Medien zeigen Augenzeugenvideos aus Wien – 700 Beschwerden beim Presserat

  • Die Berichterstattung mehrerer Boulevardmedien zum Terroranschlag in Wien sorgt für Kritik.
  • Die Seiten hatten Amateurvideos der Tat veröffentlicht.
  • Erste Werbepartner distanzieren sich – beim österreichischen Presserat sind Hunderte Beschwerden eingegangen.
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Wien. Die Berichte mehrerer Boulevardmedien über den mutmaßlich islamistisch motivierten Terroranschlag in Wien stößt auf deutliche Kritik. Beim österreichischen Presserat sind seit Montagabend allein 700 Beschwerden eingegangen – nach eigenen Angaben ein Negativrekord. Und auch deutsche Medien stehen im Fokus.

Im Zentrum der Kritik steht das österreichische Portal „Oe24″, Ableger der Tageszeitung „Österreich“. Die Seite der Fellner-Mediengruppe hatte kurz nach der Tat Augenzeugenvideos von Schüssen der Angreifer auf Menschen veröffentlicht.

In den sozialen Medien regte sich umgehend deutlicher Protest. Der Chefredakteur des „Falter“, Florian Klenk, twitterte beispielsweise: „Oe24 missachtet gerade alle Bitten der Landespolizeidirektion Wien, Videos nicht zu posten. Nicht mal jetzt können sie Regeln einhalten.“

Rudi Fußi kommentierte: „Oe24 zeigt blutüberströmte Menschen und einen schießenden Irren. Das kanns ja net sein.“ Und Hannes Tschürtz twitterte: „Ich hoffe, dass das letztklassige, gefährliche und strunzdumme Verhalten von oe24 Konsequenzen hat. Als Staatsbürger verlange ich mindestens den Inseratenentzug aller öffentlichen Stellen.“

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Werbepartner distanzieren sich

Mehrere Unternehmen haben reagiert: Die Supermarktkette „Billa“ kündigte auf Twitter an: „Wir unterstützen dieses Vorgehen in keiner Weise, der Stopp unserer Werbeschaltungen auf diesem Medium sind bereits veranlasst.“

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Und auch das Unternehmen „Spar“ kündigte am Morgen auf Twitter an, man werde nicht mehr auf dem Portal der Zeitung werben. „Aufgrund der Art der aktuellen Berichterstattung setzen auch wir ein klares Zeichen und stoppen alle unsere Werbeanzeigen für SPAR, INTERSPAR und Hervis auf Oe24. Liebe Grüße aus Salzburg“, heißt es in einem Tweet.

Dringender Appell vom Presserat

Doch auch andere Boulevardmedien stehen in der Kritik. Laut einem Bericht des „Standard“ zeigte auch auch das Portal „Krone.at“ Augenzeugenvideos von den Vorfällen, darunter auch die Schüsse eines Attentäters auf eine Person, mit einer Überblendung, die diese unkenntlich machte.

Der österreichische Presserat sah sich am späten Abend gezwungen, auf Twitter einen eindringlichen Appell an Medienvertreter zu richten: „Anlässlich der schrecklichen Attacken in Wien weisen wir eindringlich auf den Persönlichkeitsschutz der Opfer hin“, heißt es in dem Tweet.

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Portal reagiert auf Kritik

Das Portal „Oe24“ hat sich zur Kritik geäußert. Herausgeber Wolfgang Fellner erklärte auf Anfrage des „Standard“, seine Seite zeige die Videos nach der Kritik nicht mehr. Er verweist darauf, dass die Videos von internationalen Medien und auf Social Media „dutzend-, ja hundertfach“ gezeigt worden seien, ebenso von der deutschen Seite „Bild.de“ und in Österreich von „Krone.at“.

„Das ist ein Terroranschlag. Ich glaube schon, dass es zum Verständnis des Terroranschlags dazugehört, wie der Todesschütze agiert hat“, so Fellner. Sein Medium habe „in keinem einzigen Fall eine Identität verletzt“, die Videos hätten „primär den Schützen“ gezeigt, „wie der um sich feuert“ – Opfer seien unkenntlich gemacht worden. Im Gegensatz zu anderen Medien habe seines keine Werbung in der Berichterstattung zu den Anschlägen geschaltet, so Fellner.

Videos auch bei „Bild.de“

Auch die „Bild“ hatte kurz nach dem Anschlag Bilder und Videos der Tat auf ihrer Website veröffentlicht. In einem Video auf der Seite ist zu sehen, wie einer der Attentäter einen Passanten erschießt – das Opfer wurde jedoch unkenntlich gemacht. Wie das medienkritische „Bildblog“ berichtet, sind erste Videos dieser Art auch schon am Abend publiziert worden – also zu dem Zeitpunkt, als die Polizei gezielt darum gebeten hatte, keine Videos von der Tat zu veröffentlichen. Auf Twitter kritisierten Nutzerinnen und Nutzer die Berichterstattung der Zeitung mitunter als „pietätlos“.

Die Zeitung selbst sieht das anders. „Das schreckliche Attentat von Wien hat die Menschen in Österreich wie der gesamten Welt entsetzt. Es ist die Aufgabe der Medien, zu zeigen was ist. Was und wie sie in der gebotenen Art berichten, entscheidet nach einer sorgfältigen Abwägung die jeweilige Redaktion“, argumentiert ein „Bild“-Sprecher auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND). "Es widerspricht unserem klaren Verständnis von Pressefreiheit, wenn Medien jeder Bitte nachkommen, von Berichterstattung abzusehen. Das würde am Ende nur Verschwörungstheorien und sonstigen Fake News Vorschub leisten.“

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