Nach Patt bei der Intendantenwahl: HR-Mitarbeiter wünschen sich Doppelspitze

  • Der Hessi­sche Rund­funk braucht eine neue Leitung. Doch bei der Inten­danten­­wahl Ende Oktober gab es ein Unent­schieden.
  • Die Kandi­daten Florian Hager und Stephanie Weber lagen gleichauf. Im Sender brodelt es.
  • Vor allem die digital­affinen Mit­arbeiter wünschen sich für die nächste Wahl­runde am 3. Dezember eine nahe­liegende Lösung: eine Doppel­spitze. Es wäre eine kleine Revolu­tion.
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Das Wort „Unent­schieden“ ist ein drei­faches Tee­kessel­chen. Es steht sowohl für sport­lichen Gleich­stand als auch für den Schwebe­zustand vor einer Entschei­dung. Drittens schwingt eine gewisse emotionale Unschlüssig­keit mit. Selten hat das Wort so gut gepasst wie bei der Wahl zum neuen Inten­danten des Hessi­schen Rund­funks (HR): Der Sender ist unschlüssig darüber, was er sein will, wie genau er sich reformieren soll und wer maß­geb­lich seine Zukunft gestalten wird.

Es rumort in den Büros und Redak­tionen des HR in Frank­furt, Wies­baden und anderswo. Verstärkt wurde die Unruhe vom Unent­schieden beim ersten Versuch des zustän­digen Rund­funk­rates am 29. Oktober, einen neuen Inten­danten zu wählen. Zur Wahl für die Nach­folge des Ende Februar 2022 in den Ruhe­stand gehenden Inten­danten Manfred Krupp standen zwei Kandi­daten – zuvor benannt von einer zehn­köpfigen Findungs­kommission: Stephanie Weber (50), seit Januar Betriebs­direk­torin des HR, und Florian Hager (45), seit 2015 Grün­dungs­geschäfts­führer von Funk, dem Jugend­angebot von ARD und ZDF, und seit 2020 stell­vertre­tender Programm­direktor und Channel-Manager für die ARD-Media­thek.

Nach­folger oder Nach­folgerin gesucht: Manfred Krupp, Inten­dant des Hessi­schen Rund­funks, geht 2022 in den Ruhe­stand. © Quelle: Sebastian Gollnow/dpa
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Weber oder Hager? Die Inten­dantin oder der Inten­dant des HR werden vom Rund­funk­rat für fünf bis neun Jahre mit einfacher Mehr­heit gewählt. 32 Mitglieder hat der Rund­funk­rat. Sie sollen als Aufsichts­gremium die Allgemein­heit repräsen­tieren und die Interessen der deut­schen Durch­schnitts­bevölke­rung vertreten. So sind unter anderem auch der Hessi­sche Bauern­verband, der Landes­frauen­rat Hessen oder der Hessi­sche Museums­verband perso­nell vertreten. Doch auch nach drei Wahl­gängen stand es Ende Oktober 16 zu 16 zwischen Weber und Hager – ein klassisches Patt. Am 3. Dezember wird nun erneut gewählt.

„Leider konnte kein Ergebnis erzielt werden“

„Das Patt unter­streicht, dass sich zwei heraus­ragende Kandi­daten präsen­tiert haben“, sagte etwas zerknirscht der Rund­funk­rats­vorsit­zende Rolf Müller, der mit Unter­brechungen seit 1987 in dem Gremium vertreten ist. „Leider konnte kein Ergebnis erzielt werden. Der Rund­funk­rat hat die Findungs­kommission erneut beauftragt.“

Und jetzt? Zag­haftig­keit in Zukunfts­fragen ist schäd­lich. Es geht um viel. Zwar gehört der Hessi­sche Rund­funk mit seinen 1700 festen und rund 900 ständigen freien Mitarbei­tern und Mitarbei­terinnen neben Radio Bremen (RB) und dem Saar­ländi­schen Rundfunk (SR) zu den kleineren der neun ARD-Anstalten und wird immer mal als poten­zieller Über­nahme­kandidat für die großen Schwestern WDR oder NDR gehan­delt, aber jede Inten­danten­wahl in der ARD ist immer auch ein wich­tiges Votum über die Zukunft des gesamten Verbundes. Denn die öffent­lich-recht­liche Sender­familie steckt in einem massiven Umbau­prozess: Sie muss erstens sparen und zwei­tens eine Grund­satz­reform stemmen – weg vom analogen, linearen Denken, hin zu einer durch­digita­lisierten, schlankeren, agileren, cross­medial inte­grierten und zukunfts­festen Medien­marke. Der Legiti­mations­druck ist enorm. Die Zukunft von ARD und ZDF hängt auch davon ab, wie wand­lungs­fähig und ernst­haft reform­bereit beide sind.

