Chef des Deutschlandradios: „Medien sind nicht die vierte Gewalt“

  • Der Intendant des Deutschlandradios, Stefan Raue, sieht das Radio als Medium der Demokratie.
  • Aber er sagt auch: „Man darf sich als Medium auch nicht überheben“.
  • Und er verspricht im Interview, dass eine der ältesten deutschen Radiosendungen, die Kultstatus genießt, im Programm bleiben wird.
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Herr Raue, gibt es eine Radiosendung, für die Sie alles stehen und liegen lassen?

Vor 40 Jahren hätte ich gesagt: Ja. Aber mittlerweile bin ich hauptberuflich mit Hörfunk beschäftigt und höre eine Reihe von Sendungen regelmäßig und gern. Ich bin ja von Hause aus Politik- und Nachrichtenjournalist und höre insofern im Deutschlandradio Sendungen gern wie „Informationen am Morgen“, „Studio 9“ und „Update“ – also die aktuellen Informationssendungen.

Was hätten Sie denn vor 40 Jahren geantwortet?

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Ich bin im Bereich des Westdeutschen Rundfunks aufgewachsen. Auf WDR 2 wurde damals eine Musiksendung ausgestrahlt, die jeden Tag eine andere Musikfarbe hatte, mit Moderatoren wie Mal Sondock oder Alan Bangs. Und BFBS habe ich auch viel gehört. Es ging mir damals also in erster Linie um gute Musik.

Moderierte zunächst bei BFBS Germany und später beim WDR: Alan Bangs, hier in einer Aufnahme von 1991. © Quelle: Franz Fender

Wir können heute bei Spotify und anderen Streamingportalen Musik hören, wir finden Informationen und Nachrichten im Internet, es gibt zu nahezu jedem Thema einen Podcast. Wozu brauchen wir überhaupt noch das klassische Radio?

Das haben wir uns auch gefragt. In vielen Studien zur Mediennutzung ist sehr klar zu unterscheiden zwischen Hörerinnen und Hörern unter 35 Jahren und Hörerinnen und Hörern über 35. Menschen unter 35 nutzen Radioangebote sehr stark auf Abruf, etwa in Audiotheken. Menschen über 35 wiederum nehmen sehr stark das lineare Angebot wahr. Wir haben dann eine Studie in Auftrag gegeben, in der Menschen aus diesen Altersgruppen unter anderem gefragt wurden, wie sie Audio hören und wie sie Audio hören wollen.

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Mit welchen Resultaten?

Wir haben ganz erstaunliche Ergebnisse erhalten, etwa dass die jüngeren Menschen zwar sehr gezielt non-lineare Angebote nutzen, dass sie viel und gerne streamen, also Audioangebote über das Smartphone hören. Aber, und das ist das Entscheidende: Sie wollen um Gottes Willen das gute alte lineare Radio nicht missen.

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Womit begründen Sie das?

Es ist für sie noch einmal ein ganz anderes Angebot als das non-lineare: ein gestaltetes Programm, das ihnen auch Themen nahebringt, von denen sie gar nicht geahnt haben, dass sie sie interessieren.

Das Angebot ist oft vielfältiger als die Nachfrage

Ist ein Vorteil des klassischen Radios auch, dass mir viele Entscheidungen abgenommen werden – etwa, welche Musik ich höre?

Ein Radioprogramm zu gestalten ist eine Kunst für sich. Ich konfrontiere den Hörer und die Hörerin mit einem Gesamtfluss von Sendungen – mit interessanten Ideen, guten Übergängen, überraschenden Angeboten und bringe ihm oder ihr damit andere Welten nahe. Wir hören öfter von Hörerinnen und Hörern, die uns schreiben, so etwas wie: „Ich wollte eigentlich schon abschalten, aber dann hattet Ihr eine so wunderbare Sendung, dass ich drangeblieben bin.“ Das zeigt den qualitativen Unterschied zum reinen Nachfrageprogramm etwa in Audiotheken.

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Medien haben eine wichtige Bedeutung für die Gesellschaft. Unter anderem können sie die Selbstbeobachtung der Gesellschaft ermöglichen. Sind die Programme von Deutschlandradio ein solches „Fenster zu unserer Gesellschaft“?

Sie sollten es sein, und wir bemühen uns. Ob uns das immer gelingt, ist eine andere Frage. Aber es steht in unserem Rundfunkstaatsvertrag. Das Bundesverfassungsgericht hat gerade den Öffentlich-Rechtlichen ins Auftragsbuch geschrieben, dass wir eine Plattform sein sollen, dass wir viele Stimmen aufnehmen sollen, dass wir der Gesellschaft in ihrer Selbstorientierung helfen sollen. Und unsere Programme versuchen das auf unterschiedlichem Wege.

Das Logo des Deutschlandfunks am Funkhaus des Senders Deutschlandradio in Köln. © Quelle: Oliver Berg/dpa

Woran scheitert es denn manchmal?

