht, eine Serie Folge für Folge durchzuschauen und kaum noch stoppen zu können. Das Comfort Binging hingegen ist laut Nedd eher das Phänomen, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Glück zu erleben.

Leute würden sich “in ihren gemütlichsten, faulsten oder gelangweiltesten Momenten” immer wieder Altbekanntem zuwenden, analysiert die Autorin. Das könne man aber “kaum als Unterhaltung” einstufen. “Es ist eher ein Versuch, vertraute Stimmen und Handlungen durch ein erschöpftes Gehirn fließen zu lassen.”

Problem: Das Überangebot der Streamingdienste

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Beim Comfort Binging gehe es darum, sich “in Dinge einzuwickeln, die sich gut anfühlen. Wenn das ständige Scrollen durch die Streamingoptionen eher nervig als lustig wird oder wenn der Druck, eine einzige Wahl zu treffen, ausreicht, um den Samstag zu ruinieren”, so Nedd. Das im Übrigen sei laut der Autorin “völlig in Ordnung”. Das Comfort Binging sei manchmal “Teil eines notwendigen Arsenals zur Bekämpfung der Müdigkeit in einer schnelllebigen, überreizten Welt”.

Tatsächlich hat das Comfort Binging auch bei mir etwas mit Reizüberflutung zu tun. Das Überangebot der Streamingdienste erschlägt mich. Auch nach “The Office” bin ich nun wieder auf der Suche nach einem neuen Begleiter, der mich tagtäglich durch den Feierabend bringt. Die Auswahl ist riesig – und der Abend verschenkt, wenn sich die Serie am Ende doch nicht lohnt.

Der US-Psychologe Barry Schwartz kennt das Phänomen. Er erklärte einst in einem TED-Talk, dass eine zu große Auswahl Menschen tatsächlich unglücklich machen kann. Der Schlüssel zum Glück sei eher eine geringe Erwartungshaltung – also wie beim Comfort Binging.

Wenn die große Auswahl schlechte Laune macht

Schwartz nennt dies das “Paradoxon der Wahlmöglichkeiten”. Je besser die Op­tionen sind, zwischen denen sich Menschen entscheiden müssen, des­to schwieriger fällt ihnen die Entscheidung. Der Psychologe erklärt das am Beispiel einer Jeans: Selbst wenn er im Laden eine gut sitzende Hose findet, ahnt er, dass es bei all den Jeans vermutlich irgendwo eine noch Bessersitzende gegeben hätte.

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Die Medienwissenschaftlerin Daniela Schlütz glaubt, dass die Vielfalt an Inhalten auf den Streamingdiensten in den nächsten Jahren noch zunehmen wird – auch, weil immer mehr neue Anbieter dazukommen. Das könne Nutzer verunsichern, sagte sie dem Deutschlandfunk. “Es fällt uns schwer, auszuwählen. Und da ist es dann am einfachsten, wieder das von Anfang zu schauen, was uns eh schon gefällt.”

Die Medienwissenschaftlerin kann sich aber auch vorstellen, dass die Streaminganbieter in Zukunft neuere und bessere Such- und Auswahlfunktionen entwickeln werden. Möglicherweise könne man dann auch seine Stimmung angeben und bekomme die entsprechenden Ergebnisse angezeigt.

Diese Serien sind perfekt fürs Comfort Binging

Bevor es so weit ist, greifen wir jedoch weiter aufs Altbekannte zurück. Aber welche Serien eignen sich denn überhaupt fürs Comfort Binging?

Fernsehkritierin Nedd nennt in ihrem Text ebenfalls die US-Serie “The Office”, aber auch Shows wie “Parks & Recreation” oder “Brooklyn Nine-Nine”. Die Shows seien leicht und lustig, jede Folge dauere nur 30 Minuten und die Handlung sei dann meist abgeschlossen. Die Charaktere seien zudem “Archetypen von Menschen, mit denen die meisten Beobachter befreundet sind oder mit denen sie befreundet sein möchten”.

Das alles ist übrigens auch so gewollt. Der US-Autor Steven Johnson beschreibt in seinem Buch “Neue Intelligenz”, dass Unterhaltungsserien so kompliziert seien, dass sie den Zuschauer dafür belohnen, wenn er sich diese mehrmals anschaue. Unter anderem, weil man erst dann alle Anspielungen verstehen und die Eleganz der verschiedenen verknüpften Handlungsstränge würdigen könne.

Ein Teufelskreis

Auch bei “The Office” gibt es unzählige dieser Anspielungen – bis hin zum schon erwähnten “That’s what she said” in der finalen Episode. Ein Problem allerdings behebt das Comfort Binging nicht: die Leere, wenn die Serie nach vielen, vielen Staffeln dann doch zu Ende ist. Auch beim Finale von “The Office” fühlt es sich an, als würde nun ein täglicher Begleiter, ein guter Freund einfach sterben.

Um das Gefühl zu verdrängen, braucht es also einen neuen Comfortboost. Ob Joe Exotic dafür wirklich der richtige Kandidat ist? Vielleicht doch besser mit “Pastewka” weitermachen. Es ist ein Teufelskreis.

RND

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