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Olympia als 14-Stunden-Selbstversuch: Die Geisterspiele von Tokio im nächtlichen TV-Protokoll

  • Keine Zuschauer, kein Applaus: Die Olympischen Sommerspiele haben begonnen – und fühlen sich als TV-Zuschauer seltsam steril an.
  • Imre Grimm hat den Selbstversuch gewagt und eine ganze Nacht lang „Olympia Live“ vor Geisterkulisse geguckt.
  • Hier ist das Protokoll der Sommerspielchen von Tokio.
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Mitternacht in Deutschland, 7 Uhr morgens in Japan. In Asien graut der frühe Morgen, hier in Europa beginnt die Nacht. Zeit für einen XXL-Selbstversuch: Wie fühlen sich diese seltsamen Olympischen Sommerspiele von Tokio als Fernsehzuschauer an? In welche körperlichen Grenzbereiche stoße ich als Sofaathlet vor, wenn ich 14 Stunden lang durchhalten will? Wie wirkt sich eine Nacht voller geballter Randsportarten auf die seelische Stabilität eines vergleichsweise ahnungslosen Zuschauers aus? Und sind bleibende Schäden zu befürchten? Hier ist das Protokoll einer kompletten Olympianacht:

0.00 Uhr: Mitternacht. Im ZDF fahren Männer auf der Straße Fahrrad. Ist es ein Straßenrennen? Ein Zeitfahrwettbewerb? Woher kommen sie? Wohin wollen sie? Man weiß es nicht. Die Einblendungen sind keine Hilfe. Dort steht nur „Olympia“. Zutreffend, aber karg. Minutenlanges Schweigen zu strampelnden Herren. Ein Herr Blumenfeld rückt an die Verfolgergruppe heran. „Und vorne arbeiten natürlich die Norweger!“, sagt der Kommentator. Natürlich. Die Norweger. Wer sonst? Die Peruaner? Die Kirgisen?

0.12 Uhr: Was viele nicht wissen: „Justus Nieschlag fährt ein 50er-Kettenblatt mit elfachtundzwanziger Übersetzung hinten.“ Nicht, dass da Unklarheiten bleiben. Einem Österreicher hat‘s die Kette zerfetzt. Er wirft missgelaunt sein Sportgerät auf den Asphalt. War vielleicht kein 50er-Kettenblatt.

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+++ Alle Entwicklungen bei den Olympischen Spielen hier im Liveticker +++

0.19 Uhr: „Schöne Studie jetzt hier“, sagt der Reporter Marc Windgassen, wann immer eine Zeitlupe läuft. Bei Olympia heißen Zeitlupen traditionell „Studie“. Das klingt fachmännischer. Beim Fußball würde man niemals „Studie“ sagen, wenn Ronaldo in Zeitlupe zum Freistoß anläuft. Fußball ist keine Wissenschaft. Überhaupt muss es seltsam sein, bei ARD und ZDF Randsportarten zu kommentieren: Alle vier Jahre wirst du als Fecht-, Dressurreit- oder Bogenschießexperte aus dem Lager geholt und nach Übersee verschifft. Dort entlädt sich mitunter eruptiv in wenigen Minuten die aufgestaute Expertise – bevor wieder Jahre der Kontemplation in der Blase der eigenen Leidenschaft beginnen.

0.22 Uhr: ZDF-Reporter Windgassen spricht von Schwimmen. Kurze Irritation. Schwimmen? Ein Sportler habe möglicherweise 15 Strafsekunden kassiert, weil er vorhin seine Schwimmsachen nicht ordnungsgemäß verpackt hat. Das klingt wie: Turnbeutel vergessen. Schwimmsachen? Fahrrad? Erst nach 40 Minuten dämmert mir als Gelegenheitszuschauer, dass es sich hier um Triathlon handeln könnte. Warum blendet das ZDF den aktuellen Wettbewerb nicht ein? Ich google. Herr Blumenfeld heißt in Wahrheit Herr Blummenfelt. Ein Norweger. Natürlich.

