Neue Serie, alter Held: “Perry Mason” – Abgebrannt im La-la-Land

  • Matthew Rhys zeigt bei Sky, wie schwer es “Perry Mason” hatte, bevor er der Supermann des Gesetzes wurde.
  • Als abgebrannter Privatdetektiv gerät er an den Fall einer Entführung und eines Kindsmordes, der ihn mitten ins Herz der Finsternis führt.
  • Die frühen Dreißigerjahre leben auf in einem Fest des Schauspiels und der Ausstattung, das ab 31. Juli bei Sky anläuft.
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Ein Hungerhaken, unrasiert, schlecht gekleidet, abgebrannt, das ist Perry Mason. Der kleine Privatdetektiv passt zur großen Depression, die Ende 1931 die Welt in ihrer unerbittlichen Armutszange hat. In “Ptomaine Tommy’s”, einem Diner in Los Angeles, überwacht er ein Nilpferd von einem Mann, der sich Essen wild in den Hals schaufelt. Später wird er denselben Mann, einen Schauspieler, fotografieren, als der quasi zum Nachtisch Kürbistorte aus dem Schoß einer nackten Schönen mampft. Das La-la-Land-Hollywood hat Mason beauftragt, den Lustgourmand auffliegen zu lassen, um ihn kaltzustellen. Mason aber liefert mehr als verlangt, versucht 300 Dollar mehr aus dem Skandal zu schlagen als vereinbart. Ein windiger Typ mit Senfflecken auf der Krawatte.

Raymond Burr war in den 50er-Jahren Perry Mason, der Superanwalt

Der massige Raymond Burr machte den 1933 von dem Schriftsteller Erle Stanley Gardner erfundenen, überaus erfolgreichen Romanhelden Perry Mason in den späteren Fünfzigerjahren zur Lichtgestalt des US-Fernsehens, bekam dafür zwei Emmys, und blieb der Rolle bis an sein Lebensende treu. Der rechtschaffene Anwalt, der alle Fälle (bis auf einen) gewann, der am Ende immer noch einen Spruch vorm Abspann parat hatte, bot episodisches Ritualfernsehen wie damals üblich – von “Bonanza” über “Daktari” bis “Raumschiff Enterprise”.

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Anders als die Vorgenannten, war “Perry Mason” in Deutschland kein echter TV-Hit. Hätte es aber werden können. Das berieselungswillige Feierabenddeutschland der Sechzigerjahre liebte das gute Ende, dass Unschuldige freikamen und die wahren Schurken ihre gerechte Strafe fanden.

Der neue Perry Mason aus dem “Game of Thrones”-Haus HBO erledigt Schnüfflerarbeit im Auftag des Anwalts E. B. Jonathan (John Lithgow). Der bringt ihn mit dem Magnaten Herman Baggerly (Robert Patrick) zusammen und damit kommt Mason mit dem Fall in Berührung, der in den Zeitungen von Los Angeles gerade die Schlagzeilen der Woche macht. Das entführte Baby von Matthew und Emily Dobson wurde tot mit angenähten Augenlidern in der (vielfach filmerprobten) Steilbahn Angel’s Flight Railway gefunden, das Lösegeld wurde von den Mördern trotzdem kassiert.

Ein feines Ensemble – bis in die Nebenrollen

“Ich traue dem Los Angeles Police Department nicht”, brummt der ein schwerwiegendes Geheimnis hegende Baggerly als Grund, weshalb er lieber Masons Dienste beanspruchen möchte. “Ich auch nicht”, raunt Mason. Und den erfolgsorientierten, zum Teil korrupten Polizisten des LAPD fällt denn auch nicht viel mehr ein, als coole Socken zu spielen, und erst den Vater, dann die Mutter des Mordes zu verdächtigen. Ein anthologisches Acht-Episoden-Drama hebt an, das den Betrachter bis zu den abschließenden Gerichtsfolgen mit seiner Film-noir-Atmosphäre am Wickel hat.

