„Para – Wir sind King“: Frauen mit Nehmerinnenqualitäten

  • In „Para – Wir sind King" ziehen vier Freundinnen durch die Straßen von Berlin.
  • Die Geschlechterverhältnisse drehen die „4 Blocks"-Serienmacher mal eben um.
  • Das ist erfrischend in dieser sonst eher gewöhnlichen Coming-of-Age-Story.
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Stellen wir uns mal kurz einen jungen Mann bei einer ausgelassenen Berliner Party vor. Er ist gar nicht eingeladen, aber jetzt hat er sich frech an der Bar aufgebaut, lässt sich für seine Kumpels und sich selbst ein paar Drinks mixen – und plötzlich taucht ausgerechnet die Gastgeberin neben ihm auf. Ein leichtes Geplänkel zwischen Gereiztheit und Amüsementfaktor auf beiden Seiten entspinnt sich, und dann fragt der junge Mann ganz unverblümt: „Und wie wäre es mit ficken?“

Wer will denn so was noch hören? Müssen solche Machosprüche wirklich sein? Aus welchem Jahrhundert ist dieser übergriffige Typ gefallen?

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Nun ja, es ist gar kein Typ, sondern eine junge Frau: Jazz (Jeanne Goursaud, bekannt aus „Barbaren“) heißt sie, und sie meint genau das, was sie dem männlichen Gastgeber so unverblümt anbietet. Die Drinks für ihre drei besten Freundinnen Fanta (Jobel Mokonzui), Hajra (Soma Pysall) und Rasaq (Roxana Samadi) kann sie ja später immer noch abholen.

Woran das Kino mühevoll arbeitet (was wurde der erste Superheldinnenfilm „Wonder Woman“ 2017 als Sensation gefeiert – der Folgefilm dann schon als Enttäuschung zur Kenntnis genommen), schaffen nun eben mal Fernsehserien: Sie bürsten Geschlechterrollen tüchtig gegen den Strich.

Serienchefautor Hanno Hackfort lässt Frauen in der TNT-Serie „Para – Wir sind King“ jedenfalls nicht nur in der beschriebenen Szene mit so viel Chuzpe das Geschehen bestimmen, als wolle er den Männern mal eben vorführen, was sie sich in der Vergangenheit herausgenommen haben. Er dreht die Verhältnisse ganz einfach um und erzielt dabei erstaunliche Aha-Effekte. Ob Frauen deshalb nun unbedingt so agieren müssen, wie es Männern zugeschrieben wird, ist eine andere Frage.

Die Macher von „4 Blocks“

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Allerdings könnte man sich wundern, wieso ein Mann die Beziehung zwischen den Geschlechtern hier neu durchdekliniert. Zumindest hat Hackfort zwei Frauen an seiner Seite: die Autorinnen Luisa Hardenberg und Katharina Sophie Brauer.

Hackfort selbst kennt sich aus mit dem ungemütlichen Ton auf Berliner Straßen. Er schrieb die gefeierte Serie „4 Blocks“ über Hauptstadtclans – und auch der hier verantwortliche Regisseur Özgür Yildirim war bei „4 Blocks“ dabei.

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Auch Yildirim hat sich früher gewissermaßen mal aufs andere Geschlecht fokussiert. In seinem viel beachteten Kinodebüt „Chiko“ schickte er jugendliche Kriminelle durch Hamburg. Nun sind es vier Frauen, die per Zufall an Stoff kommen. Allerdings streben sie keine kriminelle Karriere an: Sie wollen ein bisschen dazuverdienen. Und der Typ Influencerin, der schicke Taschen oder Badebekleidung in die Kamera hält, sind sie nun alle vier nicht.

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Den Dealer im Nacken

Die Berlin-Wedding-Bewohnerinnen nehmen sich, was das Leben ihnen nicht schenkt – beziehungsweise was sie bei einem ausgeraubten Dealer auf dem Wohnzimmerboden finden und kurzerhand unters Partyvolk bringen wollen. Natürlich geht das tüchtig schief. Der Dealer mit Schnellsprechtick sitzt ihnen bald im Nacken.

Letztlich sind die Drogengeschäfte aber gar nicht das Entscheidende. Sie dienen lediglich dazu, die Handlung voranzutreiben. Was zählt, ist die Freundschaft zwischen den vieren. Das Quartett ist ein eingespieltes Team, das sich schon mal Rücken an Rücken gegen den Rest der Welt stellt. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen.

Eine bezeichnende Szene geht so: Nach durchfeierter Partynacht geht eine von ihnen ausgerechnet auf freier Berliner Brache in die Hocke. Ohne jede weitere Aufforderung postieren sich die drei anderen als Sichtschutz außen rum wie die Römer in den „Asterix“-Heften, wenn sie die Gallier fürchten müssen. Schöner hätte das kein Choreograf einstudieren können.

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Es wird aber nicht nur Party gefeiert: Im Kern ist „Para“ eine herkömmliche Coming-of-Age-Story wie so manche andere auch. Jede der vier jungen Frauen hat ihre eigenen Sorgen und Nöte.

Fanta muss sich um ihre aus Ghana stammende und mit deutschen Regularien heillos überforderte Mutter kümmern. Hajra hat eine Jugendstrafe gerade hinter sich. Jazz will unbedingt Tänzerin werden. Und Rasaq steuert auf eine arrangierte Ehe zu – womit sie, auch das eine überraschende Umkehrung zu sonstigen Erzählgepflogenheiten, weniger Probleme hat als alle anderen um sie herum (jedenfalls in den ersten drei zur Sichtung zur Verfügung stehenden Episoden, die Angelegenheit könnte noch verzwickt werden).

Locker-flockig lassen sich die vier Frauen durch Berlin treiben. Zu viel Tiefe sollte niemand erwarten, die Kommunikation wird schon mal aufs Notwendigste auf dem Handy verknappt. Und es ist auch nicht so, dass Männer die sonst so selbstbewussten Frauen nicht zum Leiden bringen würden. Da ist „Para“ dann doch wieder erstaunlich konservativ. Oder realistisch?

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„Para – Wir sind King“, sechs Folgen bei TNT Serie oder auch Sky, von Hanno Hackfort, mit Jeanne Goursaud, Soma Pysall, Jobel Mokonzi, Roxana Samadi

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