NDR verzichtet auf ESC-Vorentscheid - das Publikum bleibt außen vor

  • Wer vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest? Darüber entscheiden in diesem Jahr zwei Expertenjurys.
  • Das TV-Publikum darf nicht mitentscheiden. Der NDR erhofft sich dadurch bessere Siegchancen – und hält den ESC-Kandidaten für Rotterdam noch geheim.
  • ESC-Experte Imre Grimm hat Zweifel, ob das alles helfen kann.
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Nach dem desaströsen Abschneiden Deutschlands beim Eurovision Song Contest im vergangenen Jahr verzichtet der NDR in diesem Jahr erstmals seit 2009 wieder auf einen nationalen Vorentscheid. Nicht das Fernsehpublikum entscheidet über den deutschen Teilnehmer des paneuropäischen Popwettbewerbs im Mai in Rotterdam, sondern zwei Expertenjurys. Sie haben ihre Wahl bereits getroffen – den Namen des Siegers hält der Sender aber noch geheim.

Erstmals seit elf Jahren also bleibt das deutsche TV-Publikum außen vor. Damals hatte das deutsche ESC-Team sich aus Gründen, die im Nebel liegen, für die Hamburger Formation Alex Sings Oscar Swings! entschieden. Das blutleere Duo landete mit einer eiskalt-altmodischen Performance auf dem 20. von 25 Plätzen – ungeachtet der eigens eingeflogenen Burlesque-Ikone Dita Von Teese, die mit einer gewiss bezirzend gemeinten Räkeldarbietung überwiegend Verwirrung stiftete.

Vorletzter Platz in Israel: Die S!sters Carlotta Truman (l.) und Laura Kästle beim ARD-Vorentscheid "Unser Lied für Israel" in Berlin am 22. Februar 2019. © Quelle: imago images/Gartner
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Es ist ein riskanter Schritt

Der Verzicht auf eine öffentliche deutsche Kandidatenwahl ist also keine Premiere: Insgesamt gab es in 64 Jahren Eurovision insgesamt zehnmal keinen deutschen Vorentscheid. Ein riskanter Schritt ist es dennoch. Denn ohne Zweifel wird schnell der Vorwurf der Publikumsentmündigung laut werden. Zwar gibt es kein Menschenrecht auf demokratische Teilhabe an der Auswahl eines ESC-Kandidaten. Bundestrainer Jogi Löw lässt über die Aufstellung der Fußball-Nationalelf schließlich auch nicht demokratisch bei 80 Millionen Co-Trainern abstimmen. Aber der ESC ist auch ein Gesellschaftsspiel – und ohne Gesellschaft spielt es sich eben schlechter. Rückenwind aus der Heimat ist beim ESC nicht entscheidend. Aber wenn es dem Land völlig wurscht ist, wer warum was singt, weil es nichts dazu beitragen konnte, hilft das auch wenig bei der Erzeugung eines gewissen nationalen ESC-Momentums, wie es Stefan Raab einst meisterhaft gelang.

Das Prozedere also hat der NDR verraten – den Sieger des Verfahrens noch nicht. Wer mit welchem Titel im ESC-Finale für Deutschland antreten wird, zeigt der ARD-Tochtersender One erst am Donnerstag, 27. Februar, um 21.30 Uhr in der 45-minütigen Sendung „Unser Lied für Rotterdam“. Die Show ist nicht live (warum auch? Es gibt ja nichts zu entscheiden). Moderatorin ist Barbara Schöneberger.

Vierter Platz für Deutschland: ESC-Teilnehmer Michael Schulte und Dauermoderatorin Barbara Schöneberger.
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Zwei Jurys mit 120 Mitgliedern – statt der TV-Zuschauer

Mit 2,88 Millionen Zuschauern war der Vorentscheid 2019 auf das geringste Interesse seit sieben Jahren gestoßen. Auch das dürfte eine Rolle gespielt haben. Man hofft aber auch, sich auf diese Weise auf einen einzigen Song und eine einzige Inszenierung konzentrieren zu können, die dem Kontinent dann tatsächlich mal die Schuhe ausziehen soll. Oder wie ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber sagt: „Mit der Platzierung in Tel Aviv sind wir selbstverständlich nicht zufrieden. In Rotterdam wollen wir wieder an den Erfolg von 2018 anknüpfen.“ Das deutsche Duo S!sters mit Carlotta Truman und Laura Kästel war in Israel auf dem vorletzten von 26 Plätzen gelandet. Im Jahr zuvor war Michael Schulte Vierter geworden.

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Wer also sind die Entscheider, wenn es nicht das Publikum sein wird? Immerhin war es kein graues Gremium interessengesteuerter Plattenfirmenbosse. Zum Einsatz kamen stattdessen eine „Eurovisions-Jury“ mit 100 Mitgliedern aus ganz Deutschland – und eine internationale Expertenjury aus 20 „Musikprofis“, die allesamt schon einmal zur nationalen ESC-Jury ihres Heimatlandes gehörten. Auch beim ESC setzten sich die vergebenen Punkte schließlich je zur Hälfte aus der Wahl der Zuschauer und der Wahl der nationalen Jurys zusammen. An diesem Verfahren habe man sich orientiert, betont der NDR. Die Jurys sichteten insgesamt 600 Künstler, bevor der Sieger feststand. Er sei „zuversichtlich, dass die Wahl auch bei den ESC-Fans auf sehr breite Zustimmung und – wie wir hoffen – auf Begeisterung stoßen wird“, sagte Schreiber.

Der drohende Zorn des Popsouveräns

Unter allen Umständen will der Sender den Eindruck vermeiden, die Entscheidung sei im stillen Kämmerlein getroffen worden. Immerhin seien rund 2,26 Millionen Menschen in Deutschland über soziale Netzwerke eingeladen worden, Teil der Eurovisionsjury zu werden. Am Ende hätten 15.000 Menschen bei einer Online-befragung mitgemacht. Sie mussten im Vorfeld des ESC 2019 in Tel Aviv die Platzierung von zehn zufällig bestimmten ESC-Beiträgen vorhersagen und so „ihr Gespür für die sichere Einschätzung von ESC-Beiträgen unter Beweis stellen“, heißt es. Von ihnen wurden die besten 100 ausgewählt. Doch allein die Tatsache, dass der NDR die restdemokratischen Aspekte seines neuen Verfahrens so stark betont, verrät schon, dass man durchaus den Zorn des Popsouveräns fürchtet: Antidemokratisch! Geheimabstimmung! Stilles Kämmerlein! Ein sich entmündigt fühlendes Publikum kann recht garstig werden.

Auch die Mitglieder der internationalen Expertenjury seien danach ausgewählt worden, „wessen Einschätzung dem tatsächlichen Ergebnis besonders nahekam“, heißt es. Christian Blenker, neuer ARD-Teamchef für den ESC, schwärmt vom „einmaligen ESC-Instinkt“ der Jurys. Im Übrigen würden auf diese Weise alle Künstler, die zur Auswahl standen, „geschützt“, sagte er. Niemand stehe hinterher als Verlierer da. Allerdings lagen auch sogenannte „Musikprofis“ in den nationalen ESC-Jurys den Vorjahren regelmäßig spektakulär bis absurd daneben.

Der Misserfolg der Vorjahre lag nicht am Publikum

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Man versucht es mit Selbstironie, um dem Volkszorn etwas den Wind aus den Segeln zu nehmen. ESC-Kommentator Peter Urban etwa gibt sich in einem Filmclip gespielt empört:

Aber trotz aller Kompetenzformeln, Humoransätze und Expertisenachweisen: Zehn Jahre nach dem Sieg von Lena Meyer-Landrut in Oslo, nach jener nationalen Welle der Begeisterung also, verzichtet der NDR nun komplett auf die Dienste der Zuschauer. Dass der Erfolg in den letzten Jahren ausblieb, lag aber gar nicht an schlechten oder falschen Entscheidungen des Publikums. Das lag an der erschreckend mangelhaften Qualität der ESC-Songs, die zur Wahl standen. Durchschnittsware gewinnt keine Pop-Europameisterschaft. So war das Publikum ja durchaus in der Lage, Michael Schulte als mit Abstand stärksten Teilnehmer des Vorentscheids 2018 zu identifizieren. Der Lohn für die demokratische Treffsicherheit: Platz vier.

Zur Wahrheit gehört: Tatsächlich war es immer schwierig, den Geschmack traditioneller deutscher Vorentscheidzuschauer und europäischer Popfans in Einklang zu bringen. Was ARD-Zuschauer mochten, traf nicht unbedingt immer den Nerv Resteuropas. Mit dem jetzigen Verfahren aber ist der NDR geradezu zum Erfolg verdammt. Bei einer guten Platzierung wird niemand klagen. Falls es erneut ein deutsches Drama gibt, gibt es allmählich nicht mehr viel, was der Sender noch versuchen könnte.

Das ESC-Finale findet am Sonnabend, 16. Mai, in Rotterdam statt. Das Erste und eurovision.de übertragen live ab 21 Uhr.