Phänomen Binge-Watching: Warum wir von Lieblingsserien nicht loskommen

  • Die Uhr steht längst auf Mitternacht, doch die Lieblingsserie läuft noch immer.
  • Binge-Watching oder auch Komaglotzen dürfte jeder Serienfan schon einmal praktiziert haben. Es hilft beim Stressabbau, kann aber auch ziemlich ungesund sein.
  • Was sagt die Wissenschaft zum Thema?
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5:47 min
Mit dem Serienboom ist auch ein ganz besonderer Trend in unsere Wohnzimmer eingezogen: das Binge-Watching. Es bedeutet zu Deutsch so viel wie "Koma-Glotzen" - und laut einer Netflix-Umfrage haben es rund 90 Prozent aller Serien-Konsumenten schon einmal gemacht. Da stellt sich eine wichtige Frage: Ist dieses exzessive Serien-Gucken eigentlich gesund?
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Hannover. Mein erstes Binge-Watching-Erlebnis hatte ich vor ungefähr zehn Jahren. Das war noch lange, bevor es in Deutschland Streamingdienste wie Netflix oder Amazon gab. Doch eine Binge-Watching-taugliche Serie gab es auch damals schon: „Dexter“ mit Michael C. Hall.

In der Serie geht es um einen Forensiker, der in seiner Freizeit zum Serienmörder mutiert und Selbstjustiz an nicht verurteilten Straftätern übt. Die Situation für „Dexter“ wird mit der Zeit jedoch immer verzwickter: Die Polizei ist ihm auf den Fersen, und es wird von Folge zu Folge spannender. Ist man irgendwann im „Dexter“-Sog gefangen, kommt man nicht mehr davon los.

Nun war das sogenannte Binge-Watching, also das Marathongucken von Serien, vor zehn Jahren allerdings noch etwas komplizierter. Es war nämlich überaus schwierig, überhaupt zeitnah an sämtliche Staffeln einer Serie heranzukommen. Halb-illegale Tauschgeschäfte mit Freunden waren da keine Seltenheit. Und immer wieder musste man den Serienmarathon unterbrechen, weil dann doch wieder eine DVD-Box oder eine Datei auf der Festplatte fehlte.

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Heute ist die Sache anders. Streamingdienste machen das Komaglotzen sehr einfach, nein: sie zwingen uns geradezu dazu. Serien sind in der Regel in Gänze verfügbar – immer und auf jedem Gerät. Abspänne werden hier gar nicht mehr gezeigt – kaum ist eine Folge zu Ende, springt auch schon die nächste an. Und um das Binge-Watching völlig auf die Spitze zu treiben, können Serien inzwischen sogar in doppelter Geschwindigkeit abgespielt werden, ja sogar Intros können übersprungen werden, um noch effizienter zu „bingen“.

Da stellt sich doch die Frage: Ist das eigentlich gut für uns? Warum bingen wir überhaupt? Und wo soll das alles noch hinführen?

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„Breaking Bad“ ist Einstiegsdroge

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Da sich das Binge-Watching in den vergangenen Jahren zu einem erstaunlichen gesellschaftlichen Phänomen entwickelt hat, gibt es tatsächlich eine ganze Reihe Untersuchungen zu diesem Thema. Allen voran von den Streamingdiensten selbst. Netflix beispielsweise veröffentlicht immer wieder Umfrageergebnisse zum Binge-Watching. Demnach haben 90 Prozent der Konsumenten schon einmal gebinget – und ein klassischer Binge dauert um die drei Tage. Und nicht nur das: 35 Prozent aller Nutzer hätten ihren allerersten Binge-Watch später noch einmal mit derselben Serie wiederholt.

Zudem hat der Streamingdienst ermittelt, welche Serie für Kunden als Marathon-„Einstiegsdroge“ dient. Das wenig überraschende Ergebnis: „Breaking Bad“, gefolgt von Serienhits wie „Orange is the new black“, „Narcos", „Stranger Things“, „Tote Mädchen lügen nicht“, „The Walking Dead“ und „House of Cards“.

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Eine andere Untersuchung zeigt, wie sehr das Binge-Watching in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Das Unternehmen Limelight Networks hatte im vergangenen Jahr anhand von Umfragen ermittelt, dass der globale Konsum von Streamingvideos von durchschnittlich vier Stunden und 17 Minuten in der Woche auf inzwischen sechs Stunden und 48 Minuten gestiegen ist – so hoch wie nie zuvor. Bei der Wiederholung der Studie in diesem Jahr hat sich selbst dieser Wert noch mal erhöht, und zwar auf acht Stunden.

Binge-Watching ist Zufluchtsort

Die Ergebnisse stammen aus Umfragen von 4.500 Nutzern ab 18 Jahren in Frankreich, Deutschland, Indien, Italien, Japan, Singapur, Südkorea, Großbritannien und den USA, die wöchentlich mindestens eine Stunde Onlinevideoinhalte konsumieren. Interessant sind auch die globalen Unterschiede: Mit mehr als achteinhalb Stunden pro Woche verbringen nämlich die US-Amerikaner am meisten Zeit mit Onlinevideos, während es die Deutschen nur auf fünfeinhalb Stunden bringen.

Andere Umfragen fanden derweil heraus, warum das Binge-Watching für viele Serienkonsumenten so wichtig ist. 76 Prozent der Befragten einer Netflix-Umfrage gaben im Jahr 2013 als Begründung an, der Serienmarathon sei ein „Zufluchtsort“ vom stressigen Alltag. Eine im selben Jahr veröffentlichte Umfrage von Harris Interactive ergab, dass 73 Prozent der Befragten das Komaglotzen betreiben, weil es positive Gefühle auslöse.