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„Voll übers Limit gegangen“: Triathlon-Sieger Kristian Blummenfelt mit Helfern nach seinem Zusammenbruch im Zielbereich des olympischen Triathlons von Tokio. © Quelle: imago images/PanoramiC

00.27 Uhr: Das Kameramotorrad zeigt jetzt eine leere Straße zwischen nassen Hochhäusern. Es sind Bilder, die dem Fremdenverkehrsamt von Tokio nicht gefallen dürften. Auch wenn Reporter Windgassen mit erstaunlicher Leidenschaft berichtet, dass es auf „dieser wirklich tollen Anlage am Strand von Tokio“ auch ein Lego Discovery Center gebe. Es gelingt mir nicht, für derlei Zusatzinformationen auch nur das geringste Interesse aufzubringen.

00.30 Uhr: Das ZDF schaltet kurz zu den „heute“-Nachrichten. Vorher gibt’s den Sponsorenhinweis: „Sparkasse – Weil’s um mehr als Geld geht.“ Ein Spitzenslogan zu Olympia. Weil’s um mehr als Geld geht? Tatsächlich? Es geht um mehr als Geld? Worum denn bitte noch? Ums Dabeisein beim eigenen Girokonto? Weder bei der Sparkasse noch bei Olympia geht‘s um mehr als Geld. Jedenfalls nicht den Sponsoren und Veranstaltern.

Surfen der Frauen – das klingt vielversprechend

00.45 Uhr: Stippvisite nebenan bei Eurosport. Dort erfahre ich Überraschendes: Viele der Triathleten haben im Vorfeld der Spiele diverse „70.3-Wettbewerbe“ absolviert. Was genau sich dahinter verbirgt, wird bei Eurosport auch unter Nichttriathleten als bekannt vorausgesetzt. Ich google. Und lande beim „Nass-/Trockensauger NT 70/3″ von Kärcher. Verwirrung. Ich google weiter und finde die „Junkers CerapurMaxx ZBR 70-3 A 23 Brennwerttherme“. Ich zweifle, dass Triathleten an Trockensaugwettbewerben oder Thermen-Contests teilnehmen.

Da! Treffer! „70.3″-Wettbewerbe sind im Triathlon Wettkämpfe über die halben Distanzen des Ironman auf Hawaii: Der Name leitet sich aus der Summe der Einzeldistanzen von 70,3 Meilen (113 Kilometern) ab. Ein Ironman-70.3-Rennen besteht also aus 1,9 Kilometern (1,2 Meilen) Schwimmen, 90 Kilometern (56 Meilen) Radfahren und 21,1 Kilometern (13,1 Meilen) Laufen. Das darf man bei Olympia gern mal miterklären.

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00.48 Uhr: Im Kern bin ich Olympiafan. Wo hört man sonst schon Wörter wie „einarmige Riesenfelge“ oder „Schleifkontakt im Impulsschrittbein“? Wo ist sonst die Rede von „gestreckten Längsachsenpirouetten“, „Konterriposte“ oder der „großen Außensichel O-soto-gari“? Halb ein, halb aus, leichtes Nachziehen, angewinkelt im Halbstand über die Viertel-Piaffe! Handstützüberschlag im Ristgriff, Schwungstemme vorwärts, Doppel-Oxer! Ich habe keine Ahnung, was das alles bedeutet, aber alle vier Jahre möchte ich diese Vokabeln hören. Kein Zweifel: Das Fachvokabular in den meisten Sportarten kann nur unter dem Einfluss körpereigener Quatschhormone zustande gekommen sein.

00.59 Uhr: Die Triathleten haben die Fahrräder abgestellt und laufen jetzt. Und zwar auf der letzten Rille. Genau wie ich, bloß dass ich liege. Nach nur einer Stunde droht bereits das gefürchtete Sofakoma?! Das darf nicht sein! In Tokio besprühen blaue Helfer die Läufer jetzt aus Spritzdüsen mit Eiswasser. Wer besprüht mich? Das ZDF kündigt für 1.30 Uhr Surfen der Frauen an. Das klingt vielversprechend.

