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Oliver Stokowski über Horst Lichter: „Wir können alle von ihm lernen“

Oliver Stokowski spielt in „Horst Lichter – Keine Zeit für Arschlöcher“ den vielleicht ungewöhnlichsten TV-Entertainer Deutschlands.

2016 veröffentlichte Horst Lichter, Fernsehkoch und Deutschlands beliebtester Antiquar („Bares für Rares“), ein sehr persönliches Buch. In dessen Zentrum steht das Sterben seiner Mutter 2014 an Krebs. Ihr Sohn hatte sie über ihre letzten drei Monate intensiv begleitet, auch wenn ihr Verhältnis alles andere als einfach war. Weil Horst Lichter am 15. Januar 60 Jahre alt wird, schenkt ihm das ZDF wenige Tage zuvor eine Verfilmung, die zwar unter dem Label „Herzkino“ läuft, aber dennoch alles andere als seicht ist. In „Horst Lichter – Keine Zeit für Arschlöcher!“ (Sonntag, 9. Januar, 20.15 Uhr) schlüpft Oliver Stokowski in die Maske des vielleicht ungewöhnlichsten deutschen TV-Entertainers. Dabei erklärt der 59-jährige Grimmepreisträger („Zeit der Helden“), wie risikoreich es ist, jemanden zu spielen, den wirklich jeder kennt. Oliver Stokowski glaubt, hinter das Erfolgsgeheimnis Horst Lichters gekommen zu sein. Und er empfiehlt, sich den Mann für Dinge des Lebens zum Vorbild zu nehmen.

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Wie merkwürdig ist es, einen lebenden Prominenten zu spielen, den fast jeder in Deutschland kennt?

Ich würde sagen, für einen Schauspieler ist das eine großartige Aufgabe. Weil die Zuschauer gut vergleichen können, muss man mit größter Sorgfalt arbeiten. Ich kann sozusagen zeigen, was ich mir erarbeitet habe.

Wenn so viele Leute das Original kennen, droht jedoch auch der gesenkte Daumen des Publikums ...

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Na klar, die Möglichkeit des Scheiterns besteht immer. Für mich war es sehr hilfreich, dass ich mein Rollenvorbild zu einem langen Gespräch treffen konnte. Da durfte ich Horst Lichter jede erdenkliche Frage stellen. Er hat mir in dem Gespräch sein Herz geöffnet, hat mich in seine Seele schauen lassen. Das zeugt von großem, gegenseitigem Vertrauen. Dafür bin ich ihm auf ewig dankbar.

„Es geht auch darum, eine Aura aufzusaugen“

Der Film ist kein klassisches Biopic. Er erzählt einen eng umrissenen Zeitraum, als Horst Lichter von der schweren Krankheit seiner Mutter erfuhr ...

Genau, es geht um jene drei Monate, die er seine Mutter begleitet hat, bis sie verstorben ist. Für die Rolle war der Fokus auf eine kurze Zeit natürlich gut, denn er konnte mir detailliert erklären, wie er sich damals fühlte. Horst hat mir sehr viel preisgegeben. Ich habe viele Dinge erfahren, die auch nicht im Buch stehen und die ich ohne ihn niemals herausgefunden hätte.

Hatte Horst Lichter von Anfang an angeboten, seinem Schauspieler zwecks Rollenvorbereitung zu helfen?

Das weiß ich gar nicht. Als ich die Rolle bekommen hatte, fragte ich einfach, ob ich ihn treffen kann. Da hieß es: Ja klar, auf jeden Fall. Es geht ja nicht nur um die Details, die er erzählt. Es geht auch darum, eine Aura aufzusaugen. Außerdem half mir das Hörbuch „Keine Zeit für Arschlöcher“ sehr, das er selbst gesprochen hat. Ich habe es rauf und runter gehört, um seine Sprache, seinen Ausdruck zu lernen. Schauspiel ist auch ein Handwerk.

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Horst Lichter hat ein sehr markantes Äußeres. War das ein Vorteil für Sie oder läuft man Gefahr, sich gerade dann besonders lächerlich zu machen?

Mir hat es geholfen. Ich bekam den Bart, die Brille, die teils schillernden Outfits. Zusammen mit dem persönlichen Gespräch, dem Hörbuch sowie seinen anderen Büchern von und über ihn, dem Wissen über sein erstaunliches Leben, ergab das einen Teppich, auf dem ich mich einrichten konnte. Tatsächlich habe ich mir zu Beginn der Dreharbeiten gar nicht mehr so viele Gedanken über das gelebte Leben machen müssen. Diese äußere Arbeit war bereits getan. Jetzt galt es vielmehr den emotionalen Level der Figur Horst Lichters im Laufe der Geschichte des Films zu erreichen und der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen.

„So ein imposantes Gewächs bekommt man auf die Schnelle nicht hin“

Der Bart ist aber nicht echt, oder?

Der Bart ist angeklebt. So ein imposantes Gewächs bekommt man auf die Schnelle nicht hin. Zumal ich in der Zeit auch noch Theater spielte. Aber ich hätte einen solchen Bart vielleicht auch nicht hinbekommen, wenn man mir ein oder zwei Jahre Zeit gegeben hätte (lacht).

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Sie kommen aus Nordhessen. Wie schwer ist Ihnen der rheinische Dialekt gefallen?

Ich bin in Nordhessen geboren, aber in der Frankfurter Gegend aufgewachsen. Mein Vater war dort Polizist. Das Hessische ist eigentlich mein Heimatdialekt, aber ich habe tatsächlich schon viele deutsche Dialekte gespielt. Ich glaube, dass ich ein Ohr dafür besitze. Sogar auf Schwäbisch habe ich schon gespielt. Oder einen friesischen Fitnesstrainer bei Sönke Wortmanns Film „St. Pauli Nacht“.

