„Katastrophaler Notstand“: Joko und Klaas geben Pflegekräften eine Stimme

  • In ihrer gewonnenen Sendezeit geben Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf einer besonders von der Pandemie betroffenen Berufsgruppe ein Sprachrohr: Pflegerinnen und Pflegern.
  • Unter dem Motto #nichtselbstverständlich zeigen Joko und Klaas auf Pro Sieben eine Reportage, die viel viel länger dauert als die angekündigten 15 Minuten.
  • Betroffene berichten darin von einem „katastrophalen Pflegenotstand“.
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Joko Winterscheidt (42) und Klaas Heufer-Umlauf (37) haben bei Pro Sieben wieder freie Sendezeit erspielt und sie diesmal genutzt, um ein Licht auf eine Berufsgruppe zu werfen, die besonders von der Pandemie betroffen ist: Pflegerinnen und Pfleger, sei es in Krankenhäusern oder Alten- und Pflegeheimen. Die berichteten am Mittwochabend in der Sendung „Joko & Klaas Live“ von ihrem Arbeitsalltag und einem „katastrophalen Pflegenotstand“. Optisch begleiteten die Zuschauer aus der Ich-Perspektive eine Schicht der Gesundheits- und Krankenpflegerin Meike Ista im Knochenmark- und Transplantationszentrum der Uniklinik Münster – und das über mehrere Stunden, das ursprünglich geplante Abendprogramm fiel aus. Während der Sendung trendete der Hashtag #nichtselbstverständlich.

Ein Novum war schon vor Beginn der Sendung bekannt geworden: Zum ersten Mal war Pro Sieben eingeweiht und wusste, worum es bei der Aktion geht – anders sei die Durchführung nicht möglich gewesen, hatten die Moderatoren vorab betont. Warum, das wurde schnell klar: Bei der ursprünglich angekündigten Viertelstunde Sendezeit blieb es nicht, die Sendung wurde viel, viel länger – Werbung zeigte Pro Sieben ausnahmsweise trotzdem nicht.

„Ich wünsche mir, dass die Pflege mehr Anerkennung bekommt, so viel, wie sie verdient“

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Joko leitete die Reportage mit den Worten ein, es handele sich um „ein Thema, das uns alle betrifft, mitten aus dem Leben, und dennoch zu oft ganz am Rand der allgemeinen Wahrnehmung. Viele Themen im Leben bekommen erst dann den Stellenwert, den sie verdient haben, wenn man die Gelegenheit bekommt, sich in ein Leben hineinzuversetzen, das nicht zwangsläufig das eigene ist.“ Klaas Heufer-Umlauf betonte: „Wichtig ist heute: Wir brauchen eure Erfahrungen, eure Meinungen.“ Nur so könnte die Botschaft bei denen ankommen, die sie hören müssten.

In der sich anschließenden Reportage ist zunächst ein Auto zu sehen, das frühmorgens in eine Parkgarage fährt. Eine Frau verlässt das Fahrzeug, geht in ein Gebäude, offensichtlich ein Krankenhaus, und zieht sich dort in einem Mitarbeiterraum um. Aus dem Off ist dann die Stimme der Frau zu hören: Es handelt sich um die Fachgesundheits- und Kinderkrankenpflegerin für Intensiv & Anästhesiepflege Meike Ista, sie arbeitet im Knochenmarktransplantationszentrum des Universitätsklinikums Münster.

Dort habe sie mit „todkranken Patienten mit Leukämien“ zu tun, berichtet die Krankenschwester. In ihrem Beruf bekomme sie „ganz viel zurück, ganz viel Dank“. Allerdings sei das nur die eine Seite der Medaille: „Ich wünsche mir, dass die Pflege mehr Anerkennung bekommt, so viel, wie sie verdient.“ Das sei nicht immer überall gegeben, „es wäre toll, wenn sich daran etwas ändert“. Dann begleitet „Joko & Klaas Live“ Meike Ista während einer Frühschicht im Uniklinikum, zeigt die Betreuung von Patienten und Gespräche mit Kollegen, alles aufgenommen aus Sicht der jungen Frau. Die Aufnahmen stammen den Angaben zufolge vom 18. März 2021.

