„Paris Police 1900“: Sky zeigt historische Krimiserie aus der Belle Époque

  • Fabien Nurys Serie „Paris Police 1900“ (ab 14. Juli bei Sky) zeichnet ein düsteres Bild der Belle Époque.
  • Die Antisemiten beherrschen die Straße, ein junger Inspektor geht in Paris rätselhaften Frauenmorden nach.
  • Während das Sittengemälde durchaus gelungen ist, gerät der Thriller zunehmend verwirrend.
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Belle Époque ist der klangvolle Name einer Ära, die vor etwas mehr als 100 Jahren zu Ende ging. Sie ist bekannt für Gutes – die Blüte der Künste und das Fortschreiten der Wissenschaften. Der Frieden nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 dauerte ungewöhnlich lange, die Arbeiter Europas erstritten währenddessen wichtige Rechte, die Frauen erhoben sich, um für die Gleichberechtigung der Geschlechter zu marschieren. Die französische Krimiserie „Paris Police 1900“ führt in jene alte moderne Zeit und in ihr „Herz“, die französische Hauptstadt. In der alles gut ist?

Keineswegs. Schon in der ersten Szene stirbt jemand – der französische Präsident Félix Faure erleidet im Februar 1899 während einer von der Kamera hartnäckig begleiteten Fellatio seiner Mätresse Marguerite Steinheil (Evelyne Brochu), die zur heimlichen Protagonistin der Serie wird, einen tödlichen Schlaganfall. Dann fährt die Kamera auf die Straße, wo ein Mann einen Zeitungsjungen zusammenschlägt, dann dessen dem Sohn zu Hilfe kommenden Vater, einen Kioskbesitzer, fast umbringt und schließlich den Gazettenstand in Brand steckt.

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Die „schöne Epoche“ ist voller hässlicher Gewalt

Der rechtsextreme Metzger Jules Guérin (Hubert Delattre) hat soeben mit Feuer und Knüppel das sozialistische Blatt „L’Aurore“ aus seinem Viertel vertrieben und lässt fortan „L’Antijuif“ verteilen, eine Hetzgazette gegen jüdische Franzosen. Es sind die Tage, in denen der jüdische Offizier Alfred Dreyfus aus der Verbannung auf die Teufelsinsel zurückkehren soll, um gerichtlich rehabilitiert zu werden vom Verdacht der Spionage für Deutschland.

Die „schöne Epoche“ ist in Wahrheit voll von hässlicher Gewalt. Die Rechten sind auf dem Vormarsch. Kommt der „Jidd“ frei, werden sich Antisemiten, Nationalisten, Royalisten und Bonapartisten verbünden und gemeinsam durchdrehen, so viel scheint gewiss. Und dann, auch das scheint ausgemacht, ist die dritte Republik verloren. Ein Zeiten- und Sittengemälde in acht Episoden wird von Comic-Szenarist Fabien Nury und den Drehbuchautoren ausgebreitet, ein Drama, das als Kern einen Thriller birgt.

Jouin soll den Mörder zweier Frauen finden

Der junge, idealistische Inspektor Antoine Jouin (Jérémie Laheurte) wird gemeinsam mit seinem älteren Kollegen Cochefert (Alexandre Trocki) auf zwei Frauenmorde angesetzt. Zunächst wird ein Koffer aus der Seine gefischt. Darin findet man den Torso von Joséphine Berger, einer alleinerziehenden Mutter, die aus dem Elsass nach Paris kam. Ein zweiter Koffer desselben Fabrikats, der aus Brüssel eintrifft, enthält die Leiche von Hélène Chagnolle, der lebenslustigen Gattin eines Ministeriumsbeamten. Wie hängen die Fälle zusammen? Wer hatte Interesse am Tod der beiden Frauen?

Die Puzzlesteine führen die beiden Kriminalisten an finstere Orte, in bitterste Armut, aber auch in die höheren Kreise der Politik und des Adels. Geheimnisse, wohin man blickt – manche von ihnen sind tödlich. Und in den eigenen Reihen arbeiten der korrupte Kommissar Puyrabaud (Patrick D’Assumçao), der Präfekt werden will anstelle des Präfekten Lépine (Marc Barbé), und sein gelegentlich mit Skrupeln behafteter Adlatus fürs Grobe Fiersi (Thibaut Evrard) gegen Jouin, Cochefert und die selbstbewusste Anwältin Jeanne Chauvin (Eugénie Derouand), die jedes Mal, wenn sie sich als Juristin ausweist, Skepsis und Hohngelächter erntet.