Mit einem feinen Ensemble trumpft “Perry Mason” überdies auf zu dem Juliet Rylance als Jonathans herrlich resolute Assistentin Della Street, Shea Wigham als Masons Kumpel Pete und Veronica Falcón als sein Many-Nights-Stand Lupe zählen. Und in Nebenrollen der schwarze Polizist Paul Drake (Chris Chalk), der unter dem Rassismus der weißen Kollegen leidet und zufällig in den Fall gezogen wird. Und Tatiana “Orphan Black” Maslany, die als evangelikale Priesterin Sister Alice in einer flammenden Grabrede gefährliches Charisma versprüht.

Matthew Rhys spielt den traumatisierten Mason überzeugend

Aber es ist Rhys, ein Star seit seiner Rolle als Sowjetspion Philip Jennings in der Serie “The Americans”, der diese acht Einstünder in nächtlichem Schummerlicht und unter der alten, kalifornischen Orangensonne zu einem Fest macht. Im Handumdrehen erhebt dieser überwältigende Schauspieler seinen Mason von einer funktionalen Figur zu einem reichen Charakter. Er ist ein von den Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs Traumatisierter, der die Zigarette, wie die Mutter des toten Babys feststellt, immer noch in der hohlen Hand verborgen hält, wie ein Soldat, der einen nächtlichen Kopfschuss vermeiden will.

Es sind Szenen wie diese, beiläufig und ohne großes Gewese, die die eindrucksvollen Schützengrabenflashbacks gar nicht zur Unterstützung bräuchten, um diesen getrennt von Frau und neunjährigem Sohn lebenden Desperado dem Publikum zu erklären. Einen Mann, der sich einen neuen Schlips besorgt, indem er den Diensthabenden im Leichenschauhaus in die Tüte mit den Habseligkeiten eines Toten greifen lässt und ihm dafür ein paar Cent in die Hand drückt.

Die Welt dieser Serie sieht aus wie das echte 1932

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Bis zu den Kleiderständern und Jalousien in Baggerlys Anwaltsbüro wird die spannende, indes nicht allzu originelle Crime-Drama-Story in einer verblüffend authentisch wirkenden neuerschaffenen Vergangenheit erzählt. Diese Welt sieht aus wie in den zeitgenössischen Filmen mit Edward G. Robinson und James Cagney und wie in den Kinowochenschauen jener Tage.

Die Serienschöpfer Rolin Jones und Ron Fitzgerald haben mit Regisseur Tim Van Patton (die Prohibitionsserie “Boardwalk Empire”) und Regisseurin Deniz Gamze Ergüven (“Mustang”) ein visuelles Juwel geschaffen. Setdesigner John P. Goldsmith ließ sich von Roman Polanskis “Chinatown” inspirieren. Garderobe, Schaufenster, Interieurs – alles bis hin zu dem röchelnden, hustenden, vierrädrigen Gespenst von einem Auto, mit dem Mason zu seiner Familienfarm hinauszuckelt, ist komplett und überzeugend 1932.

Eine schmerzhafte Lehre von Groucho Marx

Der Jazzscore von Terence Blanchard ist dann die Kirsche auf dem Kuchen, Trompeten und Klaviere treffen den Filmton von Trauer, Verzweiflung, Krise. Groucho Marx höchstselbst, die Stimme der Marx Brothers, gibt Mason eine drastische Lektion in Sachen La-la-Land, Perspektive und Moral. Alles andere als ein lustiger Mann ist der legendäre Clown, aber seine Worte brennen sich Mason buchstäblich ein.

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Vielleicht keimt in diesem überaus schmerzvollen Moment in diesem am Rande des Gesetzes statt in dessem Herzen lebenden Helden der wuchtige, unkorrumpierbare Mason, den Raymond Burr ab 1957 spielte. Aber der magere Hering hier, der tut, was er kann, um über böse Runden zu kommen, Runden, auf denen im Meterabstand Hürden stehen, ist eine um ein Vielfaches interessantere Person.

“Perry Mason”, HBO-Serie bei Sky, acht Episoden, ab 31. Juli wöchentlich eine Folge, mit Matthew Rhys, Juliet Rylance, John Lithgow, Chris Chalk, Tatiana Maslany, von Rolin Jones und Ron Fitzgelard, Regie: Tim Van Patton, Deniz Gamze Ergüven

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