Nein, es ist kein toller Moment, wenn ein Mensch zu kollabieren droht

1.15 Uhr: Gott, ist Tokio hässlich. Vereinzeltes Klatschen von versehentlich anwesenden Zeitzeugen am Wegesrand unterstreicht noch die Tristesse der Szenerie. ZDF-Mann Windgassen ficht das nicht an. „Crunchtime!“, jubelt er. „Jetzt ziehen sie an! ALL IN!“ Er klingt wie der Mann vom Autoscooter („Kommseranjetzthier, immerwiederdabeisein, immerwiedermitfahren...!“). „Blummenfelt rennt um sein Leben!“, ruft er. Was? Wird der Mann erschossen, wenn er nicht siegt?!

1.20 Uhr: Blummenfelt ist im Ziel und übergibt sich zur Feier des Tages auf das olympische Logo am Boden. Er wird der Jubeltraube behutsam entnommen und von Fachpersonal heruntergekühlt und in einen Rollstuhl verfrachtet.

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1.21 Uhr: Auch bei Eurosport ist das Rennen beendet. Man steht noch im Bann der Ereignisse. „Blummenfelt ist voll übers Limit gegangen und dann im Ziel zusammengebrochen“, sagt der Eurosport-Reporter – „was für ein toller Moment!“ Ähm, nein. Es ist kein toller Moment, wenn ein Mensch zu kollabieren droht. Die Szene erinnert entfernt an den Marathonlauf der Frauen bei den Sommerspielen 1984 in Los Angeles, als die Schweizerin Gabriela Andersen-Schiess die letzte Getränkestation bei Kilometer vierzig verpasst hatte und unter Zuckungen und mit verstörend verzerrtem Gesicht für die letzten 500 Meter im Stadion sieben Minuten brauchte. Der Sender ABC übertrug damals in voller Länge. Ärzte und Helfer scheuchte sie weg, weil sie nicht disqualifiziert werden wollte. Messungen zeigten danach: Ihre Körpertemperatur lag bei 41,2 Grad.

Warten auf die Welle: Stephanie Gilmore aus Australien beim Surfwettbewerb der Sommerspiele von Tokio. © Quelle: imago images/AFLOSPORT

1.28 Uhr: Zurück ins ZDF-Studio zu Rudi Cerne. Ortszeit 8.28 Uhr. Rudi Cerne wirkt – anders als ich – frisch wie der junge Frühling. Er kündigt Surfen an. Surfen ist zum ersten Mal olympisch. Die Vorfreude auf die, „die mit dem Brett tanzen“ (Cerne), leuchtet ihm aus den beiden Augen.

1.30 Uhr: Man schaltet an den Pazifik. Dort sehen wir zwei Sportlerinnen beim abwartenden Plantschen in der Brandung – wartend auf eine wettkampftaugliche Welle. Hier tanzt leider niemand mit dem Brett. 30 Minuten haben die Surferinnen Zeit, auf so vielen Wellen wie möglich so trickreich wie möglich zu reiten. Es ist tapfer von „Speed, Power und Flow“ die Rede. Drei Attribute, die mit meiner Sofasituation um diese Uhrzeit nicht in Einklang zu bringen sind. Noch zwölfeinhalb Stunden.

1.43 Uhr: Die Surferinnen warten noch immer. Der „Swell“ (die Dünung) aus Ost-Südost an der Ostküste von Japan ist stabil, aber zu schwach. Der „Swell“ auf dem heimischen Sofa lässt massiv nach. Das angenehm kompetente und sympathische Reporterduo vermeldet „ordentlich Spray an der Lippe der Welle“. Gewiss.

