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Neue ARD-Programmchefin im RND-Gespräch: „Wir haben Teile der Bevölkerung verloren“

  • Seit Mai ist Spielfilmexpertin Christine Strobl neue Programmdirektorin der ARD.
  • Die Tochter von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble will dem Publikum mehr Macht zurückgeben, den Sender verschlanken – und gegen Netflix bestehen.
  • Wie soll das gehen? Ein Gespräch über „Staatsfunk“, überfällige Verjüngung, CDU-Nähe und öffentlich-rechtliches Fernsehen unter Druck.
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Frau Strobl, es hat schon weniger spannende Zeiten gegeben, um ARD-Programmchefin zu werden. Der Kampf um die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen ist in vollem Gange. Haben Sie gezögert? Oder gar gehadert?

Ich habe schon gezögert, aber nicht gehadert. Die Großwetterlage ist tatsächlich ziemlich herausfordernd. Wir sind uns alle einig, dass wir in der ARD in diesen Zeiten mit rasant verändertem Mediennutzungsverhalten, mit den globalen Playern, die mit Macht in den deutschen Markt drängen, und mit dem wachsenden Spardruck vor sehr großen Herausforderungen stehen, die auch deutliche Veränderungen erfordern. Letztlich habe ich mich von allen neun Intendantinnen und Intendanten so getragen gefühlt, dass ich die Hoffnung habe, dass wir das gemeinsam auch in einem föderalen Gebilde hinkriegen werden. Da gibt es eine große Einmütigkeit.

Das geht sicher bald vorbei. Einmütigkeit ist selten in der ARD. Sie treten den Job einer Topdiplomatin an. Wie gut sind Ihre Deeskalationsfähigkeiten?

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Ich bin ein grundgelassener Mensch. Das ist wahrscheinlich eine gute Voraussetzung. Am Ende geht es darum, die Interessen nicht nur auszugleichen, sondern sie in die richtige Richtung zu führen. Es darf uns nicht um den kleinsten gemeinsamen Nenner gehen. Wir müssen uns diesen großen Veränderungen wirklich stellen. Und wie genau die aussehen werden, bestimmt das Publikum durch seine Auswahl und nicht wir.

„Wie die Veränderungen bei der ARD aussehen werden, bestimmt das Publikum und nicht wir“: Die neue ARD-Programmdirektorin Christine Strobl mit Amtsvorgänger Volker Herres (links) und dem aktuellen ARD-Vorsitzenden und WDR-Intendanten Tom Buhrow (rechts). © Quelle: WDR/Oliver Ziebe

Die ARD muss sparen und sich gleichzeitig digital transformieren. Außerdem stehen die Öffentlich-Rechtlichen unter massivem Legitimationsdruck. Wie lässt sich das alles bewerkstelligen?

Es wird in Zukunft vor allem darum gehen, dass in den neun ARD-Anstalten nicht mehr alle alles machen. Jedes Haus wird klären müssen, wo seine Schwerpunkte liegen und wo es auch glänzen kann. Aber ich glaube, man sollte die Anstalten auch von der Bürde befreien, überall glänzen zu müssen. Weniger Geld kann ja auch eine Chance sein, sich zu konzentrieren. Entscheidend ist, dass wir am Ende Angebote für alle haben. Wir brauchen ein diverseres und vielfältigeres Programm, in dem sich wirklich jede und jeder im Land wiederfinden kann – natürlich mit hoher Relevanz und Qualität. Wohin es führt, wenn öffentlich-rechtlicher Rundfunk nur noch in der Nische stattfindet, lässt sich anschaulich in den USA beobachten. Dort bestimmen finanzkräftige Konzerne die gesellschaftliche Debatte. Wir haben als öffentlich-rechtliche Sender eine Wächterfunktion, wir sind ein Pfeiler eines demokratischen Zusammenlebens, deshalb müssen wir für die Bürgerinnen und Bürger relevant sein. Es bringt nichts, nur für uns relevant zu sein.

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Die Politik ist unzufrieden mit der Reformtiefe von ARD und ZDF. Man erwartet mehr Sparwillen und Vorschläge. Umgekehrt sagen Sie: Wenn ihr unseren Programmauftrag neu formulieren wollt, dann tut’s halt. Wen sehen Sie aktuell am Zug?

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Am Zug sind ja im Moment die Bundesländer. Sie müssen beratschlagen, ob sie sich tiefere Veränderungen am Rundfunkauftrag zutrauen oder nicht. Die Schwierigkeit liegt auch darin, dass alle 16 Bundesländer Einstimmigkeit brauchen. Entweder, es steht 16:0 – oder es passiert gar nichts. Wir können gegebenenfalls Vorschläge machen. Aber etwas Grundlegendes verändern? Das können nur die Länder, nicht die Sender.

Wie sähe denn Ihre ideale ARD aus? Was muss ein moderner öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Deutschland leisten?

Der Auftrag ist sehr klar und sehr breit angelegt. Ich halte das auch für wichtig. Ich nenne das Beispiel Unterhaltung. Es wäre ein Fehler, die Unterhaltung den Privaten zu überlassen. Ich komme als ehemalige Chefin der Filmproduktionstochter Degeto ja aus der Fiktion und weiß daher sehr gut, welche Wirkmacht Bewegtbilder und erzählte Geschichten auf Menschen haben. Sie können für Themen und Zusammenhänge aus Geschichte, Politik oder Gesellschaft mit Serien und Filmen einnehmen – nicht nur mit dem journalistischen Erklärstück. Im August werden wir „3 ½ Stunden“ zeigen, einen Spielfilm, der eindrücklich den Bau der Mauer erzählt. Ehrlich gesagt: Wenn ich diesen Film sehe, der das Schicksal von Menschen erzählt, die sich entscheiden müssen, ob sie angesichts des Mauerbaus im Zug sitzend am 13.8. in den Osten zurückfahren oder aussteigen – dann verstehe ich viel, viel mehr, als wenn ich einen zehnminütigen, faktenreichen Bericht über den Mauerbau sehe. Weil es mir emotional vermittelt, was das bedeutet – oder kurz gesagt ans Herz und nicht nur an den Verstand geht.

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Das heißt: Auch Unterhaltung ist Bildung?

Deshalb warne ich sehr vor einer Verengung des öffentlich-rechtlichen Auftrags. Viel von dem, was wir brauchen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern, lässt sich nicht allein in der klassischen Informationsvermittlung und journalistischen Einordnung erreichen, sondern auch im Vermitteln von Geschichten und kollektiven Bildern. Wir brauchen deshalb einen breiten Auftrag. Mich erreichen auch oft Briefe, in denen es heißt: Ich möchte nicht immer, dass im Fernsehen gestritten wird – ich will auch mal wieder in Bildern schwelgen, mich entspannen und genießen.

Und was kann weg?

Ich glaube nicht, dass Weglassen die vorrangige Aufgabe ist. Wir müssen Programme und Angebote für alle schaffen. Da haben wir in den letzten Jahren etwas den Faden oder besser gesagt Teile der Bevölkerung verloren.

Wen haben Sie denn vernachlässigt?

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Wir haben ganz zweifellos die jüngeren Zielgruppen vernachlässigt. Fast 40 Millionen Deutsche haben inzwischen ein Pay-TV-Abonnement. Das macht mich natürlich nicht glücklich, denn es zeigt ja: Es gibt offenbar eine große Bedürfnislücke, die wir nicht füllen. Ich glaube auch, dass Zugezogene uns überhaupt nicht auf dem Schirm haben, weil wir nicht die Vielfalt und Diversität widerspiegeln, die wir brauchen. Da ist noch viel zu tun. Wir müssen die Veränderungen der Zeit annehmen und dürfen nicht einfach sagen: Wir wissen besser, was gut für unsere Kunden ist.

„Es liegt an uns Frauen, uns besser zu vernetzen“: Christine Strobl ist die erste ARD-Programmdirektorin in sieben Jahrzehnten. © Quelle: ARD/Laurence Chaperon

Stichwort Diversität: Sie sind in 71 Jahren die erste Frau an der ARD-Spitze – sechs Herren waren vor Ihnen dran. Was halten Sie von einer Frauenquote bei Toppersonalien?

Immerhin haben wir neben fünf Intendanten auch vier Intendantinnen.

Das schon, aber beim ARD-Vorsitz, der ja alle zwei Jahre zwischen den Intendanten rotiert, sieht’s kaum besser aus: Von 41 Vorsitzenden waren bisher nur zwei Frauen: Monika Piel vom WDR und Karola Wille vom MDR. Welche Gesellschaft soll das abbilden?

Nächstes Jahr kommt ja Patricia Schlesinger vom RBB hinzu, und die wird eine sehr starke ARD-Vorsitzende sein. Aber es stimmt schon: Es liegt an uns Frauen, uns besser zu vernetzen und zu versuchen, Frauen in Führungspositionen einzusetzen. Ich begreife das als meine Verantwortung. Was die Quote angeht: Ich habe noch die Hoffnung, dass wir keine Quote brauchen. Für mich ist das immer die letzte Lösung. Aber wenn es anders nicht hinzukriegen ist, wird man darüber nicht nur nachdenken, sondern in diesem Sinne auch handeln müssen.

Ist denn die schwergängige Aufsichts- und Organisationsstruktur der ARD mit ihren paritätisch besetzten, aber fachfremden Gremien, mit dem Einstimmigkeitsprinzip in der Medienpolitik und den neun Anstalten überhaupt umsteuerbar? Blicken Sie nicht neidvoll auf das schlankere ZDF?

Veränderungen in föderalen Strukturen sind nie ganz einfach. Aber die Zeiten sind doch vorbei, in denen Sie Programm über Hierarchie gestalten. Es gibt redaktionelle Unabhängigkeit, und in keinem Haus kann ein Intendant oder eine Programmdirektorin durchregieren. Und das ist auch richtig so.

Nicht nur die FDP wünscht sich einen deutlich schlankeren Rundfunk. Gerade hat selbst Thomas Gottschalk eine Fusion von ARD und ZDF ins Gespräch gebracht. Was unterscheidet denn ARD und ZDF? Warum braucht es beide?

Erstens ist Meinungspluralität wichtig, auch bei den Öffentlich-Rechtlichen. Ich glaube, zwei unabhängige Systeme, die in gesunder Konkurrenz zueinanderstehen, tun der Gesellschaft gut – auch mit Blick auf die Geschichte des Rundfunks als politischem Instrument in Deutschland. ARD und ZDF haben ja ganz unterschiedliche Aufgaben. Die Stärke der ARD ist die Regionalität, wir haben Hörfunkwellen, Orchester und Chöre in nicht unerheblicher Zahl – das ist beim ZDF anders. Im Übrigen arbeiten wir in vielen Bereichen ja schon synergetisch zusammen, gerade im Sport, in Sendungen wie dem „Morgenmagazin“, beim Jugendangebot Funk, beim Kinderkanal, beim Ereigniskanal Phoenix. Aber ich glaube, dass wir noch nicht alle Möglichkeiten zur Zusammenarbeit ausgereizt haben.

Trotzdem haben viele Zuschauer und Zuschauerinnen den Eindruck, es laufe oft Ähnliches parallel.

Wir können uns sicher noch besser absprechen, was die Programmplanung betrifft ,um zum Beispiel nicht eine Show gegen eine Show zu senden, aber insgesamt finde ich schon, dass wir ein komplementäres Programm anbieten.

Warum verwechseln so viele Menschen öffentlich-rechtlich mit staatlich? Liegt das nicht auch am Wort? Im Angelsächsischen heißt das „public broadcast“. Da wird der gemeinschaftliche Gedanke viel klarer. Wie sehen Sie das?

Eine spannende Frage. Es gibt im Moment diese von verschiedenen Strömungen und Stimmungen geprägten Gruppen, die das Gefühl haben, „die da oben“ machten gemeinsame Sache – nicht nur ARD und ZDF, sondern „die Medien“ insgesamt, der Staat, die Politik. Mir macht das Sorgen, dass viele Menschen sich nur noch in ihren Wahrnehmungszirkeln bewegen und uns so wahrnehmen.

„Die Berichterstattung zu Corona war sehr umfassend und natürlich auch kritisch“: Den Vorwurf, die ARD – hier die „Tagesschau“ mit Susanne Daubner – habe zu unkritisch über die Pandemiepolitik berichtet, weist Programmdirektorin Christine Strobl zurück. © Quelle: NDR" (S2) / NDR Presse und Information / Fotoredaktion

In diesem Zusammenhang: Hat die ARD zu unkritisch über die Pandemiepolitik berichtet?

Das finde ich jetzt wirklich nicht. Es ist ja unsere Aufgabe, Politik kritisch zu begleiten, und das tun wir auch. Die Berichterstattung zu Corona war sehr umfassend und natürlich auch kritisch. Es ist aber immer alles auch eine Frage der Wahrnehmung. Menschen fühlen sich abgehängt und nicht gehört, das kulminiert dann in der These, man dürfe nicht mehr offen seine Meinung sagen. Wir müssen aufpassen, dass uns nicht ganze Bevölkerungsgruppen verloren gehen. Das gilt für die Medien genauso wie für den Staat.

Einerseits gibt es hohe Zustimmungs- und Vertrauenswerte für das Erste – andererseits ist da keine echte Liebe zwischen Publikum und Sender. Man nimmt Sie hin wie fließendes Wasser. Wie können Sie sympathischer werden?

Ich könnte jetzt ketzerisch fragen: Ist es unsere Aufgabe, sympathisch zu sein oder zu werden? Es ist unsere Aufgabe, relevant zu sein.

Aber ein gutes Verhältnis zum Publikum lindert den Druck. Weithin gemocht zu werden, hilft bei der Zukunftsplanung.

Ich glaube, relevant zu sein und etwas darzustellen, mit dem Menschen sich identifizieren können, ist viel wichtiger. Interessieren mich als Zuschauer die Themen wirklich? Oder sind sie ausgewählt und geprägt von Menschen, die zum Beispiel nur in der Stadt leben? Wir müssen als Fernsehmacher immer darauf achten, nicht nur von uns auszugehen. Natürlich ist es auch schön, wenn man geliebt wird. Ich zweifele aber daran, dass die kritischen Kommentierungen, die wir in den sozialen Netzwerken lesen oder per Mail und Brief erhalten, wirklich die Mehrheit repräsentieren. Wir müssen Fehler transparent einräumen und Kritik ernst nehmen, wo sie nicht beleidigend ist, das ist wichtig. Aber führt das dazu, das wir in diesen Kreisen stärker akzeptiert werden? Ich fürchte: Nein.

„Jeder Mensch hat das Recht auf eine private Meinung und eine private politische Haltung“: Christine Strobl mit ihrem Ehemann Thomas Strobl, dem baden-württembergischen CDU-Landesvorsitzenden, 2012 bei einem Empfang zum 70. Geburtstag ihres Vater Wolfgang Schäuble, damals Bundesfinanzminister. © Quelle: picture alliance / dpa

Nun ist Ihr Mann CDU-Chef in Baden-Württemberg und Ihr Vater bekanntlich Wolfgang Schäuble, aktuell Bundestagspräsident. Sie selbst waren seit Jahrzehnten erst in der Jungen Union, dann CDU-Mitglied. Ist das nicht zu viel CDU-Nähe für ein solches Amt?

Zunächst mal finde ich, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Jeder Mensch hat das Recht auf eine private Meinung und eine private politische Haltung. Und ich kann versichern, dass meine Professionalität, die ja auch ständiger Überprüfung unterliegt, gewährleistet, dass es da keine Überschneidungen gibt. Ich traue mir das absolut zu. Es ist aber gut, dass die Frage gestellt wird. Ich kann sie ruhig beantworten. Ob ich privat Veganerin bin, Mitglied in einer Gewerkschaft oder lieber Fahrrad fahre oder zu Fuß gehe, ist das eine – aber mein Job darf nichts mit meiner politischen Haltung zu tun haben. Und so ist es auch. Sie können sicher sein: Ich prüfe mich bei solchen Dingen.

Trotzdem schrieb die „Bunte“ von „Schäubles mächtiger Tochter“, und die „Bild“ titelte: „Schäubles Tochter füllt unser TV-Programm“. Als Sie 2019 als SWR-Intendantin im Gespräch waren, haben Sie mit Verweis auf die familiären Bindungen abgelehnt. Das Amt sei nicht mit der Tatsache vereinbar, dass Ihr Mann stellvertretender Ministerpräsident sei. Was ist jetzt anders?

Es ist eine Kernaufgabe des SWR, über die Landesregierungen von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz mit journalistischer Distanz kritisch zu berichten. An der Spitze dieses Senders zu stehen, erschien mir problematisch, da mein Mann ja Teil genau einer dieser Regierungen war. Ich finde, das geht nicht. Bei der ARD ist die Situation anders.

Aber ARD-Führung bedeutet immer auch Politik. Sachsen-Anhalt hat vor Weihnachten die fest eingeplante Erhöhung des Rundfunkbeitrags blockiert. Im Kern ging es dabei um inhaltliche Kritik – nach dem Motto: Ihr redet den Osten schlecht, und wir sollen auch noch mehr dafür bezahlen. War das ein legitimes politisches Manöver?

Das mag ich nicht beurteilen. Über den Rundfunkbeitrag wird jetzt das Bundesverfassungsgericht entscheiden und das warten wir in aller Demut ab. Bis dahin bleibe ich zuversichtlich, dass die Entscheidung in unserem Sinne ausfallen wird.

Aber wäre es nicht ein sympathischer Zug gewesen, statt auf 18,36 Euro im Monat zu beharren, als ARD mal zu sagen: Danke, wir kommen prima hin mit 17,50 Euro? Das würde eine Menge Druck aus dem Kessel nehmen.

Naja. Wir wissen, dass international aufgestellte große Player unendliche Summen für ihre Programme ausgeben, gegen die unser Etat fast ein Nasenwasser ist. Wenn wir „Babylon Berlin“ mit dem üblichen Budgetrahmen gedreht hätten, hätte das niemals ausgereicht, um mit internationalen Serien mithalten zu können, genau das ist aber die Erwartungshaltung an eine solche Serie. Hier mussten wir also mit Sky kooperieren, weil wir die Mittel schlicht nicht hatten. Und wenn wir feststellen, dass es uns wichtig ist, deutsche und europäische Geschichten – aus unserer Perspektive erzählt – in die Welt und zu unseren Zuschauerinnen und Zuschauern zu schicken, dann müssen wir konkurrenzfähig sein. Auch ein globales Korrespondentennetz wird ja nicht günstiger, aber es ist wichtig und wir können nicht darauf verzichten, um aus aller Welt berichten zu können – und das muss dann auf Augenhöhe mit CNN sein. Das ist heute die Konkurrenz. Ohne die Erhöhung des Beitrags müssten wir am Programm sparen.

Wäre das so schlimm? Es kann ja nicht alles unverzichtbar sein, was da läuft. Ich denke an die „schönsten Talsperren in der Eifel“.

