Mehr Sendezeit, mehr Regionales: So baut die ARD die “Tagesthemen” um

  • Die ARD-“Tagesthemen” stehen vor einer kleinen Reform: In der neuen Reihe “Tagesthemen mittendrin” geht es in Zukunft um Geschichten aus der Region.
  • Das Ziel ist, die Lebenswirklichkeit der Zuschauer klarer abzubilden.
  • Dafür gibt es ab Herbst sogar ein paar Extraminuten Sendezeit.
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Sie geben sich gern nüchtern-hanseatisch bei den “Tagesthemen“, in Wahrheit aber haben sie einen heimlichen Hang zu wohldosiertem Pathos: Ingo Zamperoni zitierte, als er 2016 seinen Job als Moderator antrat, gleich mal den italienischen Dichterphilosophen Dante Alighieri (“Das Gesicht verrät die Stimmung des Herzens"). Und seine Kollegin Caren Miosga wird wohl für alle Tage mit jenem Moment 2014 assoziiert werden, als sie zum Tode von Schauspieler Robin Williams im Studio in Hamburg-Lokstedt den Tisch bestieg. Ein kalkulierter Formatbruch als wirkungsvolle Geste des Respekts.

Seit 2007 Moderatorin der “Tagesthemen”: Caren Miosga im Studio in Hamburg-Lokstedt.

Nun aber, inmitten der Coronakrise – die der Sendung derzeit statt um die zwei Millionen bis zu drei Millionen Zuschauer am späten Abend beschert –, verordnen sich die “Tagesthemen” einen Schuss mehr Bodenständigkeit. “Tagesthemen mittendrin” heißt eine neue Rubrik, mit der die Sendung “Menschen, Regionen und die dort vorherrschenden Themen” regelmäßig in den Blick nehmen will. Neben Welt- und Bundespolitik sollen ARD-Reporter aus allen Bundesländern künftig in drei- bis fünfminütigen Reportagen Geschichten erzählen, die im Kleinen prototypisch für eine größere Entwicklung stehen. Den Auftakt macht am Freitag ein Film aus dem thüringischen Ort Bollstedt (Postleitzahl: 99998), Sieger beim Bundeswettbewerb “Unser Dorf hat Zukunft”. Er erzählt am kleinen Beispiel die größere Geschichte von Menschen, die versuchen, Krisen als Chance zu begreifen und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

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Mehr Reportagen aus den Regionen

Es gehe nicht um “Provinzialität”, sagt Helge Fuhst, als Zweiter Chefredakteur von “ARD-Aktuell” verantwortlich für die “Tagesthemen”. “Es geht darum, diesen Schatz sichtbarer zu machen, den die ARD da hat: Reporter in vielen Regionen vor Ort, die wissen, was die Menschen bewegt.” Journalisten sprechen davon, “ein Thema runterzubrechen”, wenn sie prüfen, was eine Entscheidung im fernen Berlin für die eigene Region bedeutet. Die “Tagesthemen” versuchen an prominenter Stelle nun das Gegenteil: regionale Themen “hochzubrechen”, auch um den immer gleichen Bildern von Politikerlimousinen und Püschelmikrofonen vor Stellwänden etwas Lebendigkeit entgegenzusetzen.

Immer mal wieder gab es Klagen vor allem aus dem Osten über den “westdeutschen Blick” von “Tagesschau” und “Tagesthemen”. “Tagesschau”-Chefsprecher Jan Hofer selbst erzählte, wie die Redaktion erst lernen musste, dass “Frankfurt” im Osten selbstverständlich für Frankfurt an der Oder gehalten werde („Die gefühlte Grenze ist noch immer da. Sie zu überwinden ist eine extrem wichtige Aufgabe für uns.“). Inzwischen gab es ARD-interne Seminare, in denen ostdeutsche Mitarbeiter ihren West-Kollegen quasi Nachhilfestunden für gesamtdeutsches Empfinden geben.

“Wir werden weder nur aus dem Osten noch nur aus dem Westen berichten”

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Als Laudanum für grummelnde Zuschauer, die gelegentlich klagen, Ostdeutschland tauche nur im Zusammenhang mit Nazi-Demos und AfD-Wahlergebnissen in den komplett im Westen produzierten TV-Hauptnachrichten auf, will Fuhst die neue Reihe aber nicht verstanden wissen. Aber auch er weiß: Die Furcht um den Ruf der Heimat schürt gelegentlich Frust, den sich Populisten zunutze machen.

“Wir werden weder nur aus dem Osten noch nur aus dem Westen berichten”, sagt er. Kein Proporz – das wäre neu für die ARD. Eine Fairnessstrichliste für alle 16 Bundesländer gebe es nicht, stattdessen einen freien Wettbewerb um die stärkste Story. “Und wenn jemand diesen Wettbewerb führen kann, dann die ARD.” Die “Tagesthemen”-Redaktion hat eigens eine E-Mail-Adresse für Themenvorschläge aus den ARD-Anstalten eingerichtet. “Wir zeigen natürlich schon jetzt Reportagen aus den Regionen”, sagt Moderatorin Caren Miosga, “aber wir haben uns vorgenommen, Geschichten auf die große Bühne zu heben, die es ohne die neue Rubrik vielleicht gar nicht in die ‘Tagesthemen’ geschafft hätten. Das soll ausgeruht und mit viel Zeit geschehen.”

Ab Herbst sind die “Tagesthemen” länger

Es ist die nächste Zündstufe beim behutsamen Umbau der “Tagesthemen”. Bereits zum 3. April ist die Sendezeit am Freitag von 15 auf 30 Minuten verdoppelt worden. Ab dem 7. September werden die “Tagesthemen” laut Beschluss der ARD-Programmkonferenz auch an allen anderen Werktagen fünf Minuten länger dauern. Dann soll “Tagesthemen mittendrin” “bis zu viermal die Woche” laufen, sagt Fuhst. Man könnte auch sagen: Die “Tagesthemen” wollen die Geschichten, die an einem knüppeldick gepackten Nachrichtentag als Erstes unter den Tisch gefallen wären, in Zukunft doch lieber zeigen. Es ist eine Abkehr vom Prinzip der Tagesaktualität und gleichzeitig ein Baustein in der selbst verordneten “Nachrichtenoffensive” der ARD. Und es ist auch ein Versuch, dem drohenden Strömungsabriss zwischen Teilen der Beitragszahler und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk entgegenzuwirken.

RND


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