Münster-„Tatort: Rhythm and Love“: freie Liebe und befreite Assistenten

  • Sexualität und deren Auslebung: Das ist das Thema im neuen Münster-„Tatort: Rhythm and Love“.
  • Nach dem Mord an einem Mann aus einer Sexkommune geht es nicht nur um die Aufklärung des Falls, sondern auch um freie Liebe und Diskriminierung von Homosexualität.
  • Groß heraus kommen in dem Film die Assistenten Silke „Alberich“ Haller und Mirko Schrader.
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Münster. Dass Professor Boerne seinen Kollegen Frank Thiel mit dem Fahrrad durch den Regen fahren lässt, anstatt ihn mit dem Auto mitzunehmen, überrascht nicht allzu sehr. So ist er nun mal, der Rechtsmediziner aus dem beliebten Münster-„Tatort“ – immer ein bisschen launisch. Doch dass er an diesem Tag, mit dem der neue Fall „Rhythm and Love“ (Sonntag, 2. Mai, ARD, 20.15 Uhr) startet, besonders schlecht gelaunt und irgendwie auch durch den Wind ist, hat einen Grund: Es gibt Plagiatsvorwürfe gegen ihn. Er, der große, immer korrekte Professor Boerne (Jan Josef Liefers), soll bei einer Studie abgeschrieben haben. Das kann doch wohl nicht wahr sein!

Eine gerade aufgetauchte Leiche, ein nackter Mann, soll ihm Ablenkung von den ungeheuerlichen Vorwürfen verschaffen – und da kann er auch gleich sein Können als Rechtsmediziner beweisen. Schnell ist klar: Der Tote war Teil einer Sexkommune, die freie Liebe praktiziert. Boerne, eigentlich für die Obduktion zuständig, stürzt sich – von Thiel „übermotiviert“ genannt – mit in die Ermittlungen, ist zugleich fasziniert von dieser Lebensweise, in der das Motto „Monogamie ist unnatürlich“ heißt und die Kommunenmitglieder mehrere Beziehungen gleichzeitig führen. Hier werden alle Klischeeregister gezogen: Die Menschen in der Kommune sehen aus wie Hippies, bauen ihr eigenes Gemüse an, halten Alpakas, trommeln sich in Ekstase und – natürlich, er muss ja auch ins Spiel kommen – kaufen Gras bei Thiels taxifahrendem Vater.

Eifersucht als Mordmotiv?

Das ergibt nicht nur schöne Fernsehbilder – Thiel und Boerne mit Alpaka, Thiel und Boerne mit den Kommunenmitgliedern am Lagerfeuer und dann auch noch Boerne beim Trommelkurs –, sondern wirft bei Kommissar Thiel (Axel Prahl) auch gleich die Vermutung auf, dass hier Eifersucht das Mordmotiv gewesen sein könnte. Als Verdächtiger kommt schnell ein Priester infrage, der vom Tatort abgehauen ist und etwas zu wissen scheint, sich aber auf das Beichtgeheimnis beruft. Und dann ist da noch der Münsteraner Polizeisprecher Johannes Hagen (gespielt von August von Wittgenstein), der zwar Frau und Kinder hat, aber eine offene Beziehung mit seiner Gattin führt und auch mit Männern schläft, darunter der Tote Maik. Und auch seine Frau hat bei dem Getöteten ein Seminar gemacht.

Boerne, immer noch geplagt von den Vorwürfen gegen ihn, will hier einen schnellen Ermittlungserfolg herbeiführen und setzt dabei seine ganze Hoffnung auf einen DNA-Abgleich. Das Problem: Das dazu benötigte Haar hat seine Assistentin Silke „Alberich“ Haller, eigentlich „die Zuverlässigkeit in Person“, verloren, und sie hat den Moment verpasst, es ihrem manchmal so unsensiblen Vorgesetzten zu beichten. Stattdessen erzählt sie es irgendwann im Vertrauen Thiels Assistenten Mirko Schrader, der sich in diesem Film ebenfalls von seinem Chef ungehört fühlt.

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Assistenten kommen groß raus

Gehört wurden dafür wohl die Wünsche der beiden Assistentendarsteller: Christine Urspruch als Alberich und Björn Meyer als Schrader spielen in diesem kurzweiligen Krimi so eine große Rolle wie selten, scheinen fast befreit vom Nebenrollendasein. Sie kommen raus aus Rechtsmedizin und Polizeirevier – und rein in actionreiche Szenen, inklusive Waffe in der Hand. Kein Wunder, dass sich Urspruch mehr solcher Fälle wünscht, wie sie im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagt: „Das war ein wunderbares Drehbuch, was meiner Rolle einen erheblichen Aufschwung gibt.“

Neuen Schwung gibt diese Konstellation mit Augenmerk auf die beiden besonderen „Tatort“-Assistenten auch den Zuschauern und dem Münster-„Tatort“ als Reihe. Und sowieso: Zwar ist der Krimi etwas überladen mit Klischees, bricht diese aber zwischendurch auch auf, wenn beispielsweise der verdächtige Priester auf Thiels Frage, ob er in den Toten verliebt gewesen sei, sauer und eindeutig ironisch antwortet: „Priester sind bekanntermaßen alle schwul und kriminell.“ Auch Homosexualität bei der Polizei und wie wenig akzeptiert diese immer noch ist, ist durch die Rolle des Polizeipressesprechers Thema im Film. Beleidigende, schwulenfeindliche Schmierereien an der Garage Hagens wirken leider auch in dieser fiktiven Geschichte gar nicht unrealistisch, auch wenn die Staatsanwältin meint: „Der Mann hat Sex mit Männern – das dürfte doch im 21. Jahrhundert wohl kaum ein Problem sein.“ Doch, leider offenbar schon. Umso besser, dass der Film dies kritisch beleuchtet.

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