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Warum nicht eine Doppelspitze?

Nicht wenige Mit­arbeiter und Mitarbei­terinnen des Hessi­schen Rund­funks fragen sich ange­sichts dieser Heraus­forde­rung, warum der Sender bezie­hungs­weise sein Rund­funk­rat nicht die nahe­liegendste Lösung für seine neue Leitung wählt: eine Doppel­spitze. Hager gilt spätes­tens nach dem Aufbau des erfolg­reichen ARD/ZDF-Jugend­portals Funk als multi­mediales Aushänge­schild und promi­nentes Gesicht der digitalen ARD-Zukunft. Weber wiederum war knapp sechs Jahre lang stell­vertre­tende Justi­ziarin des Saar­ländi­schen Rund­funks und verant­wortete dann als Verwal­tungs- und Betriebs­direk­torin die Bereiche Finanzen, Technik, Personal sowie Hono­rare und Lizenzen, bis sie 2021 nach Frank­furt wech­selte. Dem Fach­dienst Medien­korres­pondenz zufolge soll sie den SR auch verlassen haben, weil sie interne Signale empfangen hatte, wonach ihre Ambi­tionen auf das Amt der SR-Inten­dantin in Saar­brücken keine ausrei­chende Unter­stüt­zung finden würden.

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Ein Mann fürs Programm und den digitalen Wandel also, eine Frau mit dem Blick fürs Geld und das betrieb­liche Tages­geschäft – und beide in Treue fest bestrebt, die Eigen­ständig­keit des Hessi­schen Rund­funks zu bewahren. Das klingt wie eine Ideal­lösung. Oder nicht? Es geht immer­hin um einen Sender, der mit Ulrich Tukurs Murot-„Tatorten“ zuletzt stil­prägend mutig war und bei dem seit Januar 2020 auch das neue „ARD-Wetter­kompe­tenz­zentrum“ angesiedelt ist, wo die gesamte Fernseh­wetter­bericht­erstat­tung für das Erste, Tagesschau 24, den WDR, den HR und andere ARD-Anstalten produziert wird.

Ein Minus von 90 Millionen Euro in einem Jahr

„Nicht nur die vermeint­lich jüngeren, digitaler denkenden Mit­arbeiter und Mitarbei­terinnen würden sich sehr freuen, wenn Florian Hager zum HR kommen würde“, sagt ein Mit­arbeiter, der seit Jahren beim Sender arbeitet, aber anonym bleiben möchte. Hager hat sich vor allem unter den jüngeren ARD-Kollegen und -Kolle­ginnen den Ruf einer digitalen Heilands­gestalt erworben, seit Funk sauber läuft und er dabei ist, die ARD-Media­thek zu einer Strea­ming­platt­form umzubauen, die mit den US-Konkur­renten mithalten kann, was Komfort und Inhalte angeht. „Aber die Situa­tion bei uns im HR erfordert im Grunde beide Kompe­tenzen“, sagt der Mitarbeiter – „sowohl das Programm­lich-Visio­näre als auch das Finan­zielle“.

Tatsäch­lich beklagen nicht wenige im HR schon seit Längerem eine gewisse Entschei­dungs­unlust bei ihrem Sender, von einem regel­­rechten Reform­­stau ist die Rede. Der Hessi­sche Rund­funk fährt seit Längerem Minus­ergeb­nisse ein. Im vergan­genen Jahr erzielte er (Beitrags-)Einnahmen von 507 Millionen Euro und gab 597 Millionen Euro aus. Das ergibt unterm Strich ein dickes Minus von 90 Millionen. In nur einem Jahr.

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„Und nun das Wetter für Morgen, Mittwoch, ...“: Sven Plöger, Wetter-Mode­rator der ARD, im TV-Studio des „ARD-Wetter­kompe­tenz­zen­trums" beim Hessi­schen Rund­funk. © Quelle: Boris Roessler/dpa

Viele Beschlüsse zur Neuaus­rich­tung seien längst gefasst, der digitale Wandel längst einge­leitet – die Umset­zung dauere aber viel zu lange, klagen Mit­arbeiter und Mitarbei­terinnen. Die Gründe liegen in all jenen Mängeln, die die gesamte ARD-Familie umtreiben: kompli­zierte Ent­schei­dungs­­prozesse, viel Büro­kratie, ein gewisser Mangel an Mumm und starke Behar­rungs­kräfte. Die Verun­siche­rung der Mit­arbeiter und Mitarbei­terinnen ist groß, Krupp galt nicht gerade als digitaler Reformer, der die Truppe auf die Zukunft einzu­schwören imstande gewesen wäre. Manche ARD-Anstalt ist da schon deut­lich weiter, der NDR etwa.

