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Mehr als eine Mordgeschichte: So ist die zweite Staffel von „Strike“ bei Sky

  • Agatha Christie lässt grüßen: Die zweite Staffel der Krimiserie „Strike“ (ab 12. März bei Sky) erzählt eine gediegene britische Kriminalgeschichte.
  • Die Schufte hinter Mord und Totschlag werden darin in einem ruhigen Tempo zur Strecke gebracht.
  • Schließlich geht es in „Lethal White“ noch um etwas ganz anderes.
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Um 22.02 Uhr geschieht etwas in Paddington Station. Eine Frau drückt einem Bettler die Hand. Und der Afghanistan-Veteran und Privatdetektiv Cormoran Strike vermutet, dass hier kein Kleingeld den Besitzer gewechselt hat, sondern ein Haustürschlüssel. Dass die unscharfen Bilder der Bahnhofskamera die Schlüsselszene zu einem Mordfall sind. Wir befinden uns in der zweiten Staffel von „Strike“, der Detektivserie nach den Romanen von Robert Galbraith alias Joanne K. Rowling. Wurden die ersten drei Romane in eine Staffel gepackt, gebührt dem bis dahin dicksten Buch der Reihe (das noch unverfilmte fünfte, „Böses Blut“, hat noch gut 300 Seiten mehr) ein eigener Durchgang. Es gibt diesmal auch mehr zu erzählen als eine Mordgeschichte.

Ein verwirrter, panischer Mann namens Billy erwartet Cormoran Strike und Robin Ellacott in ihrer Detektei. Er hat das prähistorische weiße Pferd von Uffington in die Wand des Büros gekerbt. Er hält ein Messer in der blutenden Hand. Er erzählt von einem lange zurückliegenden Mord an einem kleinen Mädchen, den er als kleines Kind beobachtet hat, und dass die Tote in einer pinken Decke hinter einem Cottage verscharrt worden sei.

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Zwei Fälle berühren einander aufs Tragischste

Dann ist da noch der Minister für Kultur, Jasper Chiswell, der erpresst wird und Strike anheuert, weil der beim Militär einst den Tod seines Sohnes Freddie untersucht hatte. Weshalb Chiswell erpresst wird, sagt er nicht, nur so viel: Es sei „legal gewesen – damals“. Die beiden Fälle führen Rowlings Helden in die linke Aktivistenszene und ins House of Parliaments. Sie berühren einander aufs Tragischste, wie, das wird binnen 240 Minuten herausgefunden. Am Ende der ersten Folge stößt Robin erst mal auf ein Grab.

Ja, Cliffhanger gibt es auch. Aber das Tempo von „Tödliches Weiß“ ist generell gemächlich, die Sache wird allmählich zusammengepuzzelt. Action ist selten, und man hat immer das Gefühl: Alles wird gut. Aber: Das ist kein Nachteil. Endlich einmal wieder droht einem der Fall einer Serie nicht über allgemeines Getöse und Geflitze aus dem Kopf zu gleiten. Irgendwie, obgleich man darin nie Männer auf einem Klo thronend gesehen hätte oder Tote, die – grässlich anzuschauen – mit einer Plastiktüte über dem Kopf in einem Klubsessel sitzen, fühlt man sich bei „Strike“ ständig an Miss Marple erinnert, an die nimmermüde, ewig neugierige, mehr als rüstige Detektivin Agatha Christies und ihre Filmverkörperung durch Margaret Rutherford.

In ihren Verkleidungen freilich – speziell der Becca Conway – erinnert Holliday Grainger noch an eine andere Ikone der britischen Kriminalfiktion. Im Gothlook wirkt sie cool wie einst, in den Sechzigerjahren, Diana Rigg als Emma Peel und setzt ihre Verfolger durchaus tricky außer Gefecht – auch wenn der Serie „Strike“ zu „Mit Schirm, Charme und Melone“ nicht nur der Parapluie und die Herrenkopfbedeckung fehlen, sondern auch die Exzentrik der Fälle. Ganz weit liegen die beiden Vorbilder allerdings nicht auseinander, denn was war Miss Marple in Filmen wie „Der Wachsblumenstrauß“ oder „16 Uhr 50 ab Paddington“ anderes als Oma Peel? Rutherford focht trotz fortgeschrittenen Alters famos mit dem Degen, da hätte uns ein wenig Karate auch nicht verwundert.

Im Geiste hört man die Cembalomusik aus den Marple-Filmen

Jedenfalls – wenn Verdächtigentreffen ist und die Detektive vor einer wohlhabenden, reichlich dysfunktionalen Britfamilie sitzen, in der alle zerstritten sind und die Kinder des Patriarchen einander, aber vor allem der jüngeren zweiten Frau des Patriarchen nicht das Schwarze unterm Fingernagel gönnen, hätte Marples Mama Agatha Christie ihr vornehmes Lächeln in ein breites Grinsen verwandelt. Im Geiste hört man die flotte Spinettmelodie aus den Marple-Filmen.

Ist mit dem Original-Romanvorlagentitel „Lethal White“ nun das weiße Pferd von Uffington gemeint, auf dessen Auge der Mord geschehen sein soll, den Billy als Sechsjähriger erlebt zu haben glaubt? Oder das good old-fashioned Brautkleid von Robin? Zu Beginn der Staffel heiratet sie Matthew, den Unsympathen, den man ihr als Zuschauer schon von Anfang an gern ausgeredet hätte.

Dass er seiner Braut Strikes Botschaften vom Handy gelöscht hat, setzt noch am Tag der Vermählung ein Mal des Misstrauens in die Ehe. „Du siehst wunderschön aus“, sagt ein beeindruckter Strike, der ein Fremder auf der Hochzeit ist – niemand spricht mit ihm. Seine unsicheren Blicke, als habe man ihm das Wichtigste im Leben genommen, dazu ihr Drehen am Ring – sie sind füreinander bestimmt, oder? Und diese Spannung ist die zweite, die intensivere der neuen Staffel.

Cormoran und Robin sind füreinander die Rettung

Wenn sie am Wegrand sitzen, der einbeinige Krieger und die durch die Attacke des Shacklewell Rivers (aus dem Fall davor) Traumatisierte, wenn sie einander in den Arm nehmen, einander trösten, wenn Strike ihr einen Whisky einschenkt und Robin ihm sagt, sie sei gern hier, weiß man, dass diese beiden nicht nur miteinander arbeiten können, sondern dass sie füreinander die Rettung sind. Die zweite Staffel von „Strike“ ist eine Romanze, während derer auch noch Rätsel gelöst werden und Verbrecher zur Strecke gebracht werden müssen. Und die beiden Hauptdarsteller sind so berührend, dass andere gute Leistungen – etwa die von Robert Glenister als blasiert-cholerischem Minister Chiswell oder die von Robert Pugh als trostlos trauerndem Vater – nicht die gebührende Aufmerksamkeit erhalten.

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Kommen der Wasserrabe und das Rotkehlchen zusammen im wunderschönen London? Das soll nicht verraten werden. Zu hoffen ist es. Nie soll Cormoran seiner Robin ein letztes Mal hinterherschauen müssen wie damals John Steed seiner Emma Peel, als die mit ihrem verschollen geglaubten Ehemann für immer aus der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ fuhr. Zwar glich der zurückgekehrte Gatte Steed bis aufs Haar – wahre Liebe aber gibt’s nur mit Originalen.

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„Strike: Tödliches Weiß“, bei Sky, vier Episoden, von Tom Edge, Regie: Susan Tully, mit Tom Burke, Holliday Grainger, Robert Glenister (je zwei Folgen ab 12. und 19. März)

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