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Markus Lanz über Meinungsfreiheit: „Diese paar Sätze, das überlebe nicht mal ich“

  • Von Jens Lehmann bis Woody Allen, von Carolin Emcke zu einer namentlich nicht genannten „Ikone des linksliberalen Kulturbetriebs“, die ein Interview zurückzog.
  • Bei Markus Lanz wurde leidenschaftlich über die neuen Grenzen der Debattenkultur debattiert.
  • Ist die Meinungsfreiheit wirklich in Gefahr?
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Es sind Zahlen, die sich ohne Frage verstörend lesen in einem Land, das sich verfassungsgemäß zu Freiheitlichkeit und zu Toleranz verpflichtet sieht. Laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage glauben 44 Prozent der Deutschen, dass sie ihre Meinung nicht mehr frei äußern können. Immerhin: Eine Debatte über die Gründe, warum die Debatte vermeintlich unfrei geworden ist, scheint noch möglich zu sein. Der ZDF-Talker Markus Lanz versammelte am Mittwochabend eine Intellektuellenrunde, um monothematisch über die neuen Grenzen und Sanktionen des Meinungsaustauschs zu diskutieren.

Da war zur Linken des Moderators Giovanni di Lorenzo. Dem Chefredakteur der „Zeit“ fiel die obligatorische Richtigstellung zu, dass Meinungsfreiheit formal selbstverständlich gegeben und intakt sei in Deutschland. Jedoch glaube er, dass „die Sanktionen, die daraus folgen, wenn man seine Meinung äußert“, auf viele Menschen einschüchternd wirken. Interessanterweise verursache diese Einschüchterungseffekte heute nicht mehr der Staat oder die Kriche, sie kämen aus der Gesellschaft selbst: „Das ist vielen Menschen unheimlich.“

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Eine gänzlich freie Debattenkultur gab es auch früher nicht

Was den einen unheimlich ist, werten andere als Fortschritt, etwa Emilia Roig. „Es gibt einen Paradigmenwechsel, wie wir über gesellschaftliche Probleme sprechen, wie wir über andere sprechen“, dozierte die Politikwissenschaftlerin bei „Markus Lanz“. Das Ganze resultiere „aus einem Empowerment von Menschen, die bisher von außen definiert wurden. Heute ändert es sich, ich glaube, es ist eine gute Entwicklung.“ Dass es vor dem Einzug der vermeintlichen „Cancel Culture“ eine freie Debattenkultur im Land gegeben hätte, sei eine Illusion. Vormals hätten sich nur solche Gruppen äußern könne, „die über die meiste mediale Macht verfügen. Das sind Gruppen, die homogen sind. Frauen gehören nicht dazu. People of Color gehören nicht dazu.“

Als nationaler Cheferklärer des Phänomens soziale Medien war auch „Spiegel“-Kolumnist Sascha Lobo bemüht, das Positive an der neuen Empfindsamkeit in Diskursfragen herauszuschälen. Menschen bekämen nun plötzlich Widerspruch, „die vorher nur in ihren eigenen Zirkeln kommuniziert haben“. Lobo fiel als Beispiel „der sprichwörtliche rassistische Onkel“ ein, der früher immer nur am Stammtisch seine Rassismen losgelassen hätte. „Und auf einmal sind da die ehemaligen Schulfreunde oder Arbeitskollegen auf Facebook, die Widerworte leisten. Das wird sehr häufig damit verwechselt, in seiner Meinungsfreiheit beschnitten zu sein“. Vielmehr entstehe „eine größere Debattenoberfläche“, mithin „ein gesellschaftlicher Fortschritt“.