„Für neue Wege ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht gerade bekannt“

Eine Intendanz Hager/Weber? Es wäre die erste Doppel­spitze einer ARD-Anstalt in 70 Jahren. Das allein ist eine hohe Hürde. „Für neue Wege ist der öffent­lich-rechtliche Rund­funk ja nicht gerade bekannt“, sagt eine lang­jährige leitende Mitarbei­terin. „Wir müssen uns aber verändern. Und dabei würden sich beide Kandi­daten perfekt ergänzen.“ Allein, dass Florian Hager über­haupt bereit sei, zum HR zu wech­seln, sei eine gewaltige Chance. „Das ist, als käme Jürgen Klopp bei einem Dritt­liga­verein vorbei und würde sagen: ‚Ich würde gern hier arbeiten und mache euch einen guten Preis.‘ Das darf man sich nicht entgehen lassen – statt zu sagen: „Och nö, der Bernie vom Stamm­tisch hat das bisher aber gut gemacht.‘“

Was Weber in nur wenigen Monaten im Sender geschafft habe, sei erstaun­lich, ist in Frankfurt zu hören. Sie sei kauf­män­nisch über jeden Zweifel erhaben und werde drin­gend gebraucht. Gleich­zeitig sei Hager als Mann mit digitalen Meriten und einer Vision für die Zukunft der ARD als multi­mediale Platt­form der perfekte Neu­zugang. „Sehr viele im Hessi­schen Rund­funk wünschen sich eine Doppel­spitze“, heißt es deshalb allent­halben. Denn es nütze ja nichts, „sich komplett zu digitali­sieren, aber die Finanzen nicht im Blick zu haben“, sagt die Mitarbeiterin – „dann sind wir in fünf Jahren tot. Beide würden sich ideal ergänzen.“

„Eine Doppelspitze sieht das HR-Gesetz nicht vor“

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Intern ist auch Bedauern bis Unmut darüber zu hören, dass die vielen Mit­arbeiter und Mitarbei­terinnen im HR, die an einer digitalen Zukunft mitzu­arbeiten bereit seien, bei den Zukunfts­planungen nicht ausrei­chend „mit­genommen“ würden. „Wir brauchen eine Perspek­tive“, sagt eine von ihnen, „denn sonst verab­schieden wir uns. Wir sind durchaus hoch motiviert und wollen hier wirk­lich nicht nur unsere Zeit absitzen. Aber wir sind jetzt eben seit zwei­einhalb Jahren in einem großen Trans­forma­tions­prozess, dem im Moment etwas der Zunder fehlt. Da ist jeder will­kommen, der eine Vision mitbringt.“ Der Slogan, den sich der HR selbst gegeben habe und der über allem stehe, laute „Jünger, diverser, digitaler“. Es sei jedem klar, wohin die Reise gehe. „Aber bitte lasst uns das auch tun – und nicht nur davon reden.“

Immerhin: An der Kandi­daten­auswahl war die Beleg­schaft beteiligt. Eine Vertre­terin der Beschäf­tigten war Teil der Findungs­kommis­sion. Und die Senderleitung bietet regelmäßig interne Informationsrunden an, bei denen die Führung Fragen der Mitarbeiter zum Transformationsprozess des Senders beantwortet - und den Sorgen der Kollegen zuhört.

„Eine Doppel­spitze sieht das HR-Gesetz nicht vor“: Rolf Müller, Vorsit­zender des HR-Rund­funk­rates. © Quelle: Ben Knabe/HR

Der Rund­funk­rats­vorsit­zende Müller aller­dings sieht aus formalen Gründen keine realisti­schen Chancen für eine gemein­same Lösung in der Leitung des Hessi­schen Rundfunks. „Eine Doppel­spitze sieht das HR-Gesetz nicht vor“, sagte er dem Redak­tions­Netz­werk Deutsch­land (RND). Zurzeit gebe es frei­lich „keine weiteren Kandi­daten­vorschläge seitens der Findungs­kommis­sion oder des Rund­funk­rats“. Er bestä­tigte, dass Hager und Weber sich am 3. Dezember erneut zur Wahl stellen werden. Das Ende ist offen.

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