Medienforscherin über inszenierte Corona-Konflikte: “‘Bild’-Chef Julian Reichelt schlägt um sich”

  • “Die deutschen Medien haben insgesamt gut und kompetent über die Corona-Krise berichtet.”
  • Das ist das Fazit der renommierten Medienforscherin Johanna Haberer.
  • Mit der “Bild”-Zeitung freilich geht sie im RND-Gespräch hart ins Gericht: “Reichelt und seine Boygroup haben sich ins Aus manövriert.”
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Frau Haberer, vor allem zu Beginn der Corona-Krise erlebten die seriösen deutschen Medien eine Nachfrage wie lange nicht. Kann man sagen: Je unklarer die Lage, desto größer der Durst nach gesicherten Informationen?

Das kann man klar bejahen. Die ersten Studien und Statistiken zeigen das sehr deutlich – und die meisten Menschen können das aus ihrem persönlichen Erleben bestätigen: Die ritualisierte Selbstvergewisserung dieser Gesellschaft vor allem in den seriösen und öffentlich-rechtlichen Medien hat sich in der Corona-Krise wieder eingeschwungen. Es gibt eine klare Antwort auf die Frage, wem man eigentlich vertrauen kann und welche Informationen in Zeiten, in denen es tatsächlich um Menschenleben geht, wirklich glaubwürdig sind. Und auch die ritualisierte Mediennutzung ist ja bemerkenswert: Plötzlich sitzen wir als Familie abends gemeinsam vor den Nachrichten und reden dann darüber, was das mit uns macht. Das ganze Schlechtgerede des öffentlich-rechtlichen Systems hat sich selbstevident widerlegt.

“Die wissenschaftliche Welt und die journalistische Welt müssen sich sehr viel besser aufeinander einstellen”: Johanna Haberer, Medienwissenschaftlerin und Vizepräsidentin der Universität Erlangen-Nürnberg. © Quelle: picture-alliance/ dpa
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Inzwischen ist dieser mediale Pakt der Vernunft, also der große Konsens über den Umgang mit der Pandemie, wieder etwas aufgebrochen. Das ist einerseits gut, weil die demokratische Debatte wieder anschwillt. Andererseits haben sich auch manche Spieler medial heftig ineinander verbissen. Wie beurteilen Sie insgesamt den Umgang der deutschen Presse mit der Pandemie bisher?

Ich finde, dass wir insgesamt sehr gut und kompetent informiert worden sind. Sehr viele Journalisten haben sich sehr viel Mühe gemacht zu verstehen, was da passiert.

Streit gab es allerdings um die Heinsberg-Studie des Virologen Hendrik Streeck. Die PR-Arbeit für Streeck hat der frühere “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann mit seiner Agentur Storymachine organisiert. Der PR-Rat hat die Agentur wegen “Rufschädigung des Berufsstands durch unprofessionelles Verhalten” gerügt. Es sei der Eindruck entstanden, Storymachine habe zu der Studie ein “vorformuliertes Narrativ in die Öffentlichkeit setzen wollen”. Wie bewerten Sie das?

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Ich denke, Streeck hat sich verkalkuliert. Wissenschaftler sind eben auch nur Menschen. Es ist natürlich ein Thema, mit dem man sich öffentlich profilieren konnte, daher kam wohl auch der Impuls, für die Präsentation in der Öffentlichkeit professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich halte das im ersten Schritt für nachvollziehbar. Aber der Schuss ist nach hinten losgegangen. Die wissenschaftliche Welt und die journalistische Welt müssen sich sehr viel besser aufeinander einstellen. Auch Wissenschaftler müssen sich die Mühe machen, viel besser selbst fit zu werden dabei, zu erklären, was sie tun. In der wissenschaftlichen Welt gibt es zum Teil eine regelrechte Verachtung gegenüber den Medien. Das hat in den letzten Jahren zwar abgenommen, aber diese Vorbehalte existieren weiter – genauso wie der unausgesprochene Neid, wenn einer aus der eigenen Zunft in den Medien in Erscheinung tritt. Dann heißt es schnell: Der ist ja gar kein richtiger Wissenschaftler, weil er mit Journalisten aus der Nichtfachwelt redet. All diese Narrationen in der Wissenschaft müssen neu überdacht werden. Auch Wissenschaftler müssen lernen, dass sie ein Teil des demokratischen Diskurses sind, in dem sie sich erklären müssen. Sie können nicht einfach sagen: Mich verstehen eh nur fünf Leute auf dieser Welt, das ist genug.

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Twitter hat einen Tweet des US-Präsidenten mit einem Hinweis versehen, um die Nutzer vor irreführender Information zu warnen.  © Imre Grimm/Reuters
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Das wirkte dann schon wie ein Racheakt, dass “Bild” kurz darauf die ganz normale wissenschaftliche Disputkultur zur Vorveröffentlichung einer Studie des Virologen Christian Drosten als totale Niederlage des Wissenschaftlers verkaufte. Es hagelte Dementis. Was ist da schiefgegangen?

Der Boulevard lebt von Angst und Unsicherheit. Und natürlich kann man einen Wissenschaftlerkonflikt zu einem persönlichen Kleinkrieg hochkochen. Beim Thema Gesundheit ist das allerdings fahrlässig. Wir erleben aktuell in der Wissenschaft quasi eine weltweite Operation am offenen Herzen. Politiker und Wissenschaftler müssen in einer solchen Situation auch mal sagen dürfen “Ich weiß es nicht”, ohne dass ihnen daraus gleich ein Strick gedreht wird. Das heißt nicht, dass man nicht kritisch mit den Leuten umgehen soll. Aber das so zu personalisieren und einen groben Verdachtsmythos zu konstruieren – nach dem Motto: “Was hat denn der davon und was der?” –, das ist eine schädliche Art, Journalismus zu betreiben. Ich glaube, da haben sich Reichelt und seine Boygroup verkalkuliert und ins Aus manövriert.

“Es geht ‘Bild’ gar nicht um Drosten, es geht um die Kanzlerin”: Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin, ist eine Reizfigur für die “Bild”-Redaktion. © Quelle: picture alliance/dpa

Der Konflikt zwischen “Bild” und der Wissenschaft ist für mich das Symptom eines tieferen Missverständnisses. Nämlich dem, dass Wissenschaftler eine politische Agenda verfolgen. Stattdessen sammeln sie evidenzbasierte Fakten. Und wenn sich ihre Aussagen verändern, dann rücken sie nicht von ihrer Meinung ab, sondern die Faktenlage hat sich schlicht verändert.

So ist es. Das Problem ist ein Systemfehler. Wenn man sich die Systemtheorie nach Niklas Luhmann anschaut, dann haben wir in der Gesellschaft unter anderem ein Politiksystem, ein Mediensystem und ein Wissenschaftssystem. Und diese drei Systeme, die ganz unterschiedliche Kommunikationsriten und -prozesse haben, sind im Boulevard ineinandergeraten in dieser Pandemie. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung funktioniert nun mal so: Ich habe eine These, die wird möglicherweise widerlegt, dann bin ich aber schlauer als zuvor. Dieses Prinzip wird in der Boulevardpresse als Schwäche ausgelegt. In einer so ernsten Situation wie jetzt grenzt das an journalistische Fahrlässigkeit.

Welches Interesse hat “Bild” denn daran, einen Konflikt etwa zwischen Christian Drosten und seinem Kollegen Alexander Kekulé zu inszenieren oder zwischen Streeck und Drosten?

Es ist einfach das Prinzip, nach dem “Bild” arbeitet. Konflikte sind immer interessanter. Das richtet keinen weiteren Schaden an, wenn ein Schauspielerehepaar sich trennt – geschenkt. Aber wenn es um derart ernste Themen geht und um die Verunsicherung der Bevölkerung, dann halte ich das für unzulässig. Und abgesehen von der Auflagenmache verstehe ich auch den Vorwurf von “Bild” nicht, Drosten habe darauf gedrungen, die Schulen zu schließen und das Land herunterzufahren. Wo sollte sein Motiv sein? Wer in der Politik oder sonst wo sollte daran ein bösartiges Interesse haben? Mit dieser Art, die Welt zu sehen, nämlich schwarz und weiß, kommt man in einer solchen Epidemie einfach nicht weiter. Ich glaube, dass sich die “Bild”-Zeitung damit endgültig aus dem Diskurs gekegelt hat.

“Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt weist den Vorwurf, er fahre eine Kampagne gegen Drosten, die sich am Ende gegen die von ihm beratene Kanzlerin richtet, weit von sich. Ist das glaubwürdig?

