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Planetenpanorama im Keller

Da ist ja Science-Fiction drin: die Amazon-Serie „Night Sky“

Geheimnis unter der Erde: Franklin (J. K. Simmons, links) und Irene (Sissy Spacek) blicken in dem Raum unter ihrem Schuppen auf den Nachthimmel eines fremden Planeten. Szene aus der Serie „Night Sky“.

Franklin und Irene. Ein altes Ehepaar, das in seinem Haus auf dem Land auch weiterhin ohne fremde Hilfe klarkommen will. Er ist die Fürsorge selbst, sie ist im Vorjahr gestürzt, braucht im Haus einen Stock und für weiter weg sogar einen Rollstuhl. Die Neuigkeiten vom Arzt sind nicht erfreulich, was genau wie schlimm ist verschweigt Irene Franklin und dem Publikum erstmal.

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Ab und zu schaut Denise (Kiah McKirnan) bei den beiden vorbei, beider besorgte Enkeltochter. Das Familiengeheimnis, das bald zutage tritt: Mike, der Sohn, hat sich das Leben genommen, als Denise fünf Jahre alt war. Diese Bürde wiegt schwer. „Er ist jetzt länger fort als er überhaupt da gewesen ist“, versucht Irene (Sissy Spacek) zu signalisieren, dass sie über die Trauer hinweggekommen ist. Aber „He was so sweet!“ gesteht sie dem jungen Fremden Jude (Chai Romruen), zu dem sie unverhofft großes Zutrauen gefasst hat.

Und das Wort „Sweet“ ist ein trostloser Seufzer, das Echo einer traurigen Liebe, die keinen Widerhall mehr findet.

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Zwei seltsame Frauen in einem „Spukhaus“ auf dem Lande

Zur selben Zeit lebt in Argentinien im Nirgendwo die halbwüchsige Toni Calderon (Rocío Hernández) mit ihrer Mutter Stella (Julieta Zylberberg). Es sind Tonis Jahre der Jugend, in denen ein einsamer Tag einem wie ein Monat vorkommt. Toni hat keine Clique, keine Freunde, nur neugierige Klassenkameraden, die einen Blick werfen wollen auf die seltsamen Frauen, die auf kargem Land im „Spukhaus“ wohnen – auf einem Grundstück, auf dem sich neben einer Lamaherde noch eine merkwürdige kleine Kapelle befindet.

Konfrontiert mit Tonis dringlichem Wunsch, die Einsiedelei aufzugeben, deutet ihr die Mutter eine seltsame Familiengeschichte an. Seit vielen Generationen seien die Calderons die Hüter von etwas nicht näher benanntem Besonderen. Dann taucht ein Fremder auf und fordert die Mutter auf, Toni „einzubinden“. Zart nur streifen wir bislang die Mystery dieser Mysteryserie, die auch eine Science-Fiction-Serie ist, was man ihr bis zum Ende der sechs (von insgesamt acht) zur Sichtung überlassenen Episoden nur selten anmerkt.

Der unverhoffte Gast wird als „Hausmeister“ eingeführt – bald lässt seine Amnesie nach

Der Fremde bei den Yorks heißt Jude. Ein aparter Latino, der zunächst keine Erinnerung hat, woher er kommt, warum Blut an ihm klebt. Jude ist sanft, hört Irene zu, wirkt schutzbedürftig, und seine Gegenwart tut der Schwerkranken in jeder Hinsicht gut. Franklin (J. K. Simmons) ist misstrauisch, eifersüchtig, er möchte den Besucher erst loswerden, dann entscheidet er sich, wenngleich zögerlich und auch im Weiteren unstet, anders. Er stellt den jungen Mann seinem Umfeld als „caretaker“ vor, als „Hausmeister“. Als ob diese beiden alten, recht sparsam lebenden Leutchen sich Angestellte leisten könnten.

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Als die Amnesie nachlässt, gesteht Jude Irene, nicht zufällig in Farnsworth, Illinois, zu sein. Er suche hier seinen Vater Gabriel, der die Familie verließ, als er ein Kind war. Aus irgendeinem Grund vermutet er ihn hier, 70 Meilen vor Chicago. „Er ist nicht Michael!“ warnt Franklin seine Frau vor Mütterlichkeiten. „Ich will ihm helfen. Es fühlt sich richtig an“, erwidert Irene trotzig.

Zwei coole Altstars helfen über die Langsamkeit hinweg

Nach der dritten Episode käme einem die Serie „Night Sky“ fast wie ein Familien- und Gesellschaftsdrama vor, das nicht recht weiß, wie es aus dem Knie und in Bewegung kommen soll. Das man aber trotzdem einigermaßen goutiert – vor allem, weil die braven alten Yorks von Schauspielassen gespielt werden. Der 67-jährige Simmons, der seit dem herausragenden HBO-Gefängnisdrama „Oz“ (1997-2003) regelmäßig in Serien zu sehen ist, spielt einen merklich älteren Mann, der sich nicht damit abfinden will, nicht mehr der taffe Beschützer sein zu können.

Und Sissy Spacek ist Hollywoodlegende spielte Kultrollen in Terrence Malicks „Badlands“ (1973) und Brian DePalmas „Carrie“ (1976) und war in Michael Apteds „Nashville Lady“ (1980) die „Königin der Country-Musik“, Loretta Lynn.