Die Psychologin Renee Carr vom Laguna Family Health Center bestätigt das im Gesundheitsblog des US-Senders NBC. Das Anschauen einer Serie erzeuge einen kontinuierlichen Strom von Dopamin in unserem Gehirn. Und: Offenbar ist es nicht nur die Serie selbst, nach der wir uns sehnen. Es ist das Gefühl der Freude, wenn wir Episode für Episode schauen. „Sie erleben eine Pseudosucht nach der Show“, erklärt Carr in dem Beitrag. „Weil Sie Heißhunger auf Dopamin entwickeln.“

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Ein Serienmarathon wirkt wie Heroin

Das klingt logisch – aber auch irgendwie ziemlich ungesund. Laut Carr ist der Prozess, den wir beim Binge-Watching erleben, der gleiche wie etwa bei einer Droge. „Die neuronalen Bahnen, die Heroin- und Sexsucht verursachen, sind die gleichen wie eine Sucht nach Binge-Watching“, erklärt die Psychologin in dem Beitrag. Der menschliche Körper könne praktisch von jeder Aktivität oder Substanz abhängig werden, die konsequent Dopamin produziere.

Die Folgen dessen haben ebenfalls zahlreiche Untersuchungen dargelegt. Im Journal of Clinical Sleep Medicine wurde im Jahr 2017 eine Studie publiziert, die vor allem auf Schlafstörungen durch Binge-Watching hinweist. 423 Menschen zwischen 18 und 25 Jahren wurden dafür zu ihrem Serienkonsum befragt. Zudem stellten sie sich dem sogenannten PSQI-Test (Pittsburgh Schlafqualitätsindex) – ein Fragebogen, der die Schlafqualität einer Person ermittelt.

Die Wissenschaftler vergleichen schlussendlich die Testergebnisse derjenigen, die sich als Binge-Watcher bezeichnen würden mit denen derjenigen, die nur gelegentlich Serien konsumieren. Das Ergebnis: In einem von drei Fällen konnte ein schlechter Schlaf direkt auf das Binge-Watching zurückgeführt werden. Hauptgrund dafür sei, dass sich Zuschauer nach einem Serienmarathon nicht mehr von der Geschichte der Serie lösen könnten – sie verfolgt die Konsumenten also buchstäblich bis in den Schlaf.

Streamingdienste fördern Komaglotzen

Eine Studie der Universität von Toledo aus dem Jahr 2015 fand heraus, dass Binge-Watcher über ein höheres Maß an Stress, Angstzuständen und Depressionen berichten. Und Forscher der University of Melbourne stellten sogar fest, dass Binge-Watching Auswirkungen auf unser Erinnerungsvermögen hat.

Bei einer Untersuchung, deren Ergebnis im März 2020 veröffentlicht wurde, hatten sich einige Probanden eine Serie am Stück geguckt, andere wiederum schauten eine Folge pro Woche. Die Binge-Watcher konnten sich zwar in den ersten 24 Stunden nach dem Schauen besser an die letzte Folge erinnern, nach 140 Tagen war die Erinnerungsfähigkeit jedoch bei den wöchentlichen Zuschauer deutlich besser.

Die Infrastruktur der Streamingdienste begünstigt all diese negativen Nebenwirkungen. Hier gibt es keine Werbung, die den Zuschauer ablenken und vom Bingen abhalten könnte. Die nächste Folge beginnt bereits, während noch das Outro der letzten läuft. Und immer intelligenter produzierte Cliffhanger zwingen uns praktisch dazu, noch ein kleines bisschen in die kommende Folge reinzuschauen – bis diese dann auch schon wieder zu Ende ist und der nächste Cliffhanger ansteht.

Besonders interessant: Betroffen vom Binge-Watching sind nicht nur Erwachsene. Laut einer Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) gehören sogar 40 Prozent der Grundschülerinnen und Grundschüler zu „Heavy Binge Watchers“. Das sind Kinder, die normalerweise drei oder mehr Folgen hintereinander sehen. Sie streamen üblicherweise über eine Stunde am Tag. Die Plattform YouTube Kids werde dabei von den Befragten täglich am häufigsten genutzt (von 24 Prozent, Netflix: 17 Prozent, Amazon Prime: 12 Prozent).

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Wer Serien streamen will, der kommt an Netflix kaum vorbei. Gestartet ist das Unternehmen in den Neunzigerjahren jedoch als DVD-Verleih.  © RND

Sogar die Jüngsten bingen mit

Doch nicht alles am Binge-Watching ist schlecht. Im NBC-Blog wird auch John Mayer zitiert, ein klinischer Psychologe bei Doctor on Demand. Er sagt, dass der Serienmarathon auch dem Stressabbau dienen kann: „Wir werden alle mit Stress aus dem Alltag bombardiert, in der uns Informationen ständig überfluten. Es ist schwer, unseren Geist abzuschalten und den Stress und den Druck abzubauen.“ Das Binge-Watching könne da wie eine Stahltür wirken, die unser Gehirn daran hindere, an die ständigen Stressfaktoren zu denken.

Zudem könnten Serienmarathons beim Socializen helfen, heißt es weiter in dem Artikel. Man könne damit Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen, die dieselbe Serie gesehen haben, wie man selbst. Zudem könnten die Handlungen der geschauten Serien zu besserer psychischer Gesundheit führen. „Binge-Watching kann gesund sein, wenn Ihr Lieblingscharakter auch ein virtuelles Vorbild für Sie ist“, erklärt Psychologin Carr.

Am Ende kommt es also nicht nur auf den Inhalt an, sondern – wie so oft – auch auf die richtige Dosis.

RND



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