Neue Krimiserie “Stumptown”: Mit Bier, Charme und Mustang

  • “Avengers”-Star Cobie Smulders spielt in “Stumptown” eine Afghanistan-Veteranin mit Faible für Witz und Action.
  • In der Krimiserie, die am Dienstag bei Sky startet und auf einem Comic basiert, spielen die Gesetze der Wahrscheinlichkeit keine Rolle.
  • Und wenn unüberlebbare Situationen überlebt sind, geht es auf ein paar Bierchen und gute Tipps in die Bar von Ex-Knasti Gerry.
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Also, “Stumptown” ist eine von jenen Serien, in denen zwei Schurken mit einem alten Auto, in diesem Fall einem roten Ford Mustang (Baujahr 1992), über einen “Hubbel” fahren. Nein, das führt nicht wie in Quentin Tarantinos “Pulp Fiction” zu einem ungewollten Schuss und viel Blut und Hirnmasse auf Rückbank und Heckscheibe. Stattdessen springt ein Mixtape an, und Neil Diamond besingt sonor seine “Sweet Caroline”. Worauf die beiden Strolche – nennen wir sie aufgrund der Physiognomie Mr. Shampoolos und Mr. Zwei-Fäuste-für-ein-Halleluja –, als Chor einfallen.

In diesem Portland gibt es keine Autounfälle

Deshalb bemerken sie auch nicht, wie sich die Besitzerin des Fords mit dem Feuerlöscher aus dem Kofferraum ins Wageninnere vorarbeitet. Zack, hat der eine Galgenvogel Dex Parios’ Stiefel im Gesicht, während der andere plötzlich den eigenen Sicherheitsgurt als Würgwaffe spürt und Löschpulver die Straßensicht beeinträchtigt. So beginnt die Pilotfolge der Serie, die in Portland, Oregon, spielt, der Stadt am Columbia River mit dem atemraubenden Blick auf die Schneemütze des Dreitausenders Mount Hood.

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Und damit wir wirklich wissen, dass Realität in diesem ersten von achtzehn 45-Minütern keine große Rolle spielt, verfehlt das im Auto im Kampfmodus befindliche Trio haarscharf jedes Auto, das ihm im Stadtverkehr in die Quere kommt, bis der Wagen schließlich von einer Rampe schnellt wie einst der Öffi-Bus im Keanu-Reeves-Bombenspektakel “Speed”. Was ein echter TV-Mustang ist, dessen Federung verkraftet so was locker, der fährt und fährt und fährt. Merke: Mit einem Ford kommst du immer fort.

Cobie Smulders als Veteranin mit Faible für Bier und Probleme

“Avengers”-Star Cobie Smulders spielt in der Verfilmung der Comics von Autor Greg Rucka und Zeichner Matthew Southworth (2011 für den Eisner-Award nominiert) die Afghanistan-Veteranin Dex, die ziellos durchs Leben tigert – hier mal ein Glücksspiel, dort mal ein One-Night-Stand, der die Erinnerung an ihre unglückliche große Lebensliebe Danny nicht zu tilgen vermag. Im Barbesitzer Grey (Jake Johnson), einem Ex-Knasti, hat sie einen besten platonischen Freund für die guten Ratschläge, der zudem ihrem vom Downsyndrom betroffenen Bruder Ansel (Cole Sibus) einen Job in seiner Kneipe gibt.

Hier trinkt Dex gern ihre Bierchen, so viele, dass man die Serie nach Portlands alternativem Spitznamen, Beervana, hätte benennen können. Stattdessen also “Stumptown”, nach den Baumstümpfen, die blieben, als man hier Mitte des 19. Jahrhunderts die Wälder rodete. Nein, ein menschlicher Stumpf ist Dex keineswegs. Sie hatte Ecken und Kanten im Schicksal, aber sie ist nicht in die Depri-Zone abgedriftet.

Dex Parios’ erster Fall ist überaus persönlich

Und so nimmt Dex ihren ersten Fall an, der sie quasi über Nacht zur Detektivin und bald schon zur Polizeihelferin machen soll. Mehr als 11.000 Dollar schuldet sie der indianischen Kasinochefin Sue Lynn Blackbird (Tantoo Cardinal), deren einzige Enkelin durchgebrannt ist. Schafft sie jene Nina zurück, sei man quitt, richtige staatliche Ermittler wolle die im Chefsessel stets strickende Halbweltlady nicht im Boot haben. Die Umstände sind pikant: Sue Lynn war die Mutter von Benny, die Dex damals partout nicht zur Schwiegertochter haben wollte. Der Sohn wurde kurzerhand mit einer Indianerin verheiratet, die geschasste Braut zog für die Marines in den Krieg. Dann folgte ihr Benny nach Afghanistan und starb dort. Gelegentlich betrachtet Dex noch traurig ein Foto aus den Zeiten, als alles gut war.

Nein, das alles hat gewiss nicht “Jessica Jones”-Qualität, ist erst mal Krimi as usual – wie früher “Starsky & Hutch” oder in der jüngeren TV-Vergangenheit “NCIS”. Der Zuschauer bekommt eine heile Welt mit angekratzter Hauptfigur und einigem an Hauen, Stechen, Schießen. Der Fall Nina ist im Verlauf weder besonders aufregend, noch gibt es Drastisches oder Extremes zu sehen. Voyeure gehen ebenfalls leer aus – ist Sex im Verzug, wird nur das einleitende Geknutsche gezeigt.

“Stumptown” punktet mit Witz und Kinokamera

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Was Jason Richmans Serie nun deutlich übers vernachlässigbare Serienmittelmaß liftet, ist zunächst die oft kinotaugliche Kamera von Clark Mathis (“Rocky Balboa”, “Birds of Prey”), der sich trefflich auf die Inszenierung von Action versteht. Vor allem aber punktet “Stumptown” mit Charme und Witz. Schon der Running Gag, dass in Dex’ scheußlichem Automobil immer wieder unverhofft das uralte Kassettengerät anspringt und feine Popklassiker von Captain & Tennile bis Blondie blechern aus den Boxen plärren, ist vergnüglich. Die Dialoge treiben dem Betrachter – jedenfalls im englischsprachigen Original – die Mundwinkel Richtung Ohren – etwa wenn sich Dex mit der Bemerkung, sie trage nur ihren “second best bra”, einer Leibesvisitation entzieht.

Das Comichafte des Originals wird bewahrt und etwas entschärft, alles ist deutlich “bigger than life” und mehr Tiefe und Dramatik bekommt der Freund des gepflegten Thrills derzeit natürlich von anderen Serien – etwa von Ben Mendelsohns Mörderjagd in “The Outsider” oder von den unsauberen Machenschaften der Musterfamilie Wylde in “Ozark”.

Gute Unterhaltung zu Bier und Chips

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Dafür ist “Stumptown” aber genau die richtige Unterhaltung für ein Pils und eine Handvoll Chips. Vor allem ist die Serie ein Fest für Männer. Eine biertrinkende Heldin mit Liebe zum Auto, wann hat man das schon mal? Fehlt zur Traumfrau nur noch, dass sie Science-Fiction- und Horrorflime mag.

“Stumptown”, bei Sky, mit Cobie Smulders, Tantoo Cardinal, ab 19. Mai, 20.15 Uhr

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