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Lungenfacharzt bei Maybrit Illner: „Triage wäre die Bankrotterklärung unseres Staates“

  • Müssen auch in deutschen Kliniken bald Menschen sterben, damit andere leben können?
  • Der Lungenfacharzt Christian Karagiannidis gibt auf die Frage nach dem Thema Triage bei „maybrit illner“ eine klare Antwort.
  • Katrin Göring-Eckardt fordert zudem „richtig Druck in den Kessel“, um die Pandemie in den Griff zu bekommen.
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„Über den Ernst der Lage muss man mit Ihnen nicht diskutieren“, stellte Maybrit Illner am Donnerstag ihren zugeschalteten Gast vor. In der Tat weiß vermutlich kaum jemand über die Corona-Lage in deutschen Krankenhäusern besser Bescheid als ein Lungenfacharzt aus Köln, der zudem Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) ist: Christian Karagiannidis wurde von der Gastgeberin mit der Frage konfrontiert, ob das „Schreckgespenst der Triage“ - die Auswahl der Kranken, da die Versorgung nicht für alle gewährleistet ist - auch in Deutschland drohe. Seine Antwort? Ein deutliches „Nein.“

„Ich bin auch kein Freund des Wortes ‚Triage‘“, fügte der Intensivmediziner an - und definierte: „Triage bedeutet, dass ich aktiv das Leben eines Menschen beende zugunsten eines anderen.“ Diese Vorgehensweise sei in keinem Fall hinnehmbar. „Mit dem Gesundheitssystem, mit den Ressourcen, die wir haben, wäre das wirklich die Bankrotterklärung unseres Staates“, so Karagiannidis. „Was wir aber breitflächig sehen werden, ist Priorisierung.“ Es gebe eine begrenzte Anzahl von Betten und immer mehr Anfragen anderer Krankenhäuser, als man bedienen könne. Dies bedeute, dass eine Auswahl getroffen werden müsse.

Karagiannidis erwartet Priorisierung, aber keine Triage

„Und diese Priorisierung, die sie in der Regel nur in großen Zentren haben, die wird breitflächiger in den nächsten Wochen und Monaten“, erwartete der DGIIN-Präsident. Christian Karagiannidis zeigt sich jedoch zuversichtlich, dass diese Herausforderung gestemmt werden könne: „Wir müssen versuchen, möglichst alle Patienten zu versorgen, und ich bin mir auch sicher, dass wir das schaffen können.“

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Wie der Mediziner ein Team zu vermeintlich unnötiger Arbeit motiviert, wollte Maybrit Illner ebenfalls wissen. „Ganz vermeidbar sind glaube ich Intensivfälle und Notfälle nie“, stellte Karagiannidis klar, der seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein großes Lob aussprach. In den Kliniken habe man inzwischen eine große Routine gewonnen. Gesellschaftlich beobachtet er die Pandemie-Situation folgendermaßen: „In den letzten Wochen ist eine Debatte aufgekommen zwischen geimpft und ungeimpft, die ich ein bisschen unglücklich finde.“ Da sei etwas emotionaler Druck aufgekommen, „den wir auf der Intensivstation momentan überhaupt nicht gebrauchen können“.

Lungenfacharzt: „Hier keine überzeugten Impfgegner“

Auch auf mögliche Aggressivität ungeimpfter Intensivpatienten wurde Karagiannidis angesprochen. Zwar habe die Distanzlosigkeit zugenommen, jedoch seien das grundsätzlich „Phänomene, die beobachten wir schon seit vielen Jahren“. Die Situation im Westen sei - eine interessante Beobachtung -, dass „wir hier keine überzeugten Impfgegner haben“. Der Kölner Intensivmediziner berichtet: „Ich habe keinen einzigen von denen gesehen, die bei uns liegen.“ Viel mehr handele es sich ganz häufig um Menschen, die zwischen 30 und 50 Jahre alt seien und gar nicht gedacht hätten, dass sie so schwer krank werden könnten.

Karagiannidis‘ Signal an die Politik ist demnach: „Wir haben noch eine gewisse Chance, die Leute zur Erstimpfung zu bewegen.“ - Mindestens eine Million Erstimpfungen in den nächsten ein, zwei Wochen seien unabdingbar. Die Impfung sei neben dem Durchmachen der Infektion die einzig echte und nachhaltige Lösung. „Alles andere verzögert es nur.“ Aber was hilft denn nun kurzfristig? „2G wird den r-Wert wahrscheinlich um 0,2, vielleicht 0,3 Punkte senken. Aber der Effekt wird nicht akut sein“, erklärte der Lungenarzt. Auch Booster-Effekte würden laut Modellen erst in vier bis sechs Wochen zu beobachten sein.

Arzt pocht auf Tragen von Masken in Innenräumen

„Das, was jetzt einen Akuteffekt hat, damit wir die Infektionszahlen insbesondere in Bayern runterkriegen, ist, dass sich die Bevölkerung ganz diszipliniert an die Maßnahmen hält“, stellte Karagiannidis klar. Dazu zähle insbesondere das Tragen von Masken in Innenräumen.

Aus der Politik war Katrin Göring-Eckardt, die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, bei Illner zu Gast. Sie zeigte sich erfreut darüber, dass der wahrscheinlich nächste Kanzler Olaf Scholz nun aktiv an der Pandemiebekämpfung beteiligt sei. „So ein bisschen nebenher“ sei das Thema für den SPD-Politiker aufgrund der laufenden Koalitionsverhandlungen zur Ampel bislang gelaufen. „Das hat sich ja inzwischen jetzt geändert, und das musste auch sein“, so Göring-Eckardt.

Grünen-Fraktionschefin fordert eine Million Impfungen am Tag

Bei der der Pandemie handele es sich um „die große Krise“, die ein Kanzler in spe zu managen habe. Auch die Grünen-Fraktionschefin forderte in den kommenden Wochen eine Million Impfungen am Tag. „Dieser Aufgabe müssen wir uns jetzt wirklich gemeinsam stellen“, sagte Göring-Eckardt. Um eine Corona-Welle über Januar und Februar hinaus zu verhindern, müsse nun „richtig Druck in den Kessel“.

RND/Teleschau

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