Eine Liebe, deren meiste Zeit abgelaufen ist

Die Yorks sind zärtlich zueinander, sie wachen aufmerksam übereinander, sie tanzen gemeinsam zu Oldies von Sam Cooke. Es ist eine Liebe, deren meiste Zeit abgelaufen ist und deren Rest sie noch genießen wollen. „Was würdest du tun, wenn ich stürbe?“, fragt sie ihn. „Ich würde auch sterben“, sagt er. Man fühlt sich mit den beiden wie einst mit Henry Fonda und Katharine Hepburn „am goldenen See“.

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Und natürlich kann man auch einer ruhigen Kugel länger beim Rollen zuschauen. „Night Sky“ wäre wohl die gediegenste Familienserie der letzten Jahre, wäre da nicht die blau glitzernde Diode, die sich Jude in der ersten Nacht bei den Yorks mit einem Küchenmesser aus dem Bein schneidet. Wäre da nicht die orange glitzernde Kugel, die Irene bei ihm findet und die „Kräfte“ hat. Hätte er nicht frisch geprägt erscheinende uralte spanische Dublonen bei sich. Jude spricht zudem davon, dass er verfolgt wird.

Bei den Calderons in Argentinien liegt unter der Familienkirche eine Art Gruft, die einen „Aufzug“ birgt, wie die Mutter der Tochter erklärt, mit dem sie binnen Sekunden nach Newark in den USA gelangen, wo sie auf die „Suche“ nach einem „Paket“ geschickt werden. Offenbar ist die Apparatur in Wahrheit ein Transmitter, eine Beamvorrichtung wie auf dem Raumschiff Enterprise. Und unter dem Geräteschuppen der Yorks ist ein Raum mit einer ähnlich unirdischen metallischen Architektur wie der des Aufzugs, durch dessen Panoramafenster man auf den atemraubenden Nachthimmel über einem ungastlichen Felsplaneten blicken kann. Der Weltraum, unendliche Weiten …

In diesem höchst beunruhigenden und rätselhaften Raum hat Irene Jude gefunden. Ein Mann aus dem Nichts. Wer er wirklich ist, wer ihn jagt, wie die Parteien dieser Geschichte zusammenhängen, ob der Selbstmord von Mike und das Verschwinden von Tonis Vater mit den unter- und möglicherweise außerirdischen Räumlichkeiten zusammenhängen, ist auch nach sechs einstündigen Episoden nicht so richtig gelöst. Und man rutscht ein wenig auf seinem Sessel herum.

Verheimlicht ihre Krankheit: Irene (Sissy Spacek) in einerSzene von „Night Sky“.

Verheimlicht ihre Krankheit: Irene (Sissy Spacek) in einerSzene von „Night Sky“.

Was auch daran liegt, dass viele Dialoge banal oder ein wenig schmalzig geraten sind, und das Personal der Serie jenseits von Franklin, Irene und Jude seltsam unterentwickelt bleibt, sein Wirken oft uninteressant und aufgesetzt erscheint. Figuren gibt es in dieser Serie, die sind so holzschnittartig, dass man meint, Späne an ihrer Nase zu sehen.

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Wie Franklin und Byron Freunde werden, ist beinahe das größte Rätsel

Die kleptomanische Pflegekraft Chandra etwa, die ein Artefakt entwendet, bleibt als Charakter völlig unerklärt, wird von Beth Lacke geradezu wie eine Karikatur gespielt. Gleiches gilt für Byron (Adam Bartley), den hipsterbärtigen Nachbarn der Yorks, der für den Stadtrat kandidiert, eine Nervensäge nach Maß ist, und glaubt (was für eine Intuition), dass die Alten von Gegenüber Geheimniskrämer sind.

„Nichts Persönliches“, brummt Franklin, als er Byron die Unterschrift für die Kandidaturliste verweigert. Da fälscht er Franklins Signatur einfach. Später gibt er sein politisches Vorhaben kurzerhand auf und über eine Runde Billiard werden die beiden wider jede Wahrscheinlichkeit gute Freunde. Und wenn sie nicht gestorben sind, schauen sie sich wahrscheinlich gerade bei einem Bierchen Planetenoberflächen an.

Man würde so gern weniger Banales sehe und hören

Wer bis dahin Außerirdische und Raumschiffe gesehen hat, ist irgendwann eingeschlafen und hat sich welche zusammengeträumt. Wachbleiber sehen stattdessen wie Franklin einen Eimer trägt oder ähnliche, wenig bedeutsame Dinge. Und dazu spielt melancholische Musik. Irgendwer kontrolliere alles, verrät Jude Irene. Und dass, wenn er seinen Vater nicht finde, irgendjemand „gefährliche Leute“ schickt. „Wenn sie mich finden, werden sie mich töten.“

Nach sechs mäßig spannenden Stunden, hat man die fehlenden zwei Zeigerumdrehungen dann allerdings auch noch über, um zu erfahren, welche geheimnisvollen Wesen hier die Strippen ziehen. Und warum in Farnsworth plötzlich Vögel tot vom Himmel fallen.

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„Night Sky“, Serie, acht Episoden, von Holden Miller, mit Sissy Spacek, J. K. Simmons, Chai Hansen, Julieta Zylberberg (streambar bei Amazon Prime Video)

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