„Paris Police 1900“ zeigt das Ausmaß des Antisemitismus in Frankreich

Beeindruckend ist „Paris Police 1900“ in der Dramatisierung von Geschichte. Auch in Polanskis Dreyfus-Film „Intrige“ (2019) war der Antisemitismus im Frankreich jener Zeit nur exemplarisch deutlich geworden. In „Paris Police 1900“ wird sein Ausmaß in einer Szene offenbar, in der ein uniformiertes Ferkel auf offener Bühne geschlachtet wird – ein Stellvertreter für Dreyfus.

Überhaupt nichts habe sie gegen Juden, erklärt die antisemitische Mutter der Guérin-Brüder (Anne Benoît), sie seien nur so leicht zu hassen. Der Skandal einer Lieferung verdorbenen Fleischs ans Militär etwa wurde inszeniert, um die jüdische Konkurrenz der arischen Metzger von Paris aus dem Geschäft zu drängen – und Volkes Wut auf die ewigen Sündenböcke anzuheizen.

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Man ist fasziniert von den Sitten und Gebräuchen jener Tage, wie Nury sie zeigt: Zu Chopin vom Grammofon gönnen sich die Damen der Gesellschaft beim gemeinschaftlichen Drogenkränzchen eine Dosis in den Oberschenkel. Jede hat ihr Spritzbesteck in einem kostbaren Etui – das brandneue Heroin wird gefeiert wie ein Held – Zerstreuung von der Etikette, Medizin gegen Melancholie, alles frei in Drogerien erhältlich.

Auch die Frau des Präfekten (Valérie Dashwood) lässt sich zu einem Stich überreden, was eine Falle ist und ihr und ihrem Mann fast zum Verhängnis wird. Der ist die Lichtgestalt der Serie – Lépine will seine Flics mit Fahrrädern ausrüsten und jede Polizeiwache der Stadt mit dem neuartigen Telefon bestücken, damit die Truppe schneller, öffentlicher, bürgernäher wird. „Brauchst du Hilfe, ruf die Polizei“, soll es künftig heißen.

Im Lauf der Episoden wird die Handlung verwirrend

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Von schwarzen und grauen Farbtönen getragen, spärlicher mit Lichtfunken illuminiert als selbst Stanley Kubricks „Barry Lyndon“ (1976), zudem mit einem kongenialen Soundtrack versehen, in dem das Moll schwerer Streicher dominiert, verdüstert sich nicht nur die vermeintliche Jubelära, sondern gerät auch parallel die manöver- und intrigenreiche Kriminalgeschichte für den Zuschauer zusehends verwirrender und lässt bald ihre anfängliche Eleganz vermissen. Anders als in anderen historischen Kriminetten wie „Ripper Street“ (über das Jack-the-Ripper-London), „The Alienist“ (spielt im New York des ausgehenden 19. Jahrhunderts) oder „Babylon Berlin“ (über die Endphase der Weimarer Republik) muss man das Gesehene immer wieder rekapitulieren.

Nach der fünften der acht Episoden schafft es das großartige Produktionsdesign nicht mehr, von den Schwächen abzulenken: der heillos überbordenden Geschichte, ihrer Überwürzung mit sämtlichen Stilen (bis hin zu der Thriller, Politdrama und Romanze zuwiderlaufenden Komödie), dem Statisch-Repetitiven (Liga-Versammlungen, machohaft lachende Polizisten auf dem Revier, ein stets hinter Mauern lauernder oder sich verbergender Jouin). Ausgerechnet Hauptdarsteller Laheurte bleibt in der Rolle des jungen Kommissars blass, vermag die Facetten seiner Figur niemals zu einem Charakter zu bündeln. Langeweile zieht herauf.

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Die finale Folge wird gefühlt komplett vom Schlag einer Showdownglocke begleitet, wie man das vom Italowestern kennt. Ein schier endloses Ende, eine knapp einstündige Aneinanderreihung letzter Auftritte bis hin zu einem Tableau der Metzger von La Villette, die eine antisemitisch betextete Marseillaise absingen. Die letzte Szene gehört wie die erste dem Eros, nur ist er diesmal einvernehmlich: „Ich habe noch nie zuvor mit einer Mörderin geschlafen“, macht da ein untadeliger Mann Frieden mit seiner geliebten Frau. Und die Kamera wendet sich diesmal diskret ab.

„Paris Police 1900“, acht Episoden, bei Sky, von Fabien Nury, mit Jérémie Laheurte, Evelyne Brochu, Thibaut Evrard (ab 14. Juli)

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