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Netflix-Film „Eine Handvoll Worte“: Alte Hitchcock-Bilder treffen auf 21. Jahrhundert

  • Im Netflix-Film „Eine Handvoll Worte“ (bereits streambar) nach dem Roman von Jojo Moyes wird erprobt, wie weit das Herz sich dehnen kann.
  • Er erzählt die Geschichte von Anthony und Jennifer, die sich in den 60ern Liebesbriefe schreiben. Gespiegelt wird das Paar von einem aus der Gegenwart.
  • Bilder aus alten Hitchcock-Filmen werden garniert mit Episoden aus dem 21. Jahrhundert.
Lars Grote
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Es startet wie beim Werther, den Goethe in die Welt gesetzt hat, als er von der Liebe noch so drastisch wie vom Urknall sprach. „Ach Geliebte, ich lebe nicht, wenn ich nicht bei dir bin.“ Geschrieben mit Federhalter, nicht per Whatsapp. Nicht von Werther an Lotte, sondern von Anthony O’Hare (Callum Turner) an Jennifer Stirling (Shailene Woodley). Er ist ein Finanzjournalist, sie die Frau eines reichen Industriellen. Nicht Goethe hat die beiden in die Spur gesetzt, sondern die britische Autorin Jojo Moyes. Das hat Konsequenzen: Werther hat sich erschossen, Anthony O’Hare kommt mit Sorgenfalten davon.

Der Netflix-Film „Eine Handvoll Worte“ hat sich am gleichnamigen Roman von Moyes (2010 auf Englisch erschienen) orientiert, das bedeutet, es geht hier nur in zweiter Linie psychologisch zu, eher wird erprobt, wie weit das Herz sich dehnen und verstellen kann, bevor es bricht. Das Unglück ist der Motor, das Glück in Reichweite, und doch erscheint diese Erfüllung wie die Fantasie aus einer anderen Welt. Man träumt von ihr, man buchstabiert sie aus, man schmeckt sie bei dem ersten, folgenlosen Kuss, doch der Schritt hinüber in die andere Welt wird nicht gewagt.

Moyes Bücher sind wertkonservativ

Moyes Bücher sind wertkonservativ, die Liebe wird hier nicht verjuxt, eher bricht sie unter der Gedankenlast. Genau so hält es auch der Film von Regisseurin Augustine Frizzell, der zwingend in den Sommer gehört, weil sein Drama von Hitze und kühlen Drinks beglaubigt wird. Beides kitzelt uns im Bauch, doch die Wirkung hält nicht ewig.

In weiten Teilen sucht der Film sich als Kulisse die Riviera, er blickt zurück in sündhaft schönen Bildern auf den Sommer 1965, als Anthony und Jennifer sich Briefe schrieben wie einst Lotte und Werther. Soll sie mit ihm nach New York, wo er einen neuen Job antritt, und ihre Ehe scheiden lassen? Das sind Fragen, die bei Moyes aus dem Bauch heraus entschieden werden. Ganz gleich, wie eine Antwort ausfällt, sie gilt als unbefriedigend.

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Französische Küste hat immer schon getaugt für den ersten Kuss

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Die französische Küste hat im Kino immer schon getaugt für einen sehr verzögerten, am Ende aber ziemlich eruptiven ersten Kuss – und dieser Landstrich taugt für Bilder von sehr gut polierten, alten Cabrios, für Männerrollen, aus denen man das Lachen rausgestrichen hat, und letztlich auch für Frauen, die auf den zweiten Blick die Trauer von Grace Kelly tragen.

Gespiegelt wird das schöne Paar der glamourösen Sechziger von einem anderen Paar aus unserer Gegenwart. Nein, bei der Journalistin Ellie Haworth (Felicity Jones) und Rory (Nabhaan Rizwan), einem Archivar, wird Glamour nicht mal ansatzweise inszeniert. Im Archiv stößt Ellie auf ein Bündel Liebesbriefe von Anthony und Jennifer, sie möchte die Geschichte haargenau rekonstruieren, aus diesen Briefen baut der Film die Bilder der Riviera. Rory und Ellie stolpern auf Umwegen ins Glück. Eben das, was man bei Moyes Glück nennt.

Verfilmung dieses Buches trägt eine klar weibliche Handschrift

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Wenn die Filmvorlage von der britischen Autorin Jojo Moyes stammt, die für „Eine Handvoll Worte“ 2011 den „Romantic Novel of the Year Award“ in Großbritannien erhielt, dann weiß man, dass die Verfilmung dieses Buches eine klar weibliche Handschrift trägt, mitunter wirkt das wattig, es grenzt an Kitsch. Die ersten Küsse werden von den Frauen eingefordert, sie sind hier forscher als die Männer, was eine interessante Variante ist, jedoch von märchenhaftem Zauber unterlegt ist, nicht zwingend mit plausiblen Dialogen.

Das junge Paar wächst an dem alten Paar, fast mündet das in einer Symmetrie, die gut zu Moyes‘ Büchern passt. Ihre Storys wirken wie auf den Leib geschneidert, passgenau wie ihre Sommerkleider, die in dem Film von Frizzell ohne jede Falte sitzen. Das ist nicht unbedingt ein Vorwurf, denn wer beherrscht die Kunst sonst heute noch, die Bilder aus den alten Hitchcock-Filmen auszupacken, garniert mit Episoden aus dem 21. Jahrhundert, die man für fiebrig halten mag, doch allzu gerne glauben würde?

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