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Moderator Jörg Pilawa: “In dieser Schlagzahl will ich nicht mehr weitermachen"

  • Seit mehr als 20 Jahren ist Jörg Pilawa fester Bestandteil des deutschen Fernsehens.
  • Im RND-Interview erzählt der Moderator, warum er sich auf roten Teppichen unwillkommen fühlt und wieso er keine prominenten Freunde hat.
  • Außerdem erklärt er, warum er nicht mehr in dieser Schlagzahl Quiz-Shows machen möchte.
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Herr Pilawa, im Fernsehen sind Sie fast täglich zu sehen, auf roten Teppichen so gut wie nie. Woran liegt das?

Ich fühle mich auf roten Teppichen einfach unwohl, unfrei und fast unwillkommen. Das geht schon mit der Frage los, welche Pose man am besten macht. Es ist auch nicht so, dass ich dahin gehen möchte, um da viele bekannte Gesichter zu treffen – mein Freundeskreis generiert sich nicht aus Kolleginnen und Kollegen. Selten herrscht dort eine entspannte, gelöste Stimmung – sondern eher eine von Neid geprägte Atmosphäre. Bei Preisverleihungen fragen sich doch viele: Warum hab ich den Preis nicht bekommen? Und hätte die Laudatio nicht besser sein können? Das will ich mit über 50 nicht mehr.

Im Gegensatz zu vielen Ihrer Kollegen sind Sie in den sozialen Netzwerken kaum aktiv.

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Mittlerweile immerhin ein wenig! Auch wenn ich mir kaum vorstellen kann, dass es wirklich jemanden interessiert, wie ich beim Joggen schnaufe oder wie ich aussehe, wenn ich ins Büro gehe. Oder ob ein Sonnenuntergang auf Mallorca oder Gran Canaria aufgenommen wurde – der sieht doch überall gleich aus. Ich hab eben festgestellt, dass ich allein bei Whatsapp 1500 ungelesene Mitteilungen habe. Ich schau mir da schon gar nichts mehr an, weil ich dann ja reagieren müsste. Am besten noch geistreich oder witzig – den Stress mache ich mir nicht.

Sie erwähnten, dass Ihr Freundeskreis sich nicht aus Kollegen generiert. Warum ist das so?

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Ich unterscheide einfach schon sehr zwischen Job und privat. Klar treffe ich mich auch mal mit Kai Pflaume zum Essen, aber meine engsten Freunde habe ich einfach noch aus Schulzeiten. Die mit tiefgehenden Emotionen und Verbindungen, die einen über Jahrzehnte tragen. So nah hab ich jemanden aus dem Job noch nie an mich herangelassen. Ich glaube, dass viele Kollegen genauso froh sind wie ich, wenn sie mal mit „Nicht-Prominenten“ Menschen irgendwo hingehen können.

2019 wurde so viel wie noch nie über den Klimawandel diskutiert. Was hat sich in Ihrem Leben dadurch verändert?

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Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie man sich über jemanden wie Greta aufregen kann. Ich glaube, die Aufregung kommt auch nur daher, weil wir alle wissen, dass sie recht hat. Meine Kinder haben mir schon vor Jahren den Finger in die Wunde gelegt. Ich fliege seit Jahren nicht mehr innerdeutsch, nehme dann immer die Bahn. Wenn ich nach Kanada fliege, kaufe ich für jeden Flug Klimazertifikate. Das macht es nicht unbedingt besser, aber es ist ein kleiner Schritt. Seit fünf Jahren fahre ich ein Elektroauto, nehme aber auch immer mal wieder öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad. Aber umgekehrt verlange ich natürlich auch von meinen Kindern, dass sie sich ähnlich verhalten: Sie können nicht freitags zur Demo gehen, dann aber samstags mit dem Auto irgendwo hinkutschiert werden wollen, statt das Fahrrad zu nehmen.

Was wünschen Sie sich für Deutschland im kommenden Jahr?

Wir brauchen eine komplett neue Diskussionskultur in Deutschland. Ich finde es toll, in einem Land zu leben, wo jeder zu jeder Zeit alles sagen kann. Aber zu einer guten Diskussion gehört auch die Fähigkeit, zuzuhören. Und das passiert nicht mehr. Außerdem reagieren wir viel zu reflexartig. Auf alles muss sofort reagiert werden. Das hat natürlich mit der Digitalisierung zu tun – bekomme ich heutzutage eine Whatsapp, muss ich sofort drauf antworten. Ich bin da ganz anders: Ich habe heute einen Freund angerufen, der mir vor drei Wochen eine Whatsapp geschrieben hat, und seine erste Reaktion war: „Das dauert bei dir ja so lange wie früher, als man noch Postkarten verschickt hat.“ Was ich damit sagen will: Ich glaube, man sollte sich manchmal einfach etwas mehr Zeit nehmen, überlegt zu reagieren. Das würde uns politisch und gesellschaftlich guttun.

Wie sehen Ihre beruflichen Pläne für 2020 aus?

Ich habe das Gefühl, dass sich wahnsinnig viel ändern wird. Mein Vertrag mit der ARD läuft im Dezember 2020 aus. Ich stehe dann vor der Wahl: Will ich das in dieser Schlagzahl weitermachen? Das kann ich definitiv verneinen. Aber es bleibt die Frage: Was mache ich nun eigentlich?

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Was wäre die Alternative?

Ich habe durch die „NDR-Talkshow“ wieder wahnsinnig Spaß am Talken bekommen. Ich könnte mir vorstellen, mich da noch mehr reinzuknien.

Wäre es nicht möglich, einfach von allem etwas weniger zu machen, um mehr Zeit zum Talken zu haben?

Das ist in unserer Branche nicht so leicht. Läuft es gut, wollen alle mehr von dir. Viele sagen ja, die Quote ist nicht so wichtig – ist sie aber eben doch. Der Druck ist immer da. Wenn du eine gute Quote hast, geht der Sender damit nach Hause, wenn du eine schlechte Quote hast, geht das Team damit nach Hause. Mich stört das weniger für mich als für meine Mitarbeiter.

Es klingt so, als würden Sie darüber nachdenken, mit allen Quizshows aufzuhören.

Wenn ich das jetzt bestätigte, hab ich morgen die ARD am Telefon. (lacht) Aber es ist schon so: die Produktionsbedingungen sind härter geworden. Überall wird gespart. Es gibt Shows, die zeichnen wir aus Kostengründen mehrere Monate im Voraus auf. Das heißt, als Moderator kannst du keine aktuellen Bezüge wählen. Du weißt nicht, wie der Sommer war, ob es die GroKo noch gibt oder wer deutscher Fußballmeister geworden ist. Alles Themen, über die ich gern mit meinen Kandidaten reden würde, geht aber nicht. Und wenn du dann als Moderator dreimal am Abend rauskommst und das Publikum begrüßt, denkst du dir manchmal schon: Ist das beim dritten Mal immer noch so gut wie beim ersten Mal? Klar, wir wollen sparen, aber ist das so wirklich noch gut? Der Job an sich macht mir riesig Spaß, aber die Rahmenbedingungen haben sich schon sehr verändert. Deshalb liebe ich die Wochen, in denen wir das Quizduell live machen. Live passiert immer etwas, und das ist auch gut so.

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Wie schwer fällt es, sich zu motivieren, wenn man Sendungen fast wie am Fließband produziert?

Das ist schon ein mentales Problem. Als ich vor 25 Jahren angefangen habe, ging es im TV-Bereich steil bergauf. Heute bist du erfolgreich, wenn deine Sendung vier Millionen Zuschauer hat, damals wärst du mit vier Millionen die Show direkt losgewesen. Das führt natürlich bei uns Älteren zu mentalen Problemen, man denkt sich oft: Weißt du noch, wie das früher war? Und wenn ich an die jungen Kollegen denke, denke ich manchmal: Wie lange geht das für die noch gut?

Sie könnten sich ja auch erlauben, einfach mal kürzer zu treten.

Da habe ich natürlich schon drüber nachgedacht, und ich mache ja auch mittlerweile nur noch 100 Sendungen im Jahr, nicht mehr 220. Ich bin jeden Tag zu Hause, weil wir alle Sendungen in Hamburg produzieren. Aber am Ende bin ich nicht nur Moderator, sondern auch Produzent und habe 20 Angestellte, mit denen ich teilweise seit 20 Jahren zusammenarbeite. Für die habe ich eine Verantwortung.

Am 31.12. moderiert Jörg Pilawa wieder ab 20.15 Uhr die Silvestershow in der ARD. Zu Gast sind in diesem Jahr unter anderem die Hermes House Band und die Ehrlich Brothers.


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