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Wenn es überhaupt eine geheime Agenda gibt, dann ist es die Kampagne von “Bild” gegen Merkel. Es geht gar nicht um Drosten. Es geht um die Kanzlerin. Es geht darum, eine weitere Amtszeit – um die viele Menschen in der Republik sie im Moment ja vergeblich beknien – auf jeden Fall zu verhindern. Diese Statue, zu der Merkel gerade wieder erwächst, kann “Bild” einfach nicht ertragen. Das Problem der Zeitung ist, dass die Bundesregierung mit der Krise unterm Strich sehr gut umgegangen ist, dass also die Politik nach Beratung durch die Experten vieles richtig gemacht hat. Das passt “Bild” nicht in den Kram. Das ist für die Spektakelpresse unaushaltbar. Drosten ist in diesem Kontext nur ein Bauernopfer. Allerdings ist es ein Riesenfehler, wenn Wissenschaftler auch noch damit anfangen, sich bei Twitter gegenseitig anzugreifen. Das ist ganz unglücklich. Da müssen sie sich dringend besser beraten lassen. Es ist eben ein riesiges Lernfeld für unsere Forscher.

“Das ist eine schädliche Art, Journalismus zu betreiben”: “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt. © Quelle: picture alliance / Norbert Schmi

Alle großen Medien haben auch ausführlich über die paar Tausend sogenannten Corona-Skeptiker berichtet. Wäre es nicht sinnvoller, randständigen Positionen nicht so viel Raum zu geben?

Ja. Ich finde, darüber ist zu viel berichtet worden. Es ist immer gefährlich, wenn man abseitige Spekulationen und Gerüchte zum Thema macht, denn in der Regel verstärkt man sie damit, egal, wie der Bericht ausfällt. Das ist ein Zwiespalt: Einerseits muss man aufklären, andererseits darf man Unsinn nicht verstärken. Für mein Empfinden wurde um diese Demonstrationen zu viel Hype gemacht.

Ihr Tübinger Kollege Bernhard Pörksen sagt: “Die Verschwörungstheoretiker sind längst in ihre Youtube-Biotope abgedrängt.” Sind Sie auch so optimistisch?

Ich glaube tatsächlich, dass diese Kreise informationstechnisch gesehen sich selbst fressende Schlangen sind. Die sind im Netz schon sehr unter sich. Aber ich finde, man muss darüber berichten, sie müssen in der Öffentlichkeit abgebildet werden. Die Frage ist nur, mit welcher Intensität. Dass dann plötzlich drei Tage lang in den “Tagesthemen” fast ausschließlich über Corona-Demos und die dortigen, völlig abseitigen Meinungen und Theorien berichtet wird – da hätte ich mir eine größere Schweigsamkeit gewünscht.

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In der ersten Phase der Pandemie scharte sich das Land um seine politische Führung. Und dann gibt es ja immer schnell diese reflexhaften Vorwürfe, die Medien verhielten sich pädagogisch und verbreiteten quasi einheitlich und unhinterfragt die Krisenstrategie der Bundesregierung als alternativlos. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Es war schon so, dass bestimmte Themen zu Beginn nicht vorkamen, weil sich eine Art gemeinsame Agenda entwickelt hat. Zum Beispiel fehlte mir die große Reportage über die Einsamkeit in den Alten- und Pflegeheimen. Solche Themen kommen jetzt erst langsam. Ich möchte ja nicht nur wissen, wie überfordert die Pfleger sind, sondern auch, was es für Hunderttausende von alten Leuten bedeutet, über Wochen allein im Zimmer zu sitzen. Da hätte ich mir eine größere Vielfalt gewünscht, dieser Blick hätte uns gutgetan. In den Corona-Sondersendungen gab es doch viel schleifenhafte Wiederholung des Immergleichen.

Der Fall “Bild vs. Drosten” nimmt auch breiten Raum im neuen Video des Youtubers Rezo ein. Der Film heißt zwar dem Youtube-Slang gemäß “Die Zerstörung der Presse”, ist in Wahrheit aber durchaus fundierte Medienkritik. Nichts davon ist wirklich neu oder unbekannt, aber es wirkt. Wie fällt Ihr Urteil aus?