1.55 Uhr: Das ist Künstlerpech: Als TV-Liveevent ist die junge, coole Sportart Surfen, auf die man so viele Hoffnungen gesetzt hat, phasenweise so spannend wie Senioren-Wassergymnastik. Es kommt einfach keine perfekte Welle. „Das hat hier viel mit Geduld zu tun“, sagt die ZDF-Reporterin, die ja auch nichts dafür kann. Zweifellos richtig.

Ohne Kollektiv gibt es keine kollektive Freude

1.58 Uhr: Dann doch lieber Handball. Frankreich gegen Brasilien. Ein Klassiker des Genres. Ich spüre erste Verschleißerscheinungen durch fortwährendes Sportarten-Zapping. Am Ende der Nacht werden es 27 sein. Siebenundzwanzig Sportarten in 14 Stunden. Ein interdisziplinärer Sportsalat suppt in meinem Schädel hin und her.

2.01 Uhr: Bei Eurosport fechten jetzt eine Japanerin und eine Usbekin. Nach jedem Treffer brüllt die Usbekin wie eine angeschossene Löwin. Die Japanerin ficht das nicht an. Aber sie verliert. Vielleicht hätte sie brüllen sollen.

Treffer versenkt: Vorkampf im olympischen Florett-Einzel der Herren zwischen Cheung Ka Long (l.) aus Hongkong und Alexander Choupenitch (r.) aus Tschechien. © Quelle: Oliver Weiken/dpa

2.05 Uhr: Bei Eurosport geht’s jetzt um die beklagenswerte Ästhetik weißer Plastikstühle. Fechtlegende Britta Heidemann habe das Hallenmobiliar gestern als Expertin bereits als designtechnisch unpassend zum sonstigen Glamour der Sportstätte getadelt. Überhaupt, die Stühle: „Manche Sportler setzen sich in der Pause hin, manche bleiben stehen.“ Ja – potztausend! Ist es denn die Möglichkeit?

2.15 Uhr: Weiter Handball im ZDF. Und gerade bei den Mannschaftssportarten zeigt sich: Natürlich fehlt etwas. Ohne Zuschauerinnen und Zuschauer wirken speziell die olympischen Sportarten steril und seltsam leblos wie Trainingsvideos. Natürlich waren die Olympiaveranstalter von Tokio deutlich vernünftiger als die UEFA bei der Fußball-Europameisterschaft, als sie entschieden, mitten in der Pandemie kein Publikum zuzulassen. Aber bei Olympia geht’s am Ende eben nicht allein um Männer und Frauen, die sich mit langen Metallstäben pieksen, einen Filzball über ein Netz dreschen oder sehr schwere Gegenstände vom Boden aufheben – sondern um viele Tausend Menschen, die sich gemeinsam an Extremleistungen der eigenen Spezies erfreuen.

Das kollektive Staunen über die Grenzbereiche des Menschenmöglichen ist das Geheimnis des Events. Aber ohne Kollektiv gibt es keine kollektive Freude. Was wäre Usain Bolt ohne seine Ehrenrunden? Für wen sollte Robert Harting in einem leeren Stadion sein Trikot zerreißen? Emotionen sind der wichtigste Rohstoff internationaler Sportevents. Von 10.000 leeren Plastiksesseln aber sind keine Gefühlsaufwallungen zu erwarten. Man kann Emotionen nicht herbeibehaupten.

Béla Réthy kommentiert Hockey? Das wirkt befremdlich

2.18 Uhr: „Jetzt gehen die Spielchen los“, heißt es im ZDF. Es geht nur um die Schlussetappe beim Triathlon-Radfahren. Aber es ist aus Versehen auch eine feine Zusammenfassung der Ereignisse in Japan: die „Olympischen Spielchen“ von Tokio. Irgendwie kleiner, halbgarer, ärmer als das Original. Ein notdürftig zusammengeklöppeltes Sponsorenfestival mit angeschlossenem Sportfest. Im Hintergrund des olympischen Triathlons läuft kurz „Money for Nothing“ von den Dire Straits. Das hätte sich Fake-Soundtrack-Experte und Storyerfinder Claas Relotius nicht besser ausdenken können. Geld für Nichts.