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„Katastrophaler Pflegenotstand“

Zwischen Bildern aus dem Alltag der Münsteraner Pflegerin kommen vor allem zu Anfang der Sendung viele weitere Pflegekräfte zu Wort. Esther Binar etwa spricht von einem „katastrophalen Pflegenotstand“. Pflegekräfte gingen tagtäglich mit dem Gefühl nach Hause, Arbeit liegen gelassen zu haben, Patienten in Gefahr gebracht zu haben. Krankheit, Urlaub oder Schwangerschaft werde bei der Personalplanung gar nicht mehr berücksichtigt.

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Altenpflegerin Flora Reiling sagt: „Wir haben morgens manchmal zwei Pflegekräfte für 35 Bewohner – da kann sich jeder vorstellen, dass die Pflege sehr sehr schlecht ausfällt.“ Streiken gehe nicht. „Wir brauchen eine Lobby, die für uns kämpft.“

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Alexander Jorde sagt: „Wir können nicht mehr leisten. Wir brauchen den Rückhalt in der Gesellschaft, um unsere Forderungen durchzusetzen.“ Die Gesellschaft, die Politik, die Krankenhäuser hätten Pflegekräfte im Stich gelassen. „Wir sind alle am Rande unserer Kraft, wir können mehr nicht leisten.“

Von „massenhaft Pflegern“, die die Kliniken verlassen hätten, berichtet Franziska Böhler. Andere würden sich aufopfern und kaputt machen. Sie sagt aber auch: „Ich möchte nicht aufgeben, das ist keine Option.“

„Ich möchte nicht aufgeben, das ist keine Option“

Dustin Struwe sagt: „In der Politik wurde geschlampt. Es brauchte eine Pandemie, um auf Missstände in der Pflege aufmerksam zu machen.“ Das mache ihn traurig.

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Intensivpfleger Ralf Berning, ein ehemaliger Soldat, sagt mit Blick auf den Pflegenotstand in der Pandemie: „Ich würde lieber vier Monate nach Afghanistan fliegen, als das noch einmal mitzumachen. Ich möchte es nicht noch einmal erleben, dass Patienten alleine sterben müssen, ohne dass Angehörige die Möglichkeit haben, Abschied zu nehmen.“ Die vergangenen Monate seien zuhöchst belastend gewesen.

Angesichts von bis zu 9000 Pflegekräften, die in der Pandemie ihre Arbeit gekündigt und den Beruf verlassen hätten, ist die Forderung der zu Wort kommenden Pflegerinnen und Pfleger deutlich: Die Einrichtungen bräuchten mehr Pflegepersonal und die Pfleger müssten besser, angemessen bezahlt werden. Franziska Böhler betont: „Eine adäquate Bezahlung ist auch ein Zeichen der Wertschätzung.“ Die sei aber nicht in Sicht – bisher habe es nur „unsägliche, widerliche Symbolpolitik“ gegeben.

Während der Sendung wurden zahlreiche Tweets und Kommentare der TV-Zuschauer eingeblendet, die sich solidarisch mit den Pflegekräften zeigten.

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Hintergrund der gewonnenen Sendezeit ist die Show „Joko & Klaas gegen Pro Sieben“, bei der sich die beiden Moderatoren 15 Liveminuten erspielen können – das gelang ihnen wieder beim Auftakt der aktuellen Staffel am Dienstagabend. Und diesmal wurden es am Ende erstmals sogar deutlich mehr als 15 Minuten.

In der Vergangenheit hatten die Moderatoren die Livesendezeit unter anderem genutzt, um die vergessenen Schicksale im Flüchtlingslager Moria zu zeigen oder um mit der Ausstellung „Männerwelten“ ein Schlaglicht auf das Thema Sexismus zu richten: Verschiedene Frauen berichteten von Dick-Pics, anzüglichen Sprüchen und sexueller Gewalt.

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