Horst Lichter (rechts) mit Schauspieler Oliver Stokowski am Set.

Horst Lichter (rechts) mit Schauspieler Oliver Stokowski am Set.

Ist es Talent oder vor allem harte Arbeit, wenn man als Schauspieler gut darin ist, verschiedene Dialekte zu imitieren?

Beides, würde ich sagen. Es hilft aber auch, wenn man wie ich frühzeitig Interesse an Dialekten hat. In meiner Kindheit hatten die meisten Menschen ja nur drei Fernsehprogramme. Da hat man dann auch schon mal Sachen geschaut, bei denen man heute umschalten würde. Dazu zählten die Stücke des Ohnsorg Theaters, die samstags zur besten Sendezeit im Ersten liefen. Ich habe damals einfach Heidi Kabel und Co. imitiert (lacht). Das kam mir später als Schauspieler zugute.

„Menschen spielen hier oft eine Rolle, manchmal auch mehrere“

Wissen Sie, ob Horst Lichter den Film schon gesehen hat? Und hat er Ihnen vielleicht auch schon verraten, wie er Sie findet?

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Er hat mir gesagt, dass er „reingeschaut“ hat, um sich ein Bild zu machen. Schon deshalb, weil er in Interviews die gleiche Frage vorab gestellt bekommen wird. Er sucht noch nach einem ruhigen Moment, den Film ganz zu sehen, sagte er mir. Dabei spielt sicher eine Rolle, dass es für ihn eine ziemliche emotionale Wucht haben könnte. Das ginge mir und den meisten anderen Leute sicher ähnlich. Er sagte mir immerhin, dass ihn das, was er gesehen hat, sehr bewegt und gefallen hat. Er meinte, dass es „funktioniert“.

Hatten Sie Angst vor seiner Reaktion? Es hätte ja auch sein können, dass er Ihre Darstellung schrecklich findet, selbst wenn er aus Höflichkeit etwas anderes sagt ...

Der Horst ist ein ganz großherziger, aber auch gradliniger Mensch. Ich glaube, zu den Erkenntnissen seines Lebens zählt, dass er sich nicht verstellt und so ist, wie er ist. Ich kann das übrigens auch aus der Begegnung mit ihm bestätigen. Es gibt keinen Unterschied zwischen der TV-Persönlichkeit Horst Lichter und ihm als Privatmann. Natürlich weiß ich immer noch nicht, wie ihm der Film an sich gefällt. Wenn in Sachen Corona alles einigermaßen klar geht, treffen wir uns im Januar noch zu einer privaten Filmvorführung mit dem gesamten Team. Da soll er dann auch dabei sein. Vielleicht bin ich dann doch mal ein bisschen nervös (lacht).

Sie haben sich intensiv mit Horst Lichter beschäftigt. Worin liegt das Geheimnis seiner ungeheuren Popularität?

Er ist ein Mensch, der sich nicht verbiegt. Der sich auch nie verbogen hat. So etwas ist im Haifischbecken der Unterhaltungsbranche äußerst selten. Es heißt ja nicht umsonst Showgeschäft. Menschen spielen hier oft eine Rolle, manchmal auch mehrere.

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„Diese Radikalität hat er, weil er schon mal fast tot war“

Was, glauben Sie, hat Horst Lichter zu Horst Lichter gemacht?

Es ging bei ihm ja los mit seinem Restaurant „Oldiethek“, das er in seinem Heimatort Rommerskirchen eröffnet hat. Da hat er am alten dänischen Holzofen gekocht und seine Gäste in einer Art persönlichem Lieblingsmuseum mit Sammlerstücken bekocht. Jeder Gast konnte stöbern, sich die Sachen anschauen und natürlich das Essen genießen. Das Lokal war schon so einmalig, dass Horst darüber bekannt wurde. Aber es war eben kein Kalkül, sondern einfach nur Ausdruck seiner Persönlichkeit. Die Menschen haben das verstanden, ja gemocht – und sie tun es bis heute.

Die Menschen lieben es also, dass Horst Lichter nicht wie andere Menschen, die im Showgeschäft arbeiten, mit einer „show personality“ auftritt?

Ja, genau. Horst Lichter war zu Beginn seiner Karriere schon so, wie er auch jetzt noch ist. Er ist einfach entdeckt worden. Offenbar hat ihm auch niemand versucht, das zu nehmen. Und wenn es so war, ist es diesen Leuten nicht gelungen. Er ist einfach ein starker Charakter.

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Inwieweit spielt bei seiner Popularität auch eine Rolle, dass er früher mal ein wenig erfolgreiches, unglückliches und von Schicksalsschlägen geprägtes Leben führte? Ein Leben, das sich nach der Entscheidung, nur noch das zu tun, was er selbst mochte, zum Besseren gewendet hat?

Das spielt auf jeden Fall eine Rolle. Weil Horst das gemacht hat, was sich viele wünschen. Einfach zu sagen: „Das kann ich nicht mehr, das will ich nicht mehr. Schluss jetzt damit.“ Er hat ja auch seine „Oldiethek“ 2010 einfach zugemacht und die Einrichtung verschenkt, als das Restaurant Kult und zum scheinbar kalkulierten Geschäft werden drohte. Horst hat ein feines Gespür dafür, wo er sich wiederholt und verbraucht. Wir alle können von ihm lernen. Unser Leben braucht hin und wieder neue Impulse. Man muss sich freimachen können von Dingen, die nicht mehr funktionieren, die nicht mehr glücklich machen. Ich denke, diese Radikalität hat er, weil er schon mal fast tot war. Danach lebt man anders weiter. Zum Beispiel, indem man sagt, dass man keine Zeit mehr für Arschlöcher hat.

RND/Teleschau

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