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Ryan Gosling gegen die CIA

Die Faust im Sixpack – Netflix’ 200-Millionen-Dollar-Actionstück „The Gray Man“

In Prag auf der Flucht: Ryan Gosling als Sierra Sechs bei den Dreharbeiten zum Actionfilm „The Gray Man“.

In Prag auf der Flucht: Ryan Gosling als Sierra Sechs bei den Dreharbeiten zum Actionfilm „The Gray Man“.

Prag wird richtig in die Mangel genommen. Und auch Kroatien kriegt einiges ab in „The Gray Man“. Der Film, der an Schauplätzen rund um die Erde gedreht wurde, sieht kostspielig aus und war es wohl auch. Die Angaben der Kosten schwanken je nach Quelle zwischen 170 und mehr als 200 Millionen US-Dollar – womit das Actionstück um Agenten, Killer und einen begehrten Datenträger in jedem Fall der teuerste Einzelfilm des Streamingdienstes Netflix wäre, teurer als Martin Scorseses Mafiadrama „The Irishman“ (2019) und die Actionkomödie „Red Notice“ (2021) mit Dwayne Johnson und Ryan Reynolds (beide ca. 140 Millionen Dollar).

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Hohe Budgets sind immer werbewirksam, wobei zahlreiche Kostenmonster des Kinos seit Jahrzehnten unter Beweis stellen, dass teuer und toll zweierlei sind. Immerhin sind bei „The Gray Man“ die Brüder Joe und Anthony Russo am Regieführen, Spezialisten für Rasanz, die sich in der hollywoodschen Blockbusterei durch vier Filme um Marvels Avengers („The Return of the First Avenger“, 2014; „The First Avenger: Civil War“, 2016; „Avengers: Infinity War“, 2018; „Avengers: Endgame“, 2019) hervorgetan hatten. Für Netflix tauchen sie nun in die Abgründe der CIA. Kompromittierende Daten müssen für den Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten sichergestellt werden, dafür geht ein höheres Tier der Agency über Leichen.

Held Sechs lässt eine moralische Korsage erkennen

Held der schmalen Geschichte ist Sierra Sechs oder nur Sechs, ein ehemaliger Langzeithäftling, der einst von dem CIA-Teamchef Donald Fitzroy (Billy Bob Thornton) rekrutiert wurde, um „Verbrecher für die Agency zu töten“. In Bangkok soll er für seinen Vorgesetzten Carmichael („Bridgerton“-Star Regé-Jean Page in einer vornehmlich sitzenden Rolle) einen Mann mit dem Codenamen Dining Card liquidieren, bevor dieser Infos, „die die nationale Sicherheit gefährden“, an ausländische Interessenten verhökern kann.

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Weil ein Kind dem „Ziel“ zu nahe steht – Sechs hat Skrupel und gibt damit eine moralische Korsage zu erkennen – schließt sich das Zeitfenster ohne Schuss. In einem Zweikampf stellt sich der Gegenspieler als Kollege Sierra Vier (Ian Stone) heraus, der ihm sterbend ein Amulett mit eingebettetem Datenstick überantwortet. „Bring den Mistkerl Carmichael zu Fall“, sind Viers letzte Worte. Der Stick enthält Zeugnisse über alle möglichen internationalen Schweinereien der Carmichael-Gang. Attentate ohne Genehmigungen, Bombenanschläge mit hohem Kollateralschaden.

Chris „Captain America“ Evans spielt einen Psychoschurken

Und Sechs will ihn nicht herausrücken, um Carmichael zu entlasten. Wonach sich der an Lloyd Hansen (Chris Evans) wendet, einen aus der CIA-Schulung gekickten psychopathischen Folterknecht, der den Auftrag, Sechs auszulöschen, entgegennimmt, als er in Monaco gerade irgendwem Stromstöße durch Metallklammern in den Wangen schickt.

Anlocken soll er ihn mit „jemandem, der ihn und den er liebt“. So kidnappt der irre Lloyd die herzkranke Claire, Nichte des inzwischen verrenteten Teamchefs Fitzroy, für die er mal den Babysitter gespielt hatte. Aufseiten des Protagonisten kämpft die aparte Dani Miranda (Ana de Armas – „James Bond 007: Keine Zeit zu sterben“, 2021), die vom Agency-Ethos ziemlich ernüchterte Einsatzleiterin der Bangkok-Mission.

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Vom Held erfährt man kaum mehr, als dass er gern Kaugummis kaut

Und ab geht die Luzie. Obwohl Gosling ein umwerfender Schauspieler ist, bleibt die Rolle des Sechs rein handlungsorientiert. Vom Protagonisten erfährt man kaum mehr, als dass er trotz seines Jobs relativ anständig ist, dass er unschuldig (wie sonst?) im Gefängnis saß und dass er am besten drauf ist, wenn er einen Kaugummi durch seinen Mund schickt. Chris Evans freut sich sichtlich, mal nicht der smarte, gute Captain America sein zu müssen und sieht in der Rolle des Übeltäters aus, als weile Popstar Freddie Mercury wieder unter den Lebenden – buchstäblich dem Queen-Songmotto „Another One Bites the Dust“ verpflichtet.

Die anderen Figuren weisen kaum einen differenzierenden Pinselstrich auf. Carmichael ist teuflisch, Fitzroy altersnett, Dani gerecht. Man hat über die vollen zwei Stunden das Gefühl, dass Charakterentwicklung so gar nicht auf der To-do-Liste der Russos, respektive ihrer (Mit-)Schreiber Christopher Markus und Stephen McFeely (beide Autoren bei diversen „Avengers“-Streifen) stand. Stattdessen geht es vor allem darum, die Faust im Nahkampf hart aufs Sixpack des Gegners krachen zu lassen.

Die Kämpfe sind so hart, dass dem Publikum die Nieren weh tun

Die Fights des Films – oft in abgedunkelten Räumen – sind so John-Wick-artig handfest, dass dem Publikum bald schon vom Zuschauen Nieren und Leber wehtun. Das biblische Aug-um-Aug-Prinzip findet übertriebene Anwendung – verliert ein Guter zwei Fingernägel, fehlen einem Bösen alsbald zwei Finger. Außer Haue gibt es Schießereien, in deren Verlauf Legionen von Patronen zu Hülsen werden, überdies fliegen Handgranaten, zischen Panzerfäuste, Autos schlagen ein Rad, Hubschrauber nehmen ein Bad – immerzu geht irgendetwas zu Bruch. Die meisten Actionsequenzen gehören dabei zum gehobenen Standard.

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Nur Prag – es wurde eingangs bereits erwähnt – bekommt eine wirklich herausragende Szene ab, in der eine gemütliche Straßenbahn zur Abrissbirne mutiert. Öffis, nein Danke, denkt man, nachdem das Ding erstmal aus der Schiene gesprungen ist. Ein Glück, dass bei dieser Fahrt kein einziger Fahrgast außer Sechs und seinen Häschern in den Waggons war.

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Nicht nur eine Fortsetzung könnte folgen. Schließlich hat Mark Greaney bis 2021 zu seinem hierzulande nicht so bekannten Roman neun „Gray Man“-Sequels geschrieben. Ob das passiert, wird wohl mit von den Streamingfans mit den Füßen entschieden werden. Ryan Gosling ist als Nächstes im Juli nächsten Jahres für Greta Gerwig ganz anders unterwegs – als Ken an der Seite von Barbie – und hat auch sonst einige Projekte am Start. Man könnte es also auch mal bei einem „Ende gut, viele tot“ bewenden lassen. Nicht aus jedem einigermaßen sehenswerten Ratatazong muss gleich ein Franchise werden.

„The Gray Man“, Film, 129 Minuten, Regie: Joe und Anthony Russo, mit Ryan Gosling, Chris Evans, Ana de Armas, Billy Bob Thornton, Regé-Jean Page (ab 22. Juli bei Netflix)

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