Hasskommentare auf Youtube: maiLab will härter durchgreifen

  • Auf ihrem Youtube-Kanal maiLab präsentiert Mai Thi Nguyen-Kim Wissenschaftsthemen, zuletzt vor allem zur Corona-Pandemie.
  • Das hinterlässt Spuren: In den Kommentarspalten unter den Videos tobt zeitweise der Hass.
  • Künftig wolle man härter durchgreifen – auch mithilfe der eigenen Community.
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Stuttgart. Die Kommentarspalten in den sozialen Netzwerken sind ein ungemütlicher Ort geworden, das ist nicht erst seit der Corona-Pandemie so. Hasskommentare treffen Politiker, Aktivisten, Journalisten, aber auch ganz normale Bürger. Verschwörungsideologen spammen ihre Erzählungen hundertfach unter Posts, Tweets unter Youtube-Videos.

Die Journalistin Mai Thi Nguyen-Kim zieht jetzt zusammen mit ihrem Team des Youtube-Kanals maiLab die Reißleine: Ab sofort sollen Kommentare auf dem Wissenschaftskanal deutlich häufiger gelöscht und Nutzer auch blockiert werden, kündigt sie in einem neuen Video an. Gemeinsam habe man Regeln erarbeitet für eine bessere Diskussionskultur unter den Videos.

Das Video, das am Freitag auf Platz eins der Youtube-Trends steht, trägt den Titel „Wir müssen reden“. Nguyen-Kim richtet darin ein ernstes Wort an ihre Community. Man habe sich im Team wochenlang „die Köpfe darüber zerbrochen“, wie man eigentlich mit den Kommentaren auf Youtube umgehen wolle, so die Wissenschaftsjournalistin. Bisher habe man dort praktisch gar nichts gelöscht und auch niemanden geblockt. Das könne so aber nicht mehr weitergehen.

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„Die Kommentarspalte ist eine Shitshow“

„In letzter Zeit schreiben uns immer mehr Leute, doch bitte etwas mehr durchzugreifen, weil die Kommentarspalte teilweise so eine Shitshow ist, dass es gar nicht mehr möglich ist, eine respektvolle inhaltliche Diskussion zu führen“, erklärt Nguyen-Kim. „Deswegen werden wir ab jetzt alle Kommentare automatisch zurückhalten und sie manuell freigeben, wenn sie folgende Kriterien erfüllen.“ Dann zeigt Nguyen-Kim eine nicht ernst gemeinte Liste, auf der etwa „Kommentare über Pfeifhasen“ oder „Lob in Gedichtform“ steht.

„Also, ernsthaft jetzt, wir sind tatsächlich dabei, ein paar Community-Regeln aufzustellen. Darüber wollten wir euch transparent aufklären“, fährt sie fort. Jedoch glaube die Journalistin auch, dass das Thema Diskussionskultur im Netz derzeit „große Relevanz“ habe. Es sei eine „Herausforderung unserer Zeit“. Man könne „nicht einfach mit der Schulter zucken“, wenn beispielsweise Karl Lauterbach stapelweise Mord- und Gewaltdrohungen zur Anzeige bringen müsse.

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Für ihren Youtube-Kanal beruft sich die Journalistin auf ihr „Hausrecht“. Denn: „Kommentare löschen oder blocken ist kein Verstoß gegen das Grundrecht der Meinungsfreiheit.“ Jeder könne zwar seine Meinung frei äußern, jedoch werde man auch aus einer Bibliothek herausgeworfen, wenn man dort herumschreie. Gleiches gelte auch für die Kommentarspalten im Netz. Man habe schließlich kein Grundrecht darauf, dass sich jeder die Meinung auch anhören muss.

Kommentare sollen zur Anzeige gebracht werden

Dann referiert die Wissenschaftlerin über das Paradoxon der Toleranz nach Karl Popper. „Rassismus beispielsweise darf in einer freien toleranten Gesellschaft nicht toleriert werden, wenn man Freiheit und Toleranz schützen möchte. Alles zu tolerieren führt zu Intoleranz“, so Nguyen-Kim weiter. „Für unsere Kommentare heißt das: Um einen sachlichen, freien und offenen Diskurs zu ermöglichen, sollte man manche Sachen eben auch nicht tolerieren.“

Künftig setze man bei maiLab auf ein Community-Management, bei dem die Community auch selbst beteiligt werde. Bei verfassungswidrigen Aussagen werde das maiLab-Team Kommentare künftig ohne Weiteres löschen, die Personen blockieren und die Kommentare gegebenenfalls auch zur Anzeige bringen. Auch Spamkommentare würden künftig geblockt und gemeldet.

Komplizierter werde es bei Beleidigungen, die verletzen oder „Diskussionen verunsachlichen“, die aber nicht zu den klaren No-Gos gehörten. Hier habe man sich entschieden, Nutzer dann zu blockieren, wenn man sehe, dass sie kein Interesse an einer echten Diskussion hätten. Davon abgesehen wolle man sich mit Löschen und Blocken aber weitestgehend zurückhalten. Schließlich könne auch die Community zu einer besseren Kommentarkultur beitragen.

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Die Community soll helfen

Schon in der Vergangenheit hätten Fans des Kanals maiLab etwa Falschinformationen in den Kommentarspalten immer wieder mit Fakten widerlegt. „Das berührt uns regelrecht, wirklich“, so Nguyen-Kim. Man wolle schließlich nicht nur selbst aufklären, sondern auch andere dazu ermutigen aufzuklären.

Es helfe auch, selbst bei beleidigenden Kommentaren, sachlich und höflich zu bleiben, so die Journalistin. Diesen Appell richtet Nguyen-Kim auch an ihre Community. „Wenn wir uns hier einen sachlicheren Ton wünschen, dann müssen wir, die vernünftige Mehrheit, diesen Ton vorgeben.“

Und schließlich gebe es auch noch eine „Geheimwaffe“ im Umgang mit Hatern und Trollen: das Ignorieren. Das sei häufig das einzig Sinnvolle. „Ich kann euch nicht genug dazu ermutigen“, so die Journalistin. „Habt bitte nie das Gefühl, mich oder uns verteidigen zu müssen.“

Dank an die Zuschauer

Häufig seien Kommentare auch stark provozierend oder argumentierten mit Strohmannargumenten. „Widersteht dem Impuls zu antworten“, rät Nguyen-Kim. Eine kleine Minderheit, die pöbele, bekomme dadurch nur unnötig Aufmerksamkeit. Außerdem raubten Diskussionen mit solchen Kommentatoren am Ende wahnsinnig viel Freizeit. Manchmal helfe es, nach den Worten von Christian Drosten zu leben: „Ich habe Besseres zu tun.“

Von ihrer Community wird die Journalistin für ihre Ansage gefeiert. „Danke für dieses reflektierte Video zu dem Thema“, schreibt beispielsweise eine Kommentatorin. „Danke, dass ihr das Thema aufbringt und danke für eure Arbeit“, schreibt ein anderer.

Auch Nguyen-Kim richtet am Ende einen Dank an ihre Community. Bereits seit viereinhalb Jahren zeige sich, „was für eine geile Community ihr seid. Ihr habt uns durch eure Kommentare schon so viel Motivation und Freude gemacht. Und immer, wenn die Kommentarspalte wieder aussieht wie ein Schlachtfeld, konzentrieren wir uns auf die konstruktiven Kommentare und schöpfen daraus neuen Antrieb.“

RND/msc

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