• Startseite
  • Medien & TV
  • Patriotismus in der Blase: Auftakt des britischen Senders GB News mit Pannen und wenig Nachrichten

Patriotismus in der Blase: Auftakt des britischen Senders GB News mit Pannen und wenig Nachrichten

  • Vor Kurzem ist der britische Sender GB News gestartet, mit politisch rechter Ausrichtung.
  • Es wurden bereits Vergleiche zu Fox News gezogen – das hört der Gründer ungern, dabei fehlen dem Sender dazu ohnehin Finanzen und Professionalität.
  • Nach dem Start mit Pannen und kaum News sind die Zuschauerzahlen rapide gesunken.
|
Anzeige
Anzeige

Es sei nun an der Zeit, „Nachrichten anders zu machen“, so verkündete es der Moderator in seiner Eröffnungsansprache. Er saß an einem schwarzen Tisch vor schwarzem Hintergrund im schwarzen Anzug. Dementsprechend düster wirkte der Auftakt des neuen britischen Senders GB News, der schon für viel Furore sorgte, bevor eine auch nur eine einzige Minute gesendet wurde – und nun vor allem viel Spott auf sich zieht. Es war vor drei Wochen, als der Sprecher und Chairman Andrew Neil frohlockte, der Schlüssel stecke im Namen. „Wir sind stolz darauf, britisch zu sein.“ Nordirland wurde bei der Namensfindung offenbar ausgeblendet.

Der Rest des Programms erhielt vor allem deshalb große Aufmerksamkeit, weil eine technische Panne auf die nächste folgte. Tatsächlich erinnerte in den ersten Tagen vieles an Teenager-TV, zusammengestöpselt im Keller der Eltern. Der Vergleich zum Uni-Fernsehen sei respektlos gegenüber Studierenden, ätzten Nutzer in den sozialen Medien.

Zuschauerzahlen sinken deutlich nach dem Start

„Ich freue mich, schwierige Themen anzugehen mit Stimmen, die man zuvor noch nicht gehört hat“, versprach eine Moderatorin auf Twitter. Es folgten trotzdem Gäste, darunter der Rechtspopulist Nigel Farage, die seit Jahren von einer Show zur nächsten tingeln, um ihre kontroversen Meinungen kundzutun. Ob diese Tatsache für die schlechten Quoten verantwortlich ist oder doch die ständigen Patzer? Andrew Neils Einstimmung verfolgten noch 336.000 Menschen. Ein beeindruckender Start. Doch seitdem ging es steil bergab. Während in der ersten Woche im Schnitt noch 42.800 Menschen einschalteten, waren es in der vergangenen Woche durchschnittlich nur etwa 33.000 Zuschauer.

Anzeige

Und auch sonst läuft es nicht wie gewünscht. So kündigten mehrere Firmen, darunter der schwedische Möbelkonzern Ikea und das deutsche Unternehmen Nivea, an, ihre Werbespots für den Sender nachträglich sperren zu lassen. Ein Boykott? Neil wütete.

Programm ist ein Ritt durch die Themen

Tatsächlich ist das tägliche Programm ein Ritt durch die Themen, von einem Reporterstatement zum nächsten Couch-Talk: Wohnungsbau in Cornwall, Freiwillige suchen nach vermissten Kindern, dann eine Show, die lediglich „gute Nachrichten“ sendet. Da sieht der Zuschauer oder die Zuschauerin dann etwa das Video eines Bären, der in einem Swimmingpool Abkühlung findet, und einen Clip von tanzenden Robotern. Später sitzen drei Frauen auf braunen Ledersofas im Studio und sprechen – plaudern wäre vermutlich die bessere Beschreibung – über Rassismus, Cancel-Culture und Überwachungskameras, im Hintergrund flackern durch die Glastüren die Bildschirme und sollen wohl einen Eindruck von News vermitteln, auch wenn kaum Menschen an den Schreibtischen zu sehen sind.

Der Sender, so wurde monatelang versichert, werde „die Agenda der Menschen, nicht die Medienagenda“ aufgreifen. Weg von Westminster, der Machtzentrale, der politischen Korrektheit. Man wolle berichten, was wirklich passiere, und natürlich wurde damit impliziert, dass die Mainstream-Medien diesem Auftrag nicht nachkommen.

Was interessiert die Briten wirklich? Tanzende Roboter wohl kaum

Was also interessiert die Briten wirklich? Tanzende Roboter? Das darf bezweifelt werden. Kürzlich wurde ein Körpersprache-Experte gefragt, ob Joe Biden Premierminister Boris Johnson tatsächlich wohlgesonnen ist und so analysierte der Gast jede Geste des US-Präsidenten. Bahnbrechend neu? So viel zu Nachrichten anders machen.

Vielleicht meinten die Macher auch damit, dass sie auf faktische Berichterstattung eher verzichten wollen. Denn allzu viele News gehören offenbar nicht zur Palette. Dafür gibt es vor allem Meinung. In Talkshows, Diskussionsrunden – eigentlich wird durchgehend geredet und bewertet. Der Austausch findet dabei größtenteils in einer bequemen konservativen Blase statt, in der sich alle möglichen Kommentatoren über so ziemlich alles auslassen dürfen. Populismus, ja bitte.

Stolz auf Großbritannien als Motto

Anzeige

Der Stolz auf Großbritannien darf als Motto verstanden werden und passt zu einem Land, in dem nach dem jahrelangen Brexit-Theater und einer von Ideologien gelenkten Regierung unter Johnson mittlerweile ohnehin bei jeder Gelegenheit der Union Jack gehisst und Patriotismus gefordert wird.

Dem Premier dürfte GB News gefallen, was wiederum zahlreiche Menschen weniger als Kompliment verstehen würden. Doch beim Sender wird die politisch rechte Ausrichtung fast schon beworben. Als gäbe es in der Medienlandschaft des Königreichs mit Blättern wie dem „Telegraph“, der „Sun“ oder der „Daily Mail“ nicht schon genug in diesem Spektrum.

Kritik des rechten Flügels an der BBC

Andrew Neil jedenfalls meinte, hier eine Lücke erkannt zu haben. Bedenken, GB News könnte das Abbild des US-Senders Fox News werden, versuchte er zu zerstreuen. Ohnehin fehlt bislang der finanzielle Rahmen, um ein Projekt wie dieses auf ähnlich professionelle Weise zu stemmen wie etwa Sky News, geschweige denn die gebührenfinanzierte BBC.

Zu links, zu London-zentriert, zu abgehoben, so lautet die ständige Kritik des rechten Flügels an der Rundfunkanstalt. Geschenkt, dass der 72-jährige Neil jahrelang als prominenter Interviewer bei der BBC landesweite Aufmerksamkeit erhielt. Nun ist er Chairman bei GB, auch wenn er zwei Wochen nach dem Sendestart verkündete, eine Pause einlegen zu wollen. Nach dem Lärm der letzten Monate konnte das verstehen, wer wollte. Aber vielleicht hakt es selbst ihm noch an zu vielen Stellen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen