Maria Furtwängler: „Das Herumeiern um die Corona-Krise hat mich genervt“

  • Derzeit ist Maria Furtwängler als prollige Fahrschullehrerin Beate Harzer in der zweiten Staffel der Corona-Comedyserie „Ausgebremst“ zu sehen.
  • Sonst kennt man sie vor allem als elegante Ermittlerin Charlotte Lindholm im „Tatort“.
  • Im Interview spricht sie über Humor in der Corona-Krise, die Freiheit der Improvisation und warum sie immer noch mit Jan Josef Liefers arbeiten möchte.
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Wer an Maria Furtwängler denkt, denkt meist direkt an den „Tatort“. An eine zielstrebige, selbstbewusste Ermittlerin. Doch nun sitzt die 54-Jährige als ehemalige Fahrschullehrerin Beate Harzer in der zweiten Staffel der Serie „Ausgebremst“ in einer Kulisse, die aussieht, als wäre dafür eine Nanu-Nana-Filiale leer gekauft worden. Schon die erste Staffel der Serie, die beim Pay-TV-Sender TNT produziert worden ist und derzeit in der ARD-Mediathek abrufbar ist, entstand unter Eindruck der Corona-Pandemie. In den neuen Folgen gesellen sich noch andere „Tatort“-Ermittler zu Furtwängler, die zur Hauptrolle als Produzentin auftritt, wie Axel Milberg, Jasna Fritzi Bauer und Jan Josef Liefers. Ein Gespräch über Humor, Frauenrechte und die Anti-Lindholm.

Man kennt Sie als elegante Charlotte Lindholm. Als Beate Harzer sitzen Sie in der zweiten Staffel von „Ausgebremst“ mit zerzausten Haaren in einer als Wohnung genutzten Fahrschule. Was hat Sie an dