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Kokain und Kugelhagel – die letzte Staffel des Netflix-Drogenwesterns „Narcos: Mexico“

Sein Aufstieg verläuft nicht unblutig: Amado Carillo Fuentes (José María Yazpik) in einer Szene der dritten und letzten Staffel von „Narcos: Mexico“.

Jesus hängt auch in den Stuben derer im tief katholischen Mexiko, für die Nächstenliebe unter Umständen schon bedeutet, den Nächsten schnell und ohne Qualen zu töten. Jesus hängt im Gipfel seines Schmerzes, mit Dornen gekrönt, die Seite von einem römischen Speer verwundet, an die gekreuzten Balken genagelt in den Domizilen der Drogenbosse oder in denen korrupter mexikanischer Politiker und Polizisten. Die Mobster hören die salbungsvollen Worte des Pfaffen, bekreuzigen sich und singen zuweilen gar die frommen Lieder. Um hernach wieder das Lied vom Tod zu spielen.

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Eine Journalistin wird aufmerksam: Andrea Nunez (Luisa Rubino) merkt, dass sich irgendetwas im Sozialgefüge von Tijuana verändert. Die Tochter des Drogenhauses Arellano heiratet einen Anwalt der ältesten Kanzlei in der Stadt. „Das wäre vor zwei Jahren nie gegangen“, weiß Nunez. Das Fest bei den Arellanos verläuft denn auch glanzvoll, bis ein Mitglied eines rivalisierenden (dennoch eingeladenen) Kartells das Brautpaar vom Katzentisch her obszön beleidigt. Das reicht aus für einen Todesfall während der Hochzeit. Der Witzbold wird vor den Augen der Reporterin aus der feinen Gesellschaft entfernt und bekommt Beihilfe beim Ertrinken in einem Zierteich.

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„Narcos: Mexico“ ist auch in der dritten Staffel eine unglaublich gewaltgeladene, unglaublich dichte und spannende Gangstersaga mit ambivalenten Charakteren – man hegt auch heimliche Liebe zu manchem Bösewicht. Wie im Western von den „glorreichen Sieben“ geht es zu – nur mit Autos, Flugzeugen und Pumpguns, zeitlich angesiedelt in den frühen Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts.

Der Sheriff/gute Cowboy – Agent Walt Breslin (Scoot McNairy) von der amerikanischen Drogenvollzugsbehörde DEA ist wieder am Start. Ein magerer Terrier, der sein privates Glück dem beruflichen Erfolg unterordnet. Nach mehreren Todesfällen in seiner nächsten Umgebung ist der Kampf für den Mann mit dem traurigen Blick persönlich geworden. Er hofft weiterhin auf den großen Schlag gegen die Banditen/mexikanischen Kartelle, muss aber zunächst hinnehmen, dass die Vögel, die er in den Staatskäfig stecken will, kurz vorm Zugriff ausgeflogen sind. „Ein Unentschieden ab und zu würde schon ausreichen“, so sieht sein Kollege James Kuykendall (Matt Letscher) die Sache. Aber das reicht nicht nicht für Walt Breslin. Er wird nach Tijuana zurückkehren – zum klassischen Western-Showdown.

Amado Carillo Fuentes – ein neuer Drogenboss mit „Vision“

Der große Schurke, der dunkle Held des dritten Mexiko-Westerns von Carlo Bernard und Doug Miro, ist Amado Carillo Fuentes (José María Yázpik), der sich gleich zu Beginn der finalen Staffel eine spektakuläre Verfolgungsjagd mit einer Militärpatrouille liefert, die seinen drogenbeladenen Pickup mit einer Flak unter Beschuss nimmt. Im Gefängnis hat er Zeit, Pläne für eine neue, effizientere Nutzung der amerikanisch-mexikanischen Grenze für die Transporte zu schmieden. Er hat eine „Vision“.

Dafür tötet Amado, um Boss zu werden an des Bosses statt, um eine Allianz mit den Kolumbianern zu schmieden. Außerdem will er sich mit dem Politiker Carlos Hank González (Manuel Uriza) verbünden, der korrumpierbar genug erscheint, um seine schützende Hand über Amados Schachzüge zu halten. Im Fernsehen sieht der Gründer des Juárez-Kartells zwar die Nachrichten von der Drogenfront – wie der kolumbianische „Kokainkönig“ Pablo Escobar von einem Spezialkommando erschossen wurde. Amados visionäre Fähigkeiten reichen indes nicht aus, darin die eigene kommende Tragödie zu erahnen.

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Der düpierte El Chapo löst den Krieg der Kartelle aus

Die Drogenpfründe sind klar verteilt in jenen Tagen. Das Arellano-Kartell hält die Grenze zu den USA, gibt den Ton an, das Sinaloa-Kartell aus dem Südwesten muss für seine Transporte durch das Gebiet der Konkurrenten Steuern bezahlen. Einer, der diese Regelung und vor allem das dekadent-herablassende Auftreten der Arellanos als Demütigung empfindet, ist der hitzköpfige Joaquín Archivaldo Guzmán Loera alias El Chapo (Alejandro Edda). Mit einer von ihm angezettelten denkwürdigen Nachtclubschießerei beginnt ein unerbittlicher Krieg der Kartelle. Eine Geschichte von Aufstieg, Glanz und Untergang – es wird wild gestorben, Kollateraltote inklusive. Und dann fängt sich ein Kardinal eine tödliche Kartellkugel ein und das katholische Land erstarrt, um dann wütend auf die Straße zu gehen.

Mexiko kommt nicht gut weg in dieser auf wahren Begebenheiten gründenden Erzählung, die zu Netflix‘ besten Serien zählt. Denn „Narcos: Mexico“ zeigt einen Staat, dem nicht zu trauen ist, in dem jeder des anderen Judas sein könnte, der auf der Kippe zum Scheitern steht. „Narcos: Mexiko“ ist aber auch die Geschichte der Hoffnung der Vertreter eines unabhängigen Journalismus, der für die Wahrheit eintritt statt für das Narrativ von Verlegern oder Politikern und der ständig bedroht wird. So ist diesmal nicht Breslin, sondern die investigative „La Voz“-Reporterin Nunez unsere Erzählerin aus dem Off, die Fakten und Hintergründe mit ironischem Zungenschlag ausbreitet. Sie führt aus, dass ein mexikanischer Polizist mit 150 Dollar Einkommen im Monat (im Gegensatz zu seinen US-Kollegen von der anderen Seite des Rio Grande, die 2000 verdienen) gar nicht überleben kann, ohne einer kriminellen Nebenbeschäftigung nachzugehen.

Einer von diesen nicht ganz astreinen Polizisten (Luis Gerardo Méndez) macht sich in einer Nebengeschichte dennoch auf, ein vermisstes Mädchen zu finden. „Lassen Sie Ihr Herz zu Hause“, rät ihm jemand. Doch das kann Victor Tapia nicht. Und so entdeckt er in schmutzigen Leichenschauhäusern mit kaputter Kühlung immer mehr tote junge Frauen und geht im Alleingang auf die Suche nach Antworten. Er kommt einer weiteren mexikanischen Tragödie auf die Spur – die der unheimlichen „Frauenmorde von Juarez“, die die Spiegelstadt von El Paso bis heute in Angst versetzen. Mutig begibt der Cop sich ins Herz der Finsternis. Jesus hängt auch in seiner Wohnung. Noch ist Mexiko nicht verloren.

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„Narcos: Mexico, dritte Staffel“, von Carlo Bernard, Doug Miro, mit Scoot McNairy, José María Yázpik, Alejandro Edda, Luisa Rubino (bei Netflix streambar)

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