Martina Gedeck: “Ich halte eine Trennungstherapie für ein tolles Konzept”

  • Im Film “Und wer nimmt den Hund?” trennt sich Martina Gedeck als Figur Doris mit professioneller Unterstützung von ihrem Mann.
  • Auch im echten Leben hält sie das für ein gutes Vorgehen, wie sie im RND-Interview erzählt.
  • Sie spricht außerdem über Mann-Frau-Klischees im Film – und darüber, warum man die nicht komplett weglassen sollte.
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Martina Gedeck, Sie spielen in “Und wer nimmt den Hund?” Doris, die erst davon überrumpelt wird, dass ihr Mann nach mehr als 20 Jahren Ehe eine Neue hat, und sich dann selbst neu verwirklicht. Ehemann Georg (Ulrich Tukur) beschreibt Ihre Figur als “temperamentvoll, impulsiv und irrational”. Wie viel haben Sie mit Doris in der Hinsicht gemeinsam?

Wahrscheinlich bin ich etwas reflektierter als Doris. Sie ist eine Frau, die in geordneten Bahnen gelebt hat, und jetzt verändert sich ihr Leben plötzlich und sie schmeißt sich in neue Dinge rein. Ich denke, dass es manchmal gut ist, wenn man sich in Neuland begibt, ohne vorher zu viel darüber nachzudenken. Sie ist dabei nicht das geschlagene Opfer, sondern begibt sich auf neue Ebenen. Ich lasse die Dinge auch mal laufen, ohne sofort einzugreifen und am Schicksal zu drehen.

Doris rastet nach der Trennung aus, fährt mit seinem Auto gegen die Garage und zündet das Auto der neuen Freundin ihres Mannes an. Können Sie sich in so was hineinversetzen?

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Ja, das habe ich gemacht für den Film. (lacht) Da nimmt die Geschichte Fahrt auf. Das ist toll an dem Film, dass das so ins Extrem geht. Doris’ Art, Wut abzulassen, ist ja fast schon kriminell. Diese kriminelle Energie ohne Rücksicht auf Verluste kann ich bei mir nicht feststellen.

Sie würden also nicht bei Liebeskummer direkt ein Auto anzünden oder gegen die Garage fahren?

Nein, Autos waren für mich nie interessant, auch nicht als Symbol fürs Leben oder wofür das auch immer stehen mag. Aber beim Spielen war die Garagenszene nicht ungefährlich. Obwohl ich mit sehr wenigen Stundenkilometern gegen diese Garage gekracht bin, ist die Gefahr groß, dass man sich dabei die Handgelenke bricht.

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Also haben Sie die Szene selbst gedreht?

Ja, aber es wurde aufgepasst. Es gab Leute, die mir gesagt haben, was ich beim Aufprall machen muss. Aber es ist nicht unbedingt ratsam, das nachzumachen.

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Die meisten Paare machen eine Therapie, um zusammenzubleiben. Im Film machen Doris und Georg hingegen eine Trennungstherapie. Was halten Sie davon?

Ich halte eine Trennungstherapie für ein tolles Konzept. Ich glaube, dass viele Dinge unausgesprochen bleiben bei Trennungen. Man nimmt Verletzungen mit in die nächste Beziehung oder in sein zukünftiges Leben. Es hilft, wenn in einer solchen Situation jemand dabeisitzt, der mediativ einwirkt und Dinge zum Vorschein bringt, die man zu zweit nicht denken oder aussprechen würde. Manchmal muss man in einer Beziehung Kompromisse schließen und deswegen kommen Dinge nicht zur Sprache, die im Verborgenen weiterwirken. Das führt oft zu einer Entfremdung.

In der Therapie im Film geht es auch um eine Liste mit Wünschen, die sich das Paar gemacht hat. “Verrückt bleiben” steht unter anderem darauf. Würden Sie sich als verrückt bezeichnen?

Verrückt bin ich bestimmt nicht und will ich auch nicht sein. Ich glaube aber, was damit gemeint sein könnte, ist eine innere Freiheit, die man sich bewahren will. Also dass man nicht zu sehr in Dinge gerät, die einen beengen, und man sich nicht verbiegt. Das finde ich wichtig, dass man sich nicht zu sehr in Fremdbestimmung begibt. Es kann ja doch passieren, dass man sich hin und wieder selbst im Laufe des Lebens abhandenkommt. Das wäre ein Wunsch, mit dem ich was anfangen kann, dass man seine innere Freiheit behält. Und dass man sich darüber austauscht, wenn man zu zweit durchs Leben geht. Ich glaube auch, dass es gut ist, wenn es viele verschiedene Menschen gibt, denen man im Leben begegnet. Wenn man sich zu sehr auf eine Person kapriziert und sich in eine Abhängigkeit begibt, ist das nicht gut.

Es gibt einige Mann-Frau-Klischees im Film: Er betrügt sie mit einer 30 Jahre Jüngeren, sie ist erst verzweifelt; sie schreibt für die Therapie eine seitenlange Geschichte auf, er tippt es nur kurz ins Handy. Sollte man mit solchen Klischees nicht lieber aufräumen in filmischen Darstellungen?

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Ich mag Filme auch, in denen diese Klischees nicht vorkommen. (lacht) Aber es gibt diese Verhaltensweisen. Es passiert, dass ein Mann eine Geliebte hat. Es gibt sicher noch zu wenige Filme, in denen das einer Frau passiert. Ich finde es aber richtig, dass das thematisch behandelt wird, und in diesem Film ist die Frauenfigur nicht das Opfer. Ihre Ausbrüche sind eher Täterausbrüche. Deshalb finde ich es richtig, dass die Geschichte mit einem Klischee beginnt, weil es schnell auf den Kopf gestellt wird. Aber natürlich muss es auch andere Formen der filmischen Auseinandersetzung mit der Thematik geben, und die gibt es auch. Man kann den Film in die Klischeeschublade legen, diesen Vorwurf höre ich fast bei jedem Film, dass man eigentlich so ein Frauenbild nicht mehr zeigen sollte. Ich wundere mich nur, warum es so viele Frauen gibt, die so sind. Insofern denke ich, man sollte die auch zu Wort kommen lassen. Man kann nicht immer nur die starke Heldin zaubern. Wir können aber sehen, wie jemand sich aus einer geschwächten in eine gestärkte Position begibt.

Die TV-Premiere “Und wer nimmt den Hund?” mit Martina Gedeck macht am Montag, 29. Juni 2020, um 20.15 Uhr den Auftakt zum “SommerKino im Ersten”.


“Staat, Sex, Amen”
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