“The Last Dance” auf Netflix: Wie Michael Jordan zum Superstar wurde

  • Michael Jordan prägte eine ganze Basketballepoche.
  • Mit den Chicago Bulls wurde er der erfolgreichste Spieler der 90er-Jahre.
  • Eine grandiose Netflix-Serie zeigt nun, wie “His Airness” zur Basketballikone und weltweiten Identifikationsfigur wurde.
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Auch für Sportfans ist es momentan eine Zeit voller Entbehrungen. Kein Fußball, kein Tennis, kein Handball, kein American Football, kein Basketball. Kein Basketball? Doch. Auf Netflix ist momentan eines der Sportereignisse des Jahres zu sehen. Die Michael-Jordan-Doku “The Last Dance".

Michael Jordan gilt vielen als größter Basketballer aller Zeiten. Hinter einen solchen Superlativ sollte man zwar wie immer ein großes Fragezeichen setzen, denn es gab ja auch einen Wilt Chamberlain, einen Larry Bird, einen Magic Johnson, einen Kobe Bryant – und LeBron James erspielt sich auch seit Jahren seinen Platz in der ewigen Hall of Fame. Aber Michael Jordan war mit Sicherheit der beste Basketballer seiner Zeit. Was nicht zuletzt an seinem unvergleichlichen Siegeswillen lag.

Und ihm gelang, was keiner vor ihm und keiner nach ihm schaffte: Er spielte sich nicht nur sportlich in die absolute Weltspitze, sondern war auch eine weltweite Identifikationsfigur, eine Kultfigur, dem viele nacheiferten. Alle wollten sein wie Michael “Air” Jordan – nicht nur wegen seiner Turnschuhe.

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Reingelegt: Michael Jordan trifft für die Chicago Bulls. Antonio Davis (l.) und Mark Jackson von den Indiana Pacers können nur zuschauen. © Quelle: imago images/Icon SMI

Die Netflix-Serie “The Last Dance” folgt nun – ausgehend von der Saison 1997/1998 – der Spur des Superstars und seiner Chicago Bulls. Im Sommer 1997 blicken die Bulls auf fünf NBA-Titel in den vergangenen sieben Jahren zurück. Das Team hat die Liga dominiert. Doch nun halten der Besitzer der Bulls, Jerry Reinsdorf, und der General Manager des Teams, Jerry Krause, das Team für zu alt, er will einen Neuanfang. Der legendäre Coach Phil Jackson soll abtreten, doch da gibt es “kleines” Problem: Michael Jordan will nur unter ihm spielen.

Heftiger Krach zwischen dem Manager und dem Trainer der Bulls

Zwei Superegos treffen aufeinander. “Players and coaches don’t win championships; organizations win championships”, lautet ein berühmter Satz von Jerry Krause. Frei übersetzt: Die Organisation, das Franchise, der Klub gewinnen Meisterschaften, Spieler und Trainer nicht, sie sind austauschbar. Klar, dass Spieler wie Michael Jordan das anders sahen. Letztlich einigen sich Jerry Krause und Phil Jackson auf einen Kompromiss: Der Trainer bleibt noch eine Saison und egal, was in der Saison passiert, wie erfolgreich die Bulls spielen, danach ist für Jackson Schluss.

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Da Phil Jackson, wie wir in der Serie erfahren, immer ein Motto für die Saison sucht, lässt er bei einer Mannschaftsbesprechung die Worte fallen, die der Netflix-Serie den Namen gab: This is the Last Dance. Für ihn und die Mannschaft war die kommende Saison der letzte Tanz. Also: Darf ich bitten?

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In den einzelnen Folgen (zumindest in den ersten sechs, die der Presse bislang zur Verfügung stehen) steht immer ein Spieler, eine besondere Situation im Mittelpunkt. In Folge eins ist es die schwierige Konstellation zwischen dem napoleonkomplexbeladenen Jerry Krause und dem esoterischen Trainer Phil Jackson. In Folge zwei widmen sich die Macher um Regisseur Jason Hehir dem wohl besten Co-Spieler aller Zeiten, Scottie Pippen, in Folge drei dem Exzentriker und ehemaligen Madonna-Lover Dennis Rodman, der sich trotz seiner Partyeskapaden unentbehrlich machte – zumindest in seinen Augen (“You know you got the great Michael Jordan, the great Scottie Pippen, the great Phil Jackson, but if you take me away from this team, do they still win a championship? I don’t think so.”) und so weiter. Aber in jeder Folge geht es natürlich in Wahrheit in erster Line um Michael Jordan.

Michael Jordan kannte nur eine Droge: Das Siegen

Das Besondere an dieser verfilmten Karriere-Biografie im Gegensatz zu anderen ist, dass Michael Jordan bei “The Last Dance” intensiv mitgearbeitet hat. Er sitzt zumeist in einem großen Sessel, in Jeans und T-Shirt, mit leichtem Bauchansatz, neben ihm Whiskey und Zigarre und erzählt. Wie es war, als er 1984 zu den Bulls kam. Wie es war, als er am Anfang seiner Karriere seine Mannschaftskollegen im Hotelzimmer mit Alkohol, Koks und Frauen erwischte, während er sich von Anfang an nur einer Droge verschrieb, dem Siegen. Wie es war, als die Bulls 1989 durch seinen Wurf in letzter Sekunde zum Sieg gegen die Cleveland Cavaliers endlich das Verliererimage ablegten.

Wie es war, als er endlich am Ziel war und den ersten NBA-Titel gewann. Wie es war, als er Werbeträger für den damaligen Leichtathletik-Schuhhersteller Nike wurde und dass er eigentlich lieber zu Adidas wollte (die sich aber damals nicht in der Lage sahen, einen Basketballschuh für Jordan zu entwickeln. Wie oft haben die Adidas-Manager von damals wohl in den vergangenen Jahrzehnten deshalb ihren Kopf gegen die Wand geknallt?). Wie es war als Teil des Dream Teams 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona.

Michael Jordan trug seine berühmten "Airs" bei den Spielen, weltweit avancierte der Schuh aber zum Kultobjekt für den Alltag. © Quelle: imago images/UPI Photo

Erzählt werden diese Geschichten aber nicht als Michaels Märchenstunde, sondern sie sind unterlegt von unglaublich vielen und zum Teil intimen Bildern (wenn man bedenkt, dass zu der Zeit Handys mit Kamera noch eine Idee der Zukunft waren). Nicht nur in der Saison 1997/98, als ein Kamerateam eingeladen war, die Spieler zu filmen, sondern auch in den Jahren davor. Und sie werden erzählt von Teamkameraden wie Pippen, Rodman, John Paxson, Horace Grant und Toni Kukoč, von Phil Jackson und Jerry Krause, von Konkurrenten, Feinden und Sportkommentatoren. Die Äußerungen der Interviewpartner sind so mit den Bildern zusammengeschnitten, dass die Serie auf einen Erzähler verzichten kann. Alles spricht für sich.

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Wertvoller, aber unterbezahlter Spieler: Scottie Pippen am Ball. © Quelle: imago images/Icon SMI

Und es kommen auch kritische Stimmen zu Wort. Etwa als die Demokraten in Jordans Heimatbundesstaat North Carolina erstmals chancenreich einen schwarzen Kandidaten ins Rennen um das Amt des Senators schickten. Michael Jordan spendete zwar Geld, verweigerte aber die öffentliche Unterstützung mit den Worten, die ihm bis heute nachhängen: “Auch Republikaner kaufen Sneaker.” War ihm sein persönlicher Wohlstand wichtiger als seine Haltung gegenüber der Rassenproblematik? Für viele klang es damals so. Letztlich gewann der republikanische, rechtsgerichtete Gegenkandidat die Wahl. “Jeder in der Welt respektiert Mohammed Ali. Wissen Sie warum?”, fragt ein Reporter der “Washington Post” in “The Last Dance”. “Weil er sich einsetzte. Er setzte sich für etwas ein, auch wenn das weniger Geld bedeutete.” Dies sei der große Unterschied zu Michael Jordan.

Larry Bird: “Das war Gott, verkleidet als Michael Jordan”

Natürlich ist auch unheimlich viel Basketball zu sehen. Schmerzhafte Niederlagen der Bulls gegen die brutalen Verteidiger der Detroit Pistons (damals noch mit Dennis Rodman in deren Reihen), die eigens “Jordan-Regeln” erfanden, wie sie dem nicht nur für Larry Bird gottgleichen Basketballer das Leben auf dem Platz zur Hölle machen konnten. Grandiose Siege, zirkusreife Dunks, umkämpfte Rebounds, Diskussionen auf der Trainerbank. Und natürlich immer wieder (und spürbar bis in die Interviews von heute) die Rivalitäten, Egozentrismen und Macken der Superstars dieses die 90er-Jahre überragenden Teams.

Hat schon immer gern provoziert: Dennis Rodman (r.) besucht 2014 den nordkoreanischen Staatschef Kim Jong-Un.

So ist “The Last Dance” eine der besten Sportdokumentationen überhaupt geworden. Eigentlich wollte Netflix die Serie kurz vor den diesjährigen NBA-Finals zeigen. Doch durch die momentane Corona-Pause in der NBA ist der Start vorgezogen worden.

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Ein Tipp: Man sollte die Originalversion (mit oder ohne Untertitel) schauen, die deutsche Synchronisation ist nicht gelungen. Vier der insgesamt zehn Folgen sind bereits abrufbar, am heutigen Montag kommen die Folgen fünf und sechs. Die weiteren Teile erscheinen immer montags in einer Doppelfolge. So können wir auch in der Corona-Krise sagen: endlich wieder Weltklassesport.




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