Unzufrieden mit der Position der Spidercam im Ariake Tennis Park in Tokio: Der deutsche Tennisspieler Alexander Zverev. © Quelle: Marijan Murat/dpa

2.24 Uhr: Rudern bei Eurosport. Steht jedenfalls in der Sendungsbeschreibung. Stimmt aber gar nicht. Man ficht noch. Mein Hirn fühlt sich allmählich an, als werde es sehr langsam durch ein Sieb gepresst.

2.44 Uhr: Fußball-Kommentatoren-Urgestein Béla Réthy kommentiert Hockey. Deutschland gegen Belgien. Das wirkt befremdlich. Wie ein Fehler in der Matrix. Als spräche Peter Urban über Häkeln. Natürlich ist Réthy Hockey-Experte. Aber er hat gerade erst vier Wochen Fußball kommentiert. Wie kann man Zuschauerinnen und Zuschauer derart verwirren? Später wird sein Kollege Oliver Schmidt auch noch Rugby kommentieren.

Irgendwann zwischen 2 und 4 Uhr: Softball. Fiji gegen Japan. Die blaue Stunde. Erste ernsthafte Verschleißerscheinungen auf dem Sofa. Gefährlicher Sekundenschlaf. Zum Glück kann ich liegend kaum Schaden anrichten.

5.10 Uhr: Tennis der Herren. Der deutsche Spieler Alexander Zverev beschwert sich, dass die Spidercam zu tief hänge. Die Seilkamera fliege kaum drei Meter über ihm. Der Schiedsrichter findet: „Sie hängt richtig.“ Man arbeite aber an einer Neuausrichtung. Das ist natürlich unerfreulich: Stell dir vor, es ist Olympia – und dann wirfst du den Tennisball zum Aufschlag hoch und er wird von einer fliegenden Kamera geschnappt und entführt. Es wäre ja nicht das erste Mal bei großen Sportereignissen in diesem Jahr, dass sich die Spidercam-Kabelage als störendes Hindernis erweist, Greenpeace lässt grüßen.

Es braucht massive sportliche Willenskraft, um die Augen nicht zu schließen

Früher Morgen: Die Nacht schreitet voran. Schlieren vor den Augen. Wir streifen jetzt in schneller Folge Badminton, Judo, Straßenradfahren, Schwimmen. Sportarten verschmelzen. Schwarzer Gürtel im Segeln, kluge Renneinteilung beim Tischtennis, Tempogegenstoß aus der Wurfarmhüfte beim Fechten! UND ER STEHT IHN! DAS IST DEM POLIZEIOBERMEISTER AUS AUGSBURG NICHT MEHR ZU NEHMEN!!

Die Bettschwere wird immer heftiger. Es braucht schon massive sportliche Willenskraft, um die Augen nicht zu schließen. Kein Zweifel: Mental hätte ich das Zeug zum Olympioniken. Ich kann mit eiserner Disziplin einen Zustand von absoluter körperlicher Stagnation beibehalten. Das erinnert mich an den alten Gag: Wenn Faulheit olympisch wäre, wäre ich gern Vierter. Dann muss ich nicht aufs Podest steigen.

„Darf man sich die Farbe der Medaille aussuchen?“: Sideris Tasiadis, deutscher Bronze-Gewinner im Einer-Kanadier bei Olympia in Tokio. © Quelle: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

10.46 Uhr: Kanuslalom der Herren. Sideris Tasiadis aus Deutschland paddelt sich zu Bronze. „Das Wasser lesen“ sei jetzt wichtig, heißt es. Bronze! Bei der Medaillenvergabe witzelt Tasiadis: Ob man sich die Farbe aussuchen dürfe? Ähm, nein. leider.

11.07 Uhr: Das „Olympia-News-Update“ bei Eurosport wird präsentiert von einem Matratzenhersteller. Das ist gemein. Das kann man sich nicht ausdenken. Es deckt sich mit meinem konditionellen Zustand nach elf Stunden Geisterolympia (mit wenigen Schlafpausen).