Markus Lanz beklagt „neue Gnadenlosigkeit in der Debatte“

Das klang für den wieder mal selbst sehr meinungsstarken Moderator der Sendung offenbar verharmlosend: Markus Lanz beklagte eine „neue Gnadenlosigkeit in der Debatte“. Diese führe dazu, „dass Existenzen so lange geschreddert werden, bis sie nicht mehr da sind“. Di Lorenzo bestätigte die Wahrnehmung mit dem Schlagwort einer „Debattenunkultur“. Es werde „nicht mehr geguckt, was ist das Argument, das jemand vorträgt, sondern: Ich welche Schublade kann ich dich stecken, wenn du dieses Argument vorträgst“. Der Fall der Autorin Carolin Emcke, die sich nach einer Rede auf dem Grünen-Parteitag Antisemitismus-Vorwürfen ausgesetzt sah, gilt ihm als besonders erschreckendes Beispiel.

Überhaupt, die Beispiele. Während die Politologin Roig nach Kräften darum rang, den Blick aufs Systemische zu lenken, deklinierte der Rest der Runde sämtliche einschlägigen Namen durch, die sich mit dem Talk-Thema verbinden lassen. Fast so, als seien die unbewiesenen Missbrauchsvorwürfe gegen den amerikanischen Filmemacher Woody Allen etwas Vergleichbares wie die unbedachte Verbwahl des TV-Experten Dennis Aogo - oder wie die Schauspielerrevolte gegen die Theaterintendantin Shermin Langhoff. „Fängt da nicht eine Revolution an, ihre Kinder zu fressen?“, kommentierte Schriftstellerin Thea Dorn süffisant, dass sich das linksliberale Kulturlager inzwischen oft selbst zerlege.

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Thea Dorn: „So kann man doch nicht mit erwachsenen Menschen umgehen“

Dass bei altgedienten Protagonisten des lange Zeit archaischen Fußballsports der Nachholbedarf in Sachen geeigneter Wortwahl mitunter groß ist, überrascht da schon weniger. Aber muss man dem ehemaligen Fußballtorwart Jens Lehmann eine unangemessene Äußerung („Quotenschwarzer“), die als fehlgeleitete SMS ungewollt die Öffentlichkeit erreicht, deshalb nachsehen? „Es ist eine solche Ächtung, dass sich bei Leuten Unbehagen rührt“, sprang di Lorenzo dem Ex-Sportler zur Seite. Dass der frühere Nationalspieler Geschäftspartner und seinen Aufsichtsratsposten bei Hertha BSC Berlin verloren habe: „Das ist zu hart. Man muss jemandem zugestehen, dass er sich rehabilitiert.“

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„Was wir sehen, sind nur die Extremfälle“, widersprach Sascha Labo dem Eindruck, der Fall Jens Lehmann sei beispielhaft für die Debattenkultur insgesamt. „Was wir nicht sehen, sind die vielen Zehntausenden Fälle, wo Widerspruch dazu führt, dass Menschen anfangen zu lernen.“ Im Übrigen habe genau das bei Lehmann ja ansatzweise funktioniert. Zwar habe der Ex-Torwart ohne Frage „Schaden davongetragen“. Jedoch habe sich anhand eines an den Skandal anschließenden „Zeit“-Interviews gezeigt, dass Lehmann eine „gute Lernkurve“ hingelegt habe. Thea Dorn empfand das Argument offenkundig als zwangspädagogisch motiviert: „Man kann doch auch Lernprozesse in Gang setzen, ohne dass man Herrn Lehmann aus dem Aufsichtsrat feuert. So kann man doch nicht mit erwachsenen Menschen umgehen!“

Wie groß die Angst vor drakonischer öffentlicher Abstrafung inzwischen ist, belegte Giovanni di Lorenzo mit einer Anekdote aus seiner Arbeit als Chefredakteur. So habe unlängst „eine wirklich integre Person des linken Kulturbetriebs, eine Ikone“, ein gesamtes Interview im „Zeit“-Magazin zurückgezogen, „weil er sich ein bisschen kritisch geäußert hatte gegen Cancel Culture und Identitätspolitik“. Zur Begründung habe der Interviewte geäußert: „Diese paar Sätze, das überlebe nicht mal ich.“

RND/Teleschau

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