Ich finde, dass sich ein 27-Jähriger mit einer solchen Akribie und mit sehr vielen Belegen daranmacht, die unterschiedlichen Informations- und Nachrichtenkanäle nachzuvollziehen, und damit ein Bewusstsein dafür schafft, was Journalismus von Propaganda unterscheidet, was hochgejazzter Boulevard ist und wo Menschenvernichtung beginnt – das ist ein ganz wichtiger Beitrag zur Aufklärung. Vor allem auch in dieser Generation, die sich ja völlig anders informiert. Blöd finde ich nur die Überschrift “Die Zerstörung der Presse”. Das ist ja nun wirklich nicht sein Anliegen.

Es ist ein Slangwort für eine präzise, harte und zugespitzte Analyse. Aber im Grunde ist Rezos Film – anders als im Fall des CDU-Films – ja eine Liebeserklärung.

Richtig. Es ist eine Liebeserklärung an die seriösen Medien, an die großen Zeitungen und Medienmarken, die er auffordert, stärker Selbstkritik zu üben und andere Medien mal in die Pflicht zu nehmen, wenn es nötig ist. Er fordert zu Recht, dass die glaubwürdige Presse die Beißhemmung gegenüber den eigenen Leuten verlieren muss. Ich finde das sehr gut, was Rezo gemacht hat. Bis auf die Überschrift.

“Bild”-Chef Reichelt war beleidigt. Er twitterte, er sei “dieses schreckliche Millennial-Social-Media-Deutsch so leid”. Und Rezo mache sein Geld “auf einer Plattform, die mit verantwortlich ist für die Verbreitung übelster Verschwörungstheorien”. Sein mediales Zuhause sei “auch die Heimat der Verschwörungstheoretiker, Rassisten, Hetzer”. Warum arbeitet sich Reichelt so an Rezo ab?

Ich glaube, dass Reichelt gemerkt hat, dass er bei der Drosten-Studie einen Fehler gemacht hat, und jetzt um sich schlägt. Eine andere Erklärung habe ich nicht. Ich vermute, dass er das ganze Video gar nicht gesehen hat. Der Film ist eine sehr differenzierte Auseinandersetzung auch mit der “Bild”-Berichterstattung und der fahrlässigen Art, mit der aus dem Zusammenhang gerissene Zitate von Wissenschaftlern zu einem Skandal komprimiert wurden. Das sollte sich der Herr Reichelt ruhig mal anschauen.

Journalisten bereitet es einen besonderen Kitzel, sich auszumalen, was passieren könnte. Da wird aus einem Tropensturm dann gern eine potenzielle Menschheitskatastrophe. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser dauerhafte Fieberzustand über Nichtigkeiten sich nach Corona abschwächt. Wie ist das bei Ihnen?

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Medienwelt muss definitiv neu definieren, was eine Katastrophe ist und was nicht und wie sie mit vermeintlichen “Sensationen” umgeht. Corona hat auch gezeigt, wie wichtig es ist, dass sich die Presse noch mehr internationalisiert als bisher. Der globale Blickwinkel ist von großer Bedeutung. Auch ARD und ZDF haben in den letzten Jahren die Zahl der Auslandskorrespondenten immer mehr reduziert. Eine große Stärke des deutschen Mediensystems waren aber diese wirklich sehr gut informierten Auslandskorrespondenten. An dieser Stelle sollte man nachjustieren und die seriöse Berichterstattung aus dem Ausland wieder ausbauen. Ich glaube auch, dass Kooperationen und mehr Zusammenarbeit in den Medien sich als nützlich erweisen. Ich halte das für die richtige Strategie, um uns Bürgern die komplexen Zusammenhänge befriedigend zu erklären. Denn die riesigen Datenströme, die es auszuwerten gilt, brauchen sehr viele Kompetenzen. Die glaubwürdigen Institutionen, die wir im Journalismus haben, sollten in Zukunft keine Scheu haben, zusammenzuarbeiten.

Johanna Haberer wurde 1956 in München geboren. Sie ist evangelische Theologin, Journalistin und seit 2001 Professorin für Christliche Publizistik am Fachbereich Theologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ihre journalistische Ausbildung erhielt sie als Volontärin bei der Christlichen Medienakademie und arbeitete dann beim Bayerischen Rundfunk, als Autorin und Redakteurin für zahlreiche Fernsehfilme für ARD, ZDF und RTL sowie als Chefredakteurin von “Das Sonntagsblatt. Evangelische Wochenzeitung für Bayern”. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher, Beiträge, Vorträge und Rundfunkpredigten. Seit Juli 2018 ist sie zudem Mitglied der Datenethikkommission der Bundesregierung.

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