12.42 Uhr: Katrin Müller-Hohenstein hat im ZDF mit Rudi Cerne abgeklatscht und freut sich jetzt wie Bolle auf Turnen. Sie wirkt, als habe sie ihr halbes Leben auf den olympischen Turnwettbewerb 2021 gewartet. Ich werde Zeuge eines „Doppelsaltos rückwärts mit eingelagerten Drehbewegungen plus Dreifachschraube“. 14,6 Punkte. Ich würde applaudieren, wenn ich nur wollte.

12.58 Uhr: Ein schöner Kasamatsu mit anderthalbfacher Längsachsendrehung beim Turnen. Finde ich gut. Ein Kasamatsu ist ein Seitwärtsüberschlag mit Vierteldrehung gefolgt von einem gehockten Salto vorwärts mit halber Drehung. Es ist ungefähr der Bewegungsablauf, den ich benötigen werde, um dieses Sofa jemals wieder zu verlassen.

Olympia in der Pandemie? Die Sinnfrage darf man nicht stellen

13.10 Uhr: Beachvolleyball mit Genrelegende Laura Ludwig und Partnerin Maggie Kozuch! Ludwig habe den „Read auf dem Ball“, schaffe immer wieder den „Magic Touch“ am Boden, und ihre Aufschläge seien „okay“, lobt man bei Eurosport. Aha. Die Textilarmut im olympischen Beachvolleyball ist von antisexistischen Vorstößen noch überwiegend unberührt geblieben.

Eine Untersuchung der Beachvolleyball-Fernsehübertragungen bei Olympia 2004 hat ergeben, dass knapp 40 Prozent der Kameraeinstellungen sich mit Brust oder Gesäß der Spielerinnen beschäftigten, was die Debatte um das Mischungsverhältnis zwischen sportlichen Aspekten und der bestens vermarktbaren Attraktivität der Teilnehmerinnen neu befeuert hat. Inzwischen sind auch längere Shorts und Ärmel erlaubt. Allein – die meisten Sportlerinnen und Sponsoren ziehen den Bikini vor.

Irritierende Textilarmut: Die Japanerinnen Miki Ishii und Megumi Murakami (vorne) nach der Niederlage gegen das deutsche Duo Laura Ludwig (2. v. l.) und Margareta „Maggie“ Kozuch (r.) im olympischen Beachvolleyball-Wettbewerb. © Quelle: Getty Images

13.12 Uhr: Der Aufschlagraum zwischen den beiden Gegnerinnen heißt im Beachvolleyball „Husband-and-Wife-Area“. In Sachen Humor stehen die Beachvolleyballer den Hartplatzvolleyballern in nichts nach.

13.15 Uhr: Es irritiert immer noch, wenn von „Laura Ludwig & Maggie Kozuch“ die Rede ist und nicht von „Laura Ludwig & Kira Walkenhorst“. Ludwig & Walkenhorst – das war ein fest stehender Begriff wie Halstenbek-Kropunder in den norddeutschen Verkehrsnachrichten, wie Ernie & Bert, wie Sodom & Gomorrha, wie Keks & Schokolade, wie Ach & Krach, wie Feuer & Flamme, wie Hopfen & Malz, wie Geduld & Spucke, wie Hängen & Würgen, wie Hülle & Fülle, wie Jux & Tollerei, wie Nektar & Ambrosius, wie Pauken & Trompeten, wie Räuber & Gendarm, wie Stumpf & Stiel, wie Treu & Redlichkeit, wie Zins & Zinseszins. Aber Walkenhorst beendete 2019 ihre Karriere.

