Mit Gott gegen Sklaverei: Ethan Hawke in „The Good Lord Bird“

  • Ethan Hawke ist eine Naturgewalt als Sklavereibekämpfer John Brown in der Showtime-Serie „The Good Lord Bird“ (ab 6. November bei Sky).
  • Mit einem Jungen in Mädchenkleidern streifen er und seine „Army“ durch das zerrissene Amerika des 19. Jahrhunderts.
  • Eine Historienserie mit Witz und Drama, bei der das Kino von Quentin Tarantino Pate stand.
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Henry wird zu Henrietta, weil John Brown wohl noch die Ohren von der Inbrunst seiner eigenen, soeben in den Saloon gebellten Bibelzitate klingeln. Aber sowieso wird der schwarze Sohn des alsbald toten Barbiers in einem windzerzausten Kaff in Kansas – unser geneigter Erzähler – von allen Leuten in John Browns Army nur Little Onion genannt werden. Weil er Browns Talisman, eine 14 Monate alte Zwiebel, für eine milde Gabe hielt und kurzerhand hineinbiss.

Man schreibt die 50er-Jahre des 19. Jahrhunderts in Kansas, wo Brown und seine Leute im Dienste Gottes und des Menschenfortschritts Sklaven befreien und schon mal Sklavenhalter richten. Es ist jener John Brown, von dem in dem Lied, das hierzulande als „Glory, Glory, Hallelujah“ bekannt ist, behauptet wird, nach dem Tod marschiere seine Seele weiter.

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Und es sind jene Ereignisse im Leben Browns, die in der Westernminiserie „The Good Lord Bird“ nach dem Roman von James McBride verhandelt werden, die zum missglückten Überfall auf das Waffendepot von Harper’s Ferry in Virginia führen – einem der Auslöser des Amerikanischen Bürgerkriegs.

Ethan Hawke ist eine Naturgewalt als John Brown

McBride selbst ist Executive Producer der sieben Episoden, überhaupt sind viele schwarze Künstler an der Historienserie des Senders Showtime (in Deutschland bei Sky zu sehen) beteiligt. So greift der alte Elvis-Vorwurf der Aneignung schwarzer Kunst nicht, auch wenn die beiden Serienschöpfer – der Dichter Mark Richard und der Schauspieler Ethan Hawke – Weiße sind.

Hawke hat auch die Brown-Rolle übernommen, und er ist eine Naturgewalt als himmelsbeseelter Abolitionist, der sich wieder und wieder in eine mörderische Ekstase hineinzubegeistern weiß, wenn es gilt, kurzen Prozess mit Sklavenhaltern und Rassisten zu machen. Die Serie beginnt mit Browns Hinrichtung. „Was für ein wunderschönes Land“, sagt der Mann noch, bevor ihm der Henkerssack die Sicht auf ebendieses Land versperrt. Und Henry gesteht uns aus dem Off: „Ich? Ich liebte den Mann.“ Das einzig Gute sei, dass er nun aufhören könne, die Mädchenkleider zu tragen.

„Ich werde jeden Neger in diesem Territorium befreien“, bekundet Brown sein Vorhaben in der danach folgenden Erzählung, wie alles kam, einer Gruppe berittener Blauröcke. „Basierend auf welcher Autorität?“, fragt ihn der Kommandierende. „Des lieben Gottes!“, brüllt Brown, „des Königs der Könige!“ Und die verlotterte Army hinter ihm ruft unisono ein beseeltes „Amen!“ aus. Und der Outlaw, der erfährt, dass Präsident James Buchanan, Lincolns Vorgänger, ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hat, setzt im Trotz sein Vermögen von 2 Dollars und 50 Cents auf den Kopf des Präsidenten aus.

Mit Banjoklimpern und maunzenden Steelgitarrentönen deutet sich von Beginn an der humorige Unterton dieser Historienserie an, der umso deutlicher wird, wenn der Charismatiker Brown mit Schildkröten spricht und Pferde küsst, als wäre er der Heilige Franziskus. Jäh aber kann es extrem blutig werden – es ist das Kino eines Quentin Tarantino und der Gebrüder Coen, das hier Pate stand.

Henry/Henrietta erinnert an Mark Twains Huckleberry Finn

Joshua Caleb Johnson ist Hawke ebenbürtig als gewitzter schwarzer Huckleberry Finn im Mädchenkleid, der mit der Feder eines mythischen Vogels mit blutroter Haube, des „Good Lord Bird“, durch ein zerrissenes Amerika reist. Als Henrietta lernt Henry, dass ein Rock eine gefährliche Situation entschärfen kann.

Aber es dämmert ihm auch bald, dass die Befreiung vom Sklavenjoch nicht das Ende des Unglücks Schwarzer sein wird. „Sklaverei ist eine Giftschlange. Aber die Freiheit, die uns angeboten wurde – ohne Heim und ohne Freunde –, diese Schlange war genauso giftig“, verrät Henry uns Zuschauern. „Eine Schlange im Norden, eine Schlange im Süden – und beide bissen sie den Nigger.“

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Henrys Outfit wird zur Tarnkappe, denn ein Frauenzimmer wird nicht ernst genommen in der Männerwelt des 19. Jahrhunderts. So hört und sieht er Dinge, wird klug und klüger, entschlossen und furchtlos und weiß bald, dass die Befreiung der Frau eine weitere zwingende Notwendigkeit auf dem Weg zur Gleichheit aller Menschen ist.

„The Good Lord Bird“ ist cineastisch – von den Wildwestszenarien in Kansas bis zur Moderne der Steinstadt New York. Opulente Bilder, gekonnter Einsatz von Kamera, Musik und Schnitt. Die Probleme und Positionen zur Sklavenbefreiung werden hinreichend erläutert, die historischen Fakten und Personen allerdings zum Nutzen der Geschichte gern mal verbogen. Dem „Alles wahr“, das den Episoden vorangestellt wird, folgt jedes Mal ein augenzwinkerndes „Das meiste hiervon ist passiert“.

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Wieder sind vor allem Historiker humorlos. Dass Frederick Douglass, der wohl einflussreichste Afroamerikaner in den USA des 19. Jahrhunderts, von Daveed Diggs als hochnäsiger Playboy und frauenverschlingender Popstar ausgelegt wurde, empfanden einige als Frevel.

John Brown wird bis heute besungen

2013 erschienen, erzählt McBrides Geschichte über Brown und Henrietta natürlich auch und vor allem vom Amerika von heute – dass es nicht gespalten wurde von Trump, sondern dass Trump das schlimmste Symptom einer viel längeren Spaltung ist. „The Good Lord Bird“ ist eine Erinnerung an den Rassismus unserer Tage.

Brown wusste um den Effekt seines Märtyrertums. Für sein Leben hatte sich zuletzt sogar der französische Dichter Victor Hugo („Der Glöckner von Notre-Dame“) eingesetzt, einer Befreiung in letzter Sekunde durch einen Freund widersetzte Brown sich. Bis heute wird er besungen, seiner Neigung zum jähen Lynchmord zum Trotze. Dass ihn Raymond Massey 1940 als Irren spielte, ist lange vergessen.

John Browns Leichnam mag in der Erde zerfallen sein. Seine Idee aber marschiert weiter – und braucht noch viel Puste. Es dauert bis zur Freundschaft aller Menschen viel, viel länger als die fünf Generationen, die Brown von Douglass prophezeit werden.

„The Good Lord Bird“, bei Sky, sieben Episoden, von Ethan Hawke und Mark Richard nach dem Roman von James McBride, mit Ethan Hawke, Joshua Caleb Johnson (streambar ab 6. November).

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