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  • Nemi El-Hassan: WDR erhält offenen Brief - 400 Medienschaffende solidarisieren sich mit „Quarks“-Moderatorin

Offener Brief für „Quarks“-Moderatorin: Medienschaffende solidarisieren sich mit Nemi El-Hassan

  • Nach Kritik an ihrer Teilnahme an antisemitischen Demonstrationen wird Nemi El-Hassan vorerst nicht beim WDR moderieren.
  • Eine Gruppe von rund 400 Menschen aus der Medien- und Kulturbranche solidarisiert sich nun jedoch mit der Journalistin.
  • Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner beklagen eine Kampagne von rechts.
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Köln. Die Journalistin und Ärztin Nemi El-Hassan wird die WDR-Wissenschaftssendung „Quarks“ vorerst nicht moderieren. Nach massiver Kritik an der Vergangenheit der Moderatorin hatte die öffentlich-rechtliche Anstalt die Zusammenarbeit in der vergangenen Woche zunächst ausgesetzt.

Gegen diese Entscheidung regt sich nun jedoch Protest aus der Medienbranche. Rund 400 Autorinnen und Autoren, Journalistinnen und Journalisten, Künstlerinnen und Künstler sowie Comedians haben einen offenen Brief unterschrieben, in dem sie sich mit der 28-Jährigen solidarisieren. Auch zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stehen auf der Liste.

Zu den prominenten Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern gehören etwa der jüdische Pianist Igor Levit, der Comic-Zeichner Ralph Ruthe, die Autorinnen Margarete Stokowski und Carolin Emcke, die Journalisten und Moderatoren Aminata Belli, Louis Klamroth und Thilo Jung sowie der Comedian Aurel Mertz und der jüdische Satiriker Shahak Shapira.

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„Jegliches Maß und Mitte verloren“

Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner zeigen sich „entsetzt über die diffamierende und denunziatorische Art, in der diese Diskussion geführt wird“, wie es in dem Schreiben heißt.

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Die heute 28 Jahre alte El-Hassan hatte im Jahr 2014 an Al-Kuds-Demonstrationen teilgenommen, auf denen in der Vergangenheit immer wieder antisemitische Parolen gerufen worden waren. Nachdem die „Bild“-Zeitung über die Vergangenheit der Journalistin berichtet hatte, distanzierte sich El-Hassan und bezeichnete die Demo-Teilnahme als „Fehler“.

„Nemi El-Hassan hat sich in einem Statement und in einem Interview deutlich zu den Fehlern ihrer Vergangenheit bekannt. Sie hat diese problematisiert, sich von ihnen distanziert, um Entschuldigung gebeten und glaubhaft ihren Wandel dargelegt. Sie setzt sich als Journalistin seit Jahren dezidiert gegen Antisemitismus und Rassismus ein“, schreiben die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner in ihrem offenen Brief. Die aktuelle Debatte habe „jegliches Maß und Mitte verloren“.

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Unterzeichner beklagen Kampagne von rechts

Vielmehr sehen die Autorinnen und Autoren „rassistische Untertöne“ in der Debatte. „Nemi El-Hassan wird aufgrund ihrer palästinensischen Herkunft und ihrer muslimischen Identität zur Zielscheibe von Hass und Hetze. Ein Tiefpunkt dieser Hetze: Live im deutschen Fernsehen auf dem Sender Bild TV bezeichnete der ‚Bild‘-Chefredakteur Nemi El-Hassan mehrmals als Islamistin und sprach ihr die wissenschaftliche Kompetenz aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit ab“, heißt es in dem Schreiben.

Zudem kritisieren die Autorinnen und Autoren, dass die Moderatorin auf Fotos immer wieder mit Kopftuch gezeigt werde, obwohl sie dies schon lange nicht mehr trage. „Solche Bilder, die das Kopftuch mit dem Islamismusvorwurf verknüpfen, bedienen Vorurteile und Ängste vor einer Islamisierung und Unterwanderung der Gesellschaft durch Muslime, die seit vielen Jahren von Rechtspopulisten geschürt werden“, heißt es weiter in dem offenen Brief.

Die AfD etwa habe die Tatsache, dass der WDR die Zusammenarbeit mit Nemi El-Hassan vorläufig ausgesetzt hat, sofort als eigenen Erfolg verbucht. „Wir sagen deutlich: Rechte Diffamierungskampagnen dieser Art gefährden nicht nur Individuen, sondern die gesamte Debattenkultur in einer Demokratie. Es muss Platz für das Eingeständnis von Fehlern, aus denen man gelernt hat, und für Abbitte geben – ohne Gefahr zu laufen, innerhalb weniger Stunden vor den Trümmern der eigenen Existenz zu stehen.“

WDR soll Entscheidung überdenken

Die Autorinnen und Autoren bitten nun den WDR, die Entscheidung über die Moderation der Sendung „Quarks“ zu überdenken. „Alles andere wäre ein fatales Signal. Denn das würde bedeuten, dass Menschen in unserer Gesellschaft eine positive Entwicklung nicht zugestanden wird“, heißt es weiter.

Am 10. September hatte der WDR neben El-Hassan auch Florence Randrianarisoa als neue Moderatorin der Wissenschaftssendung „Quarks“ angekündigt. Beide sollten im Wechsel mit Ralph Caspers durch die Sendung führen. Hintergrund der neuen Personalie war der Weggang der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, die zum ZDF gewechselt war.

RND/msc

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