13.26 Uhr: Warten auf die olympische Verblödung, die die flächendeckende Kenntnisnahme dieser Spiele überhaupt erst möglich macht. Letzte aufrechte Gedanken. Ist es sinnvoll, mitten in der Pandemie Olympische Spiele abzuhalten? Die Sinnfrage darf man nicht stellen. Denn dann wäre der Sport insgesamt in Gefahr. Es ist auch ohne Corona im Kern sinnlos, eine Eisenkugel an einem Seil auf eine Wiese zu schleudern oder im Watschelgang 50 Kilometer wie ein blasenschwacher Erpel ins Ziel zu wanken.

Es bringt die Welt nicht nachhaltig voran, mit maximal ungeeigneten, viel zu kurzen Holzknüppeln einen Hartball über ein gewässertes Spielfeld in ein Tor zu treiben. Der Sinn ergibt sich erst aus der gemeinsamen Erbauung an der Tatsache, dass Willen und Training das menschliche Vermögen in vielerlei Spielarten in bemerkenswerte Bereiche treiben können. Mehr ist es nicht. Aber auch nicht weniger. Olympia ist in gesunden Jahren ein Festival des Menschenmöglichen. In diesem Jahr ist es ein Hilfskonstrukt. Es wirkt wie eine Trockenübung für das tatsächliche Event.

Video
Gold, Silber, Bronze: Der deutsche Medaillen-Check zu Olympia am Dienstag
0:41 min
Wie steht es um die deutschen Medaillen-Chancen beim Olympia-Wettkampf? Jens Kürbis gibt einen Überblick für Dienstag.  © RND

13.38 Uhr: Im ZDF erklärt man jetzt zum dritten Mal, dass Laura Ludwig „neben dem Profisport auch Mutter“ ist. Ihr Sohn ist drei Jahre alt. Es scheint für manchen ZDF-Sportkommentator eine bemerkenswerte Tatsache zu sein, dass eine 35-Jährige weiterhin Sport auf höchstem Niveau treiben kann, obwohl sie sich bereits erfolgreich vermehrt hat. Die Vaterschaft eines männlichen Olympioniken hat dagegen zumindest in dieser Olympianacht keine Erwähnung gefunden.

13.47 Uhr: „Wir wollen mal auf das Wetter schauen“, sagt Katrin Müller-Hohenstein. „Das Wetter ist in Rio seit Tagen gleich.“ Es ist sicher gut zu wissen, wie das Wetter in Rio ist. Leider findet Olympia diesmal in Tokio statt, und dort droht ein tropischer Sturm. „Wahrscheinlich werden wir nass“, sagt Reporter Niels Karven.

Seltsame Spiele: Der Fotograf Rich Lam (l.) hält ein Blatt mit einem Bild von einer Person mit Mund-Nasen-Schutz hoch, um die Athleten auf dem Podium dazu anzuhalten, ihre Masken aufzusetzen. © Quelle: Ashley Landis/AP/dpa

Fazit: Es braucht Menschen, um Menschen für Menschenmögliches zu begeistern

Das Fazit nach 14 Stunden Olympia live: Ohne Publikumsreaktionen entlarvt sich die Absurdität der Ereignisse noch klarer. „United by Emotion“, das offizielle Motto dieser Olympischen Spiele, verpufft im luftleeren Nichts, weil es keinen Widerhall in den Wettbewerben finden kann. Aber es hat auch etwas Tröstliches, dass ein solches Kollektivereignis ohne Publikum nicht funktioniert – dass es also Menschen braucht, um Menschen für Menschenmögliches zu begeistern. Ohne Zuschauer mag sich der Zauber von Olympia nicht recht einstellen, der in manchen Jahren durchaus das Zeug hatte, die störenden Gedanken an Korruption, Antidemokratie, Doping, Geldgier und andere Skandale im Spitzensport zu verdrängen.

13.59 Uhr: Endlich ins Bett. Wie sagte Pierre de Coubertin, der Erfinder der Olympischen Spiele der Neuzeit? „Das Wesentliche ist nicht, gesiegt, sondern sich wacker geschlagen zu haben.“ Das zumindest kann ich für mich als Sofaathlet mit gutem Gewissen in Anspruch nehmen.

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