Wir brauchen, um wirklich alle zu erreichen, eher mehr Programm als weniger, weil eben nicht mehr alle vor demselben Lagerfeuer sitzen. Gucken Sie sich an, was an Hochglanzdokus bei Netflix läuft. Wir müssen da mithalten. Die Alternative wäre ein Rückzug in die Nische, den ich für falsch hielte. Und hinzukommt: Menschen über 70 haben andere Vorlieben als Menschen um die 30.

Ist das wirklich so? Ist nicht starkes Fernsehen für alle interessant – unabhängig vom Alter?

Das stimmt auch wieder und würde ich sofort unterschreiben. Es gibt nicht mehr „den 70-Jährigen“ oder „die 30-Jährige“. Ich meine etwas Anderes: Themen, Lieblingsformate und Geschmäcker unterscheiden sich in vielen Gruppen, die Abrufzahlen der Mediatheken zeigen das sehr präzise. Wir haben eine große Fragmentierung des Nutzungs- und Zuschauerverhaltens. Dabei verlaufen die Geschmacksgrenzen natürlich nicht nur entlang der Altersgruppen.

Das heißt: Die Mediathek wird strategisch immer wichtiger.

Ja. Aber wir dürfen unser lineares Programm nicht einfach in die Mediathek stellen und dann denken, damit sei die Sache erledigt. Im Moment stammen noch mehr als 90 Prozent des Mediathekeninhalts aus dem linearen Programm. Das allein wird aber nicht reichen. Wir brauchen viel mehr reine Streamingangebote. Ein erstes Projekt dieser Art ist „All You Need“ – eine Serie, die wir so sicher nicht nur fürs Erste produziert hätten, ebenso wie „Beforeigners“ aus Norwegen. Die Mediathek ist eine große Chance, weil wir viele Zielgruppen sehr präzise erreichen können.

Sie haben bis vor Kurzem die ARD-Spielfilmfirma Degeto geleitet und vom Sorgenkind zur Vorzeigetochter umgebaut – bis hin zu Prestigeerfolgen wie „Babylon Berlin“. Was raten Sie Ihrem Amtsnachfolger Thomas Schreiber?

Thomas Schreiber und ich sind im ständigen Austausch und schätzen uns außerordentlich. Abgesehen davon braucht er keinen einzigen Ratschlag von mir. Der weiß ziemlich genau, was er tut.

Welche Eigenschaften kennzeichnen denn einen guten „Stoff“ für die ARD?

Ich lade immer dazu ein, kein Schema F im Kopf zu haben. Ich glaube, dass im Prinzip erstmal jeder „Stoff“ tauglich ist. Die Frage ist, wie man sich dem Thema nähert. Wir hatten den Film „Mein Sohn Helen“ mit Heino Ferch als Vater eines Transgenderkindes in der Hauptrolle. Sicher ein schwieriges Thema, aber wir hatten um 20.15 Uhr damit mehr Zuschauer als die „Tagesschau“ davor. Warum? Weil Heino Ferch seine Figur so meisterhaft unbeholfen und herzlich zugleich angelegt hat, dass jeder Zuschauer und jede Zuschauerin daran andocken konnte. Am Ende geht es eben immer um universelle Themen wie Liebe, Anerkennung und Emotionen. Deshalb kann man diese Frage nicht pauschal beantworten.

„Wir dürfen unser lineares Programm nicht einfach in die Mediathek stellen und dann denken, damit sei die Sache erledig“: Christiane Strobl über das ARD-Vorzeigeprojekt „Babylon Berlin“. © Quelle: Sky Deutschland AG und Sky Deuts

Wie kann denn das klassische nationale Fernsehen überhaupt noch gegen Streamingdienste bestehen, die 15 Milliarden Dollar pro Jahr raushauen?

Wenn man es rein finanziell betrachtet: gar nicht (lacht). Ich glaube, es muss unser Anspruch sein, unsere Geschichten zu erzählen, die unverwechselbar in Deutschland und Europa stattfinden. Das kann Netflix zum Beispiel nicht. Die arbeiten zwar auch mal mit hiesigen Kreativen, aber über 95 Prozent der Inhalte kommen aus dem internationalen Markt. Darin liegt unsere Chance, genauso wie in den unverwechselbaren journalistischen Angeboten und der Aktualität, die wir in der ARD-Mediathek bieten. Da ist mir nicht bange. Und wir werden mehr Allianzen schmieden müssen. Wir haben so viel zu erzählen über unsere Gesellschaft und unsere Lebenswelt, es ist ein reicher Schatz. Da können wir selbstbewusst sagen: Das können nur wir.

Können Sie ein paar Beispiele nennen? Was haben Sie geplant?

Ich bleibe jetzt mal bei der Fiktion; eines der schillerndsten Projekte ist sicher die sechsteilige Serie „KaDeWe“ von Julia von Heinz, die im Herbst ein Stück deutsche und Berliner Geschichte erzählen wird. Gerade in Wien abgedreht ist die Serie „Der Richter“ mit Tobias Moretti und Sebastian Koch nach einem israelischen Original über einen Richter, der alles aufs Spiel setzt, um seinen Sohn nach dessen Fahrerflucht vor der Justiz und einem rachsüchtigen Mafiaclan zu beschützen. Dazu kommt die achtteilige Anwaltsserie „Legal Affairs“ mit Lavinia Wilson oder die Krimireihe „Schneller als die Angst“, davon wird schon 2021 viel zu sehen sein.

Was ist mit den anderen Genres?

Es gibt Bereiche, in denen müssen wir uns als ARD klar verbessern. Das ist zum einen die Comedy auch speziell für die ARD-Mediathek – ich glaube, das Thema müssen wir noch mit einigen neuen Köpfen stärker ins Bewusstsein holen. Und auch die Dokumentation wollen wir stärken. Insgesamt müssen wir daran arbeiten, Themenfelder auch mit bekannten Gesichtern zu verbinden, etwa den Klimawandel, die Weltpolitik oder auch das Thema Gesundheit.

Und wo liegt die Zukunft des klassischen, linearen Fernsehens? Mehr Liveerlebnisse?

Das lineare Programm, das Erste Deutsche Fernsehen, soll ein sehr verlässlicher Begleiter durch den Tag sein, Geschichten erzählen, Rat geben, Informationen einordnen und bilden. Das bedeutet aber auch, dass wir bei wirklich großen Ereignissen schneller Breaking-News-fähig werden müssen und aus dem Schema ausbrechen. Gleichzeitig müssen wir Verlässlichkeit bieten. Und natürlich ist das Liveerlebnis wichtig. Es freut Menschen einfach, wenn sie gemeinsam das Gleiche erleben. Das wird nicht einfacher, aber es ist weiterhin sehr wichtig.

Frau Strobl, vielen Dank für das Gespräch.

ZUR PERSON

Christine Strobl wurde 1971 als ältestes Kind des Politikers Wolfgang Schäuble (CDU) und seiner Ehefrau Ingeborg geboren. Sie hat drei jüngere Geschwister. Seit 1996 ist sie mit dem CDU-Politiker Thomas Strobl verheiratet. Strobl studierte Rechtswissenschaft und begann ihre Karriere 1999 beim Südwestrundfunk (SWR). Dort war sie unter anderem Personal- und Etatreferentin, Leiterin der Abteilung „Kinder- und Familienprogramm Fernsehen“ und schließlich Fernsehfilmchefin. Im Juli 2012 wurde Strobl Programmgeschäftsführerin der ARD-Filmproduktionstochter Degeto in Frankfurt am Main und baute das chronisch defizitäre Sorgenkind zu einer modernen und kreativen Filmschmiede um. Zum 1. Mai 2021 trat Strobl die Nachfolge von Volker Herres als Programmdirektorin des ARD-Gemeinschaftsprogramms das Erste an.

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