NDR-Hörfunkchef im Interview: „Die Dominanz des Formatradios ist vorbei“

  • NDR-Hörfunkchef Adrian Feuerbacher sieht Podcasts nicht als Konkurrenz für das Radio und hält Corona für eine Bewährungschance für den Journalismus.
  • Im RND-Interview spricht er über starken Audiojournalismus, die „ARD Infonacht“, die Zukunft des „Ohrenbärs“ bei NDR Info – und Sparzwänge.
  • „Ich habe immer versucht, keine rosafarbene Soße über Einsparungen zu gießen.“
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Herr Feuerbacher, seit Jahresbeginn sendet der Nachrichtenkanal NDR Info ausschließlich Informationen – 24 Stunden am Tag, auch in der Nacht. Das bedeutete unter anderem, dass die loyalen Jazz- und Pop-Preziosen-Freunde sich umstellen mussten: „Play Jazz“ ist zu NDR Kultur umgezogen, der „Nachtclub“ und die „Nightlounge“ zum Digitalsender NDR Blue beziehungsweise N-Joy. Wie sind Ihre Erfahrungen mit dieser größten Reform seit 20 Jahren?

Tatsächlich gab es in knapp 25 Jahren NDR Info keine so tiefgreifende Änderung. Ich glaube, dass uns das sehr gutgetan und unser Informationsprofil deutlich geschärft hat. NDR Info war mit unseren Musik- und Kinderangeboten, dem Jazz oder den Hörspielen gelegentlich schwer zu entschlüsseln – insbesondere für Hörer, die in diesen Zeiten großen Informationsbedürfnisses erstmals eingeschaltet haben und mit der teils Jahrzehnte alten Programmstruktur nicht vertraut waren. Die haben sich von einem Programm, das NDR Info heißt, nicht ganz zu Unrecht Information erhofft und bei uns dann zwar auch Reizvolles, aber eben etwas ganz anderes gefunden. Das war nicht immer einfach, das haben wir vor allem im Pandemiejahr 2020 gemerkt. Wie richtig der große Schritt zum 24-Stunden-Informationsprogramm war, hat sich beim Sturm auf das Capitol in den USA gezeigt. Die Nachricht fiel in einer der ersten Nächte, in denen wir bundesweit durchgehend aktuell gesendet haben. Da haben wir gespürt, was für eine Kraft wir in solchen Momenten entwickeln können.

2,2 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland arbeiten regelmäßig nachts: auf Krankenstationen, Rettungswachen, in Pförtnereien, Sicherheitsdiensten. Das war aber höchste Eisenbahn, dass NDR Info die auch in der Nacht aktuell informiert, oder?

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Das war ein guter Zeitpunkt. Aber deshalb war das, was wir bisher gemacht haben, nicht falsch. Mediennutzung und Medienangebote entwickeln sich weiter, und in einer Zeit wachsender Vielfalt auch bei Audioprodukten wird ein noch schärferes Profil für einen Radiosender eben wichtiger.

„Ein Inforadio wie NDR Info bietet heute eine Mischung aus Verlässlichkeit und Überraschung“: Nachrichtensprecherin von NDR Info im Studio in Hamburg. © Quelle: picture alliance/dpa

Sie haben dafür mit dem MDR die Verantwortungen getauscht: Der MDR macht jetzt die „ARD Hitnacht“, der NDR dafür die „ARD Infonacht“”, die bisher vom MDR kam. Ist der MDR bei Pop und Schlager stärker als bei Nachrichten?

In so einer Situation geht es darum, die Aufgaben innerhalb der ARD fair und effizient zu verteilen. Also haben wir uns mit dem MDR auf diesen Tausch verständigt.

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Sie haben gesagt, dass Sie in der Nacht „nicht nur informieren, sondern auch inspirieren wollen”. Was bedeutet das konkret?

Wir setzen zum Beispiel immer wieder aktuelle Podcasts ein – nicht zwingend komplette Folgen, aber immer wieder lange Auszüge. Das hat sich als sehr reizvoll erwiesen, wir machen gute Erfahrungen damit. Generell versuchen wir in der Nacht, uns noch mehr Zeit für Hintergründe und Vertiefung zu nehmen und nicht nur frontal zu berichten.

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Der Podcastboom stehe für Qualitäten, die „wir im Radio mancherorts ein bisschen verlernt hatten“, haben sich jüngst gesagt. Was meinen Sie damit?

Es gab eine Zeit, in der das Formatradio eine große Dominanz hatte. Die Vorstellung war damals bei einigen, dass Radio möglichst wenig Störfaktoren aufweisen sollte, damit Menschen lange dranbleiben. Wie gut, dass diese Zeit schon eine Weile zurückliegt.

Damals hieß es immer, man müsse „Ausschaltgründe eliminieren“ – statt Einschaltgründe zu schaffen.

Das ist Vergangenheit. Ich glaube, dass über die Podcasts ein größeres Bewusstsein zu uns Radiomachern zurückgekehrt ist, was für eine Kraft Nähe, Authentizität und dialogischeres Erzählen haben. Wir würden einen Fehler machen, wenn wir Podcasts als Konkurrenz sähen. Eigentlich ist es eine Stärkung und Ermutigung, eine Erinnerung daran, was auch lineares Radio stark macht. Ich habe Zweifel, dass es ein guter Weg in die Zukunft wäre, zwischen der Radio- und der Podcastwelt zu differenzieren. Für Hörer und Nutzer ist es doch viel wichtiger, ob sie eine gute, interessant erzählte, relevante und glaubwürdige Geschichte hören. Deshalb sind wir bei NDR Info am Sonntag, aber zum Teil auch unter der Woche und tagsüber deutlich mutiger geworden, Podcasts ins Programm zu nehmen. Und zwar nicht mit einem „Achtung! Jetzt kommt etwas ganz anderes“-Schild, sondern mit großer Natürlichkeit. Einfach, weil es guter Audiojournalismus ist.

„Wir würden einen Fehler machen, wenn wir Podcasts als Konkurrenz sähen“: NDR-Hörfunkchef Adrian Feuerbacher. © Quelle: NDR/Thomas Pritschet

Joachim Knuth, der bisherige Hörfunkchef und jetzige NDR-Intendant, ist der Überzeugung: „Hören ist das neue Lesen“. Es gibt einen großen Trend zu Sprachnachrichten, Audioangeboten, Podcasts, Clubhouse. Dennoch gilt Radio als Nebenbei-Medium, dem es schwerfällt, seine Hörer über eine Hardcore-Fanbase hinaus zu konzentriertem Zuhören zu verführen. Wie sehen Sie das?

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Ein Inforadio wie NDR Info bietet heute eine Mischung aus Verlässlichkeit und Überraschung. Wer einschaltet, der weiß: Es wird nicht allzu lange dauern, dann bekomme ich ein aktuelles Nachrichtenupdate. Daran wollen wir festhalten. Darüber hinaus hat sich das Programm schon deutlich verändert. Wir verschieden uns immer weiter von formalen Längenvorgaben. Bis vor gar nicht langer Zeit durfte ein Thema drei bis dreieinhalb Minuten dauern. Heute können es acht oder neun oder 20 Minuten sein. Die Frage ist nicht mehr „Wie viel Zeit haben wir?“ Sondern „Wie viel Zeit braucht das Thema?“

Die Nachfrage nach seriösem Journalismus ist seit Beginn der Corona-Krise enorm gestiegen. Was glauben Sie: Wie nachhaltig ist dieser Zuspruch? Sehen Sie die Krise auch als Chance, sich als öffentlich-rechtliche Medien als unverzichtbar zu erweisen? Und nutzen Sie sie?

Ich bin überzeugt, dass das eine große Chance ist. Und es besteht gar kein Zweifel daran, dass wir sie nutzen. Das zeigt zum Beispiel der enorme Erfolg des NDR-Info-Podcasts „Das Coronavirus-Update“ mit Christian Drosten und Sandra Ciesek aus unserer Wissenschaftsredaktion. Die Abrufe gehen inzwischen auf 90 Millionen zu. Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass wir damit die Marke und Vertrauenswürdigkeit von NDR Info auch vielen Menschen nahegebracht haben, die uns bislang noch nicht kannten. Damit geht auch eine große Verantwortung einher, den Job möglichst gut zu machen. Diese Herausforderung ist in der Corona-Krise ja nicht kleiner, sondern viel größer geworden. Es geht um verlässliche Informationen und belastbare Fakten, aber zugleich auch darum, eine sehr plurale, oft strittige und sehr gegensätzliche Interpretation dieser Fakten zuzulassen und abzubilden. Das macht sich nicht von selbst. Wenn uns Journalisten das insgesamt gut gelingt, haben wir die Chance, dieses hohe Nutzungsniveau ein Stück weit in die Zukunft mitzunehmen.

"Es gibt im NDR insgesamt nur wenige Bereiche, die komplett von Kürzungen ausgenommen sind": Nachrichtensprecherin von NDR Info im Studio in Hamburg. © Quelle: picture alliance/dpa

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steckt mitten im Umbruch. Sie müssen das Kunstwerk vollbringen, die Ausgaben fühlbar zu kürzen und gleichzeitig in die digitale Zukunft zu investieren. Allein der NDR muss in den kommenden vier Jahren mindestens 300 Millionen Euro einsparen. Was bedeutet das für den Hörfunk?

Für uns hat das bedeutet, dass wir uns einen sehr intensiven Prozess der Priorisierung auferlegt haben. Da ging es weniger um die Frage „Was drohen wir zu verlieren?“ als vielmehr um die Frage „Wo liegen unsere Stärken?“. Das Ergebnis war unter anderem die Entscheidung für ein 24-Stunden-Infoprogramm. Bei der Einsparsumme ist die zunächst ausgebliebene Beitragserhöhung übrigens noch gar nicht mit eingerechnet.

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Dennoch leistet sich der NDR weiterhin elf Radioprogramme, zwei Orchester, elf verschiedene Apps, einen Chor und die NDR-Bigband. Können Sie eine Bestandsgarantie abgeben?

Das kann angesichts der schwierigen finanziellen Situation niemand. Als Chefredakteur und Programmchef habe ich ein sehr starkes Bewusstsein dafür, für was ich streiten und werben muss. Dazu gehört der Fortbestand von investigativer Recherche, unabhängiger Information und regionaler Verwurzelung in Norddeutschland.

Aber gehört dazu auch das Radioprogramm für Kinder? Wie lange wird es zum Beispiel den immer mal auf der Kippe stehenden „Ohrenbär“ bei NDR Info noch geben?

Wir haben im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem RBB, mit dem wir beim „Ohrenbär“ ja kooperieren, eine Menge Energie darauf verwendet, dieses Angebot unter viel schwierigeren Rahmenbedingungen aufrechterhalten zu können. Und ich bin stolz und froh, dass uns das gelungen ist. Das neue Kinderangebot auf NDR Info Spezial – Werktag für Werktag eine ganze Stunde – bedeutet eine Verdoppelung der Sendezeit für Kinder und zeigt, was mit klugen ARD-Kooperationen möglich ist. Der „Ohrenbär“ kann dort übrigens zweimal laufen, nicht nur zur angestammten Zeit um 19.50 Uhr, sondern zusätzlich um 18.50 Uhr für Kinder, die früher ins Bett gehen.

Trotzdem wirkt es, als planten Sie mittelfristig, NDR Info zum reinen Erwachsenensender zu machen und die Kinderinhalte ins Digitalradio und in die Audiothek auszulagern.

Das Ziel ist in der Tat, nonlineare Kinderangebote außerhalb des klassischen Radios zu stärken, damit Familien sie dann nutzen können, wenn sie sie gebrauchen können. Darüber mache ich mir als Familienvater keine Illusionen: Kinder und Eltern brauchen Rituale wie den „Ohrenbär“, aber zugleich wollen sie verstärkt Inhalte dann nutzen, wenn sie Zeit und Lust dazu haben. Aber diese Veränderung ist bei NDR Info ein Prozess, keine Lichtschalter-an-aus-Entscheidung.

Sie haben der Kinderredaktion versichert, dass fast 80 Prozent des Etats und alle Stellen erhalten bleiben. Aber „Sparzwänge werden sich irgendwo widerspiegeln”. Wo tut es weh?

Es gibt im NDR insgesamt nur wenige Bereiche, die komplett von Kürzungen ausgenommen sind. Eine dieser Ausnahmen bei NDR Info ist der Bereich der Investigativen Recherche. Das ist eine öffentlich-rechtliche Kernaufgabe in Zeiten, in denen viele andere diese Arbeit nicht mehr leisten können. Wenn Sie fragen, wo es weh tut: Ich habe großen Respekt davor, wie zum Beispiel die „Nachtclub“-Redaktion mit einer für sie deutlich schwierigeren finanziellen Situation umgeht. Ich habe immer versucht, keine rosafarbene Soße über Einsparungen zu gießen und keine bunten Girlanden über etwas zu flechten, was Kollegen wehtut und zu programmlichen Einschnitten geführt hat.

Der “Nachtclub” ist mit beschnittenem Budget künftig nicht mehr bei NDR Info, sondern beim Digitalsender NDR Blue auf DAB+ zu hören.

Ich finde es großartig, dass die Kollegen aus dieser schwierigen Situation auch eine Chance machen, indem sie zum Beispiel neue Angebote für NDR Blue oder bei N-JOY für ein jüngeres Publikum entwickeln und sich mit der musikjournalistischen Marke “Nachtclub” dort auch ein jüngeres Publikum erobern. Aber natürlich tun die finanziellen Einschnitte auch weh, keine Frage.

Blicken wir mal über das Nachrichtengeschäft hinaus: Was muss denn eigentlich das Popformatradio tun, damit es zwischen Spotify, Deezer, Apple Music und Internetradio eine Zukunft hat? Und können Sie Menschen verstehen, die sich vom Formatradio abwenden, weil sie diese Dauerbespaßung, diese zwanghaft gute Laune nicht mehr ertragen?

Ich bin Programmchef von NDR Info und leide in dieser Funktion nicht an Unterbeschäftigung, deshalb bin ich für den Popwellenmarkt momentan kein Experte. Ich habe aber auf gute Popradios einen deutlich weniger kritischen Blick als Sie. Was die Kollegen dort tun, hat sehr viel mit Emotionalität und Authentizität zu tun, und zwar nicht nur bei harmlosen und erfreulichen Themen.

Halten Sie eigentlich das Digitalradio DAB+ als mittelfristigen Ersatz des UKW-Netzes für eine sinnvolle Investition? Nicht wenige Kritiker sprechen von einer überflüssigen „Brückentechnologie“– man solle stattdessen gleich auf das setzen, was sich am Ende ohnehin durchsetzt: Internetradio.

In der Debatte um DAB+ und UKW muss es auch um Unabhängigkeit gehen. Es macht schon einen Unterschied, ob wir das Programm aus eigener Kraft und mit eigener Verbreitungstechnik ausstrahlen können, oder ob wir ein Stecker am Ende eines Kabels sind, der ein Programm in eine externe Onlineplattform eines Dritten einspeist. Wenn einem etwas an unabhängigem öffentlich-rechtlichen Rundfunk liegt, dann ist das eine wichtige Abwägung. Und deswegen bin ich ein Fan von DAB+. Ich glaube übrigens, dass die von Ihnen zitierte Kritik im Alltag der allermeisten Menschen keine große Rolle spielt. Häufig erlebe ich Hörer, die gar nicht realisieren, dass Sie DAB+ längst nutzen, weil das Radio eben aussieht wie ein Radio oder der Empfang im neuen Auto über DAB+ funktioniert.

Spätestens bei den Kosten dürfte der Beitragszahler dann aber wieder Interesse zeigen. Der Aufbau des DAB+-Netzes kostet rund 600 Millionen Euro. Das ist eine Menge Geld für eine „Brückentechnologie“. Und die Privatsender zögern, sich an diesen Kosten zu beteiligen. Was hielten Sie von einer staatlichen Abwrackprämie für alte UKW-Radios?

Ein schönes Gedankenspiel. Ich glaube aber, dass das Publikum gerade ganz andere Sorgen hat als den Austausch ihrer Endgeräte. Im Moment ist es viel wichtiger, dass wir so einfach und so niederschwellig wie möglich verlässliche Informationen verbreiten.

Sie sind in Schwaben und Frankfurt aufgewachsen und kamen 1998 nach dem Studium – und wenige Wochen nach dem Start des neuen Informationssenders NDR 4 – als Reporter und freier Mitarbeiter für Nachrichten, Wetter und Verkehr nach Hamburg. Was bringen Sie aus dem Süden mit, was im Norden hilft?

Interessante Frage! Darüber habe ich so noch nie nachgedacht. Es bedient ein wirklich saublödes Klischee, aber ich glaube, dass ich ganz passabel mit Geld umgehen kann. Und das kommt mir als Programmchef und Chefredakteur in finanziell schwierigeren Zeiten durchaus zupass.

Zur Person

Adrian Feuerbacher, geboren 1973 in Leonberg in Baden-Württemberg, ist Leiter des Radioprogramms NDR Info und Chefredakteur des NDR Hörfunks. Er studierte Volkswirtschaft und Sozialwissenschaften in Göttingen und Chapel Hill (North Carolina) und arbeitete dann als freier Mitarbeiter für die Nachrichten und Moderator bei NDR Info. 2003 wurde er Korrespondent für die NDR Radioprogramme im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin. 2008 kehrte er nach Hamburg zurück und arbeitete bis 2013 als Referent des NDR-Hörfunkdirektors und jetzigen NDR-Intendanten Joachim Knuth. Bis 2020 leitet er bei NDR Info die Programmgruppe Politik und Aktuelles und war Stellvertreter der Programmchefin Claudia Spiewak, die Ende Januar 2020 in den Ruhestand ging.

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