Es gelingt mal mehr, mal weniger, weil wir als Journalisten ja auch Menschen sind und in unseren Bezugsgruppen, mit unseren Meinungen und Einstellungen leben. Wir müssen aber immer wieder schauen, dass wir aus diesen Gruppen heraustreten und andere Interessengruppen, andere Kulturen, andere Milieus ebenso ernst nehmen und uns mit ihnen auseinandersetzen.

„Man darf sich als Medium auch nicht überheben“

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Sollte Radio ein Medium der Demokratie sein?

Unbedingt. Aber man darf sich als Medium auch nicht überheben. Ich bin kein Freund der Definition, dass Medien die vierte Gewalt sind.

Warum nicht?

Wir sind nicht gewählt, wir haben in einem engen staatlichen Sinne auch keine Verantwortung für das Gemeinwesen. Das steht uns nicht zu, das steht auch nirgendwo, das wäre anmaßend. An uns kann die Welt nicht genesen, aber wir müssen ihr helfen, dass ein kritischer Diskurs in zivilisierter Form stattfindet. Wir müssen helfen, dass Argumente ausgetauscht werden, dass alle eine faire Möglichkeit haben, gehört zu werden, und dass auch diejenigen, die eher stiller, eher zurückhaltender sind, zu Wort kommen. Aber wir sind nicht diejenigen, die die Demokratie letztendlich retten können. Das müssen die Bürgerinnen und Bürger schon selbst.

„Interaktionen mit den Hörerinnen und Hörern weiterentwickeln“

In den sozialen Medien gibt es einen ständigen Diskurs, wenn auch oft nicht in zivilisierter Form. Jeder kann sich zu allem äußern und mit anderen diskutieren. Das geht im Radio nicht, weil zumeist nur in eine Richtung gesendet wird. Muss es mehr Mitmachsendungen in Ihrem Programm geben?

Ja und nein. Wir haben viele Mitmachsendungen. Radio hat eine alte Tradition zum Beispiel des Hörertelefons. Bertolt Brecht hatte ja die Vision eines demokratischen Radios, bei dem alle in irgendeiner Weise mitgestalten und kreativ mitwirken können. Doch dieser Schritt ist nie richtig zu Ende gegangen worden, weil alle Experimente mehr oder weniger gescheitert sind. Ich glaube, hier lohnt es sich weiterzudenken.

Wie denn?

Wir müssen die bereits bestehenden Interaktionen mit den Hörerinnen und Hörern weiterentwickeln, wir müssen schauen, auf welche Weise uns die digitale Welt dabei Möglichkeiten jenseits von Twitter und Facebook bietet. Wir werden beim Deutschlandradio jetzt eine neue Schwerpunktredaktion „Meinung und Diskurs“ gründen, die für alle drei Programme – also Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova – tätig sein soll und die auch neue Formate entwickeln soll.

„Wir müssen vieles zulassen und uns auch vielen Meinungen aussetzen“

Gibt es eine rote Linie, wer sich äußern darf und wer nicht?

Ja, aber es herrschen verschiedene Vorstellungen, wo diese rote Linie verlaufen soll. Ich gehöre zu denjenigen, die da etwas liberaler sind. Ich glaube, wir müssen vieles zulassen, wir müssen uns auch vielen Meinungen aussetzen. Für mich verläuft die rote Linie dort, wo etwas strafrechtlich von Belang ist – Schmähkritik ist verboten und natürlich auch Rassismus und Antisemitismus. Diese Haltungen möchte ich als geäußerte Meinung nicht im Programm haben. Aber diesseits der roten Linie möchte ich so viele unterschiedliche Meinungen und Auffassungen hören wie möglich.

Deutschlandradio: Das Funkhaus des Senders in Köln. © Quelle: Oliver Berg/dpa

Es gibt in Ihrem Programm viele etablierte und viele neue Formate. Aber eine Sendung existiert bereits seit 1965, also seit 55 Jahren: das „Sonntagsrätsel“. Wird diese Sendung bestehen bleiben?

Als ich vor drei Jahren als Intendant des Deutschlandradios anfing, gab es einen Tag der offenen Tür mit vielen Hörerinnen und Hörern. Ich bin damals von sehr vielen Menschen geradezu bestürmt worden, die sagten: „Sie werden bestimmt vieles anders machen als Ihr Vorgänger und Ihr Vorvorgänger, aber bitte, bitte, schaffen Sie nicht das ‚Sonntagsrätsel‘ ab!“ Und ich habe geantwortet: „Es gibt nicht mehr so viele Kultsendungen im Radio und im Deutschlandradio auch nicht. Ich werde den Teufel tun, eine Kultsendung abzuschaffen.“ Diese Sendung ist auch eine Stück stehen gebliebene Zeit, sie ist die absolute Entschleunigung.

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