Netflix-Serie “Gerichtsverfahren in den Medien”: Seifenoper im Gerichtssaal

  • Der Streamingdienst Netflix spürt sechs spektakulären Gerichtsprozessen der vergangenen Jahrzehnte nach.
  • Die beunruhigende These: Das US-Rechtssystem hat sich durch die Liveübertragung aus dem Gericht verändert.
  • Mit Gerechtigkeit ist unter diesen auf Publicity fixierten Bedingungen nicht unbedingt zu rechnen.
|
Anzeige
Anzeige

Die Sache schien sonnenklar. Amadou Diallo hatte am 4. Februar 1999 nichts anderes getan, als im Eingang seines Wohnhauses zu stehen und nach dem Türschlüssel zu kramen. Der 23-Jährige stellte für niemanden eine Gefahr da. Er plante kein Verbrechen. Er stand nicht unter Drogen. Dann näherte sich ein Zivilwagen der New Yorker Polizei. Diallo, der junge Mann aus Guinea, der in den USA sein Glück suchte, wurde von 41 Kugeln durchsiebt. Diallo starb auf der Türschwelle. Die vier Polizisten gaben an, sie glaubten, eine Waffe in der Hand des Getöteten erspäht zu haben. Sie schluchzten beim Prozess, sie zeigten sich reuig. Die Öffentlichkeit schaute zu: Die Bilder wurden in die Wohnzimmer übertragen. Die Männer wurden freigesprochen. Sie gingen weiter ihrem Job nach und erfüllten die Law-and-Order-Politik von Bürgermeister Rudolph Giuliani. Wie konnte das sein? Der Sender Netflix spürt in einer verdienstvollen Reihe sechs spektakulären Gerichtsprozessen der vergangenen Jahrzehnte nach. Der Fall Diallo ist einer davon.

Rassismus grassiert noch immer in den USA

Auch in einem zweiten um vier 1984 in einer New Yorker U-Bahn angeschossene Schwarze spielt Rassismus eine entscheidende Rolle. Der Schütze Bernhard Goetz berief sich auf Notwehr, die Jugendlichen hätten ihn überfallen wollen. Der Prozess spaltete die Öffentlichkeit. In New York waren T-Shirts mit der Aufschrift “Fahr mit Bernie, er kriegt sie“ im Angebot. Am Ende wurde der “Subway-Rächer“ allein wegen illegalen Waffenbesitzes belangt. Einer der Zeitzeugen spricht im Rückblick desillusioniert von der “Furcht vor dem bösen schwarzen Mann an der Ecke“, die noch immer in den USA grassiere.

Anzeige

George Clooney produziert die Dokus

In anderen Fällen geht es um tödliche Homophobie, um die Vergewaltigung einer jungen Frau, um korrupte Geschäftsleute (der schwerreiche Unternehmer Richard Scrushy kaufte sich gleich selbst eine religiöse Talkshow, um sich während des Prozesses gegen ihn reinzuwaschen) und korrupte Politiker (Gouverneur Rod Blagojevich, von Donald Trump begnadigt). Produziert wurden die Dokus unter anderem von George Clooney. Mag sein, dass europäische Zuschauer von diesen Geschehnissen wenig gehört haben. Das Hinschauen lohnt umso mehr – schon deshalb, weil ein Gerichtsprozess wie jede gute Geschichte auf einen Höhepunkt zusteuert. Geschworene fällen in einem spannungsgeladenen Saal ein Urteil.

Nicht immer stellt die Doku den letzten Stand des Geschehens da: Oft werden vor dem Abspann ein paar Sätze nachgereicht – auch im Fall von Amadou Diallo: Die New Yorker Poizeieinheit wurde Jahre später wegen “Racial Profiling“ aufgelöst. Diallos Mutter bekam 3 Millionen Dollar vom Staat zugesprochen und gründete eine Stiftung für schwarze Kinder.

Anzeige

US-Prozesse werden zu TV-Ereignissen

Man lernt viel über die US-Gesellschaft – und noch mehr über den Druck, dem die Justiz ausgesetzt ist: Jede Prozessminute wird live übertragen, anmoderiert wie ein Sportereignis, bei dem man zwischendurch zum Kühlschrank gehen kann, wenn auch die Geschworenen Frühstückspause machen. „Sie verpassen nichts“, beruhigen die TV-Moderatoren. Das US-Rechtssystem hat sich durch diese publicityträchtige Form verändert. Es wurde deformiert. Das ist die These hinter diesen Dokumentarfilmen. Sie scheint erschreckend wahr, wie Interviews mit Prozessbeteiligten zeigen: Mit Haifischgrinsen nehmen sie Stellung zu den Fällen und weiden sich an ihrer einstigen Cleverness bei der Beeinflussung der Jury.

Anzeige

Wenn der Gerichtssaal zum Zirkus wird

Ein besonders drastischer Fall: die Vergewaltigung von Cheryl Araujo durch sechs Männer auf dem Billardtisch einer Bar in New Bedford in Massachusetts. Die 21-Jährige hatte sich bloß ein Päckchen Zigaretten kaufen wollen. Andere Kneipenbesucher johlten, während sie stundenlang gequält wurde. Ein heute immer noch schrecklich unbedarft wirkender Richter erzählt, wie er sich 1983 entschied, den Fall live übertragen zu lassen – als ein Beispiel direkter Demokratie. Nicht einmal den Persönlichkeitsschutz der jungen Frau gewährleistete er.

Bald schon hing das Publikum wie bei einer täglichen Seifenoper vor den Fernsehgeräten. “Das ist hier kein Fernsehen, auch wenn wir im Fernsehen sind“, beschwört ein Staatsanwalt die Geschworenen im Saal. Die Stimmung des Volks draußen beeinflusste das Geschehen drinnen: Ernsthaft wurde diskutiert, ob Cheryl Araujo selbst schuld gewesen sei, weil sie sich allein in die Kneipe begeben habe. Hilfseinrichtungen beklagten, dass Frauen sich nun noch mehr davor fürchteten, Vergewaltigungen zur Anzeige zu bringen. Auf den Straßen marschierten Tausende für die zu wenigen Jahren Haft verurteilten Vergewaltiger. Das Opfer Cheryl Araujo musste nach Florida umziehen. Sie starb bei einem Autounfall betrunken hinter dem Steuer. Die Wörter, die Beobachter am häufigsten in dieser Serie nennen, lauten „Spektakel“, „Show“, „Zirkus“. Mit Gerechtigkeit im Gerichtssaal ist nicht unbedingt zu rechnen.

„Gerichtsverfahren in den Medien“, bei Netflix, sechs Episoden.

RND

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen