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ARD-Korrespondentin über Olympia in Peking: „Die Spiele sind eine Regierungsveranstaltung“

Die Journalistin Tamara Anthony berichtet von Peking aus über die Olympischen Winterspiele.

Zum zweiten Mal nach 2008 finden die Olympischen Spiele in Peking statt – und das trotz eklatanter Menschenrechts­verletzungen der chinesischen Regierung. Aufgrund der Pandemie berichten ARD und ZDF über die am 4. Februar beginnende sportliche Großveranstaltung aus einem gemeinsamen Studio in Mainz. Aber auch vor Ort in China haben die Sender Korrespondentinnen und Korrespondenten – wie Tamara Anthony, die in Peking das Studio der ARD leitet. Im Interview schildert Anthony, wie schwierig es ist, als Journalistin frei aus China zu berichten.

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Frau Anthony, China liegt derzeit auf Platz 177 der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen. Wie spüren Sie das als Journalistin im Berufsalltag?

Die meisten Leute haben Angst, uns ein Interview zu geben. Zu Recht: Meist bekommen sie nach einem Interview einen Anruf oder Besuch von der Polizei. Wenn sie etwas Kritisches gesagt haben, kann das zu großen Schwierigkeiten bis hin zu Gefängnis führen. „Streit suchen und Ärger provozieren“ ist ein Straf­tatbestand, mit dem gegen Anders­denkende vorgegangen wird. Ich muss mir also immer überlegen, wie groß die Gefahr für den Interview­partner ist und ob die Person selbst einschätzen kann, welche Folgen ein Interview hat.

Werden Sie selbst auch eingeschüchtert?

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Ich selbst werde überwacht und verfolgt. Es ist auch offensichtlich, dass unser Telefon abgehört wird. Oftmals werden Interview­partner schon vorab gewarnt, uns ein Interview zu geben. Bei vielen Drehreisen fährt ein Auto ständig hinter uns her. Wenn wir Interviews machen wollen, gehen diese „Aufpasser“ dazwischen, und im Hotel übernachten sie sogar im Zimmer nebenan. Am liebsten hat man es hier, dass wir alle Drehtermine von der Regierung absegnen lassen und wir dann mit den Aufpassern zusammen die Interviews führen.

Erschwert die Corona-Pandemie die Bericht­erstattung zusätzlich?

Sehr häufig wird die Pandemie­bekämpfung als Ausrede benutzt, um Interviews zu verbieten. Als wir beispielsweise die Bauern rund um die olympischen Austragungs­stätten befragen wollten, wurden wir von der Polizei mit dieser Begründung von Interviews abgehalten. Auch muss sich jeder anmelden, wann er über welche Route zu den Skigebieten fährt. Inzwischen erkenne ich schon einige staatliche Aufpasser in der Skiregion. Sie warteten schon am Bahnhof auf mich. Den ganzen Tag haben sie mich dann verfolgt und von Interviews abgehalten.

„Wintersport ist hier kein Massensport“

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit lokalen Kräften in Peking? Wie geht man sicher, dass diese sich nicht in Gefahr bringen?

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Es wird streng kontrolliert, mit wem wir zusammen­arbeiten. Unsere chinesischen Mitarbeiter dürfen wir nicht direkt anstellen. Wir können eine Anstellung beantragen, dann wird die Person vom chinesischen Außen­ministerium und der Staats­sicherheit durchleuchtet. Falls die Person akzeptiert wird, wird sie beim chinesischen Außen­ministerium angestellt und zu uns entliehen. In den letzten Jahren ist dieser Prüfprozess noch sehr viel strenger und langwieriger geworden. Bei sensiblen Themen können wir die lokalen Mitarbeiter nicht einbinden. Ich bin auch schon zu einem Interview gegangen mit ausgedruckten Zetteln mit chinesischen Fragen. Selbst die Übersetzungs-Apps auf dem Handy helfen in solchen Situationen nicht, denn wenn es sensible Interviews sind, kann ich das Handy nicht mitnehmen, sonst werde ich geortet.

Das gemeinsame Olympia­studio von ARD und ZDF befindet sich in Mainz, nicht in Peking. Worauf liegt der Fokus der Bericht­erstattung vor Ort in China?

Ich gehe davon aus, dass es einen Clash der Kulturen in der Olympia­bubble geben wird. Chinas Null-Covid-Politik, gepaart mit einem autokratischen System, auf der einen Seite und westliche Journalisten, die an freie Presse und Covid gewöhnt sind, auf der anderen Seite. Ich hoffe, dass wir vor Ort die Situation darstellen können: die Ausrichtung der Spiele, die Bedingungen für die Sportler, die Möglichkeiten für Bericht­erstattung, die Einschränkungen durch Covid-Maßnahmen, die chinesische Sicht auf die Spiele und so weiter. Und letztlich gibt es wegen der Spiele ein großes Bericht­erstattungs­interesse an China generell.

Spürt man in Peking trotz Corona schon so etwas wie Olympia­begeisterung? Die Chinesen gelten bislang ja nicht als Volk von Wintersportlern ...

Bisher spüre ich wenig Euphorie. Wintersport ist hier kein Massensport. Es gibt auch fast keine Wintersport­stars. Außerdem werden die Spiele in abgesperrten Bereichen stattfinden, und wegen Covid wird es wohl kaum Public Viewing geben. Was auch anders ist als bei uns: Es gibt keine Debattenkultur. Presse, Internet und sogar direkte Kommunikation über Chats sind komplett zensiert. Es gibt auch keine Zivil­gesellschaft, also Privat­initiativen zu Olympia. Denn jede Organisation muss staatlich beaufsichtigt werden. Die Spiele haben in dem Sinne wenig mit der Bevölkerung zu tun. Sie sind eine Regierungs­veranstaltung.

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Unter dem Titel „China inside: Winterspiele mit Widersprüchen“ haben die Korrespondenten Tamara Anthony und Daniel Satra eine Dokumentation zur Stimmungslage vor den Olympischen Winterspielen gedreht. Der Beitrag des ARD-Studios Peking wird am Montag, 31. Januar, 22.50 Uhr, im Ersten ausgestrahlt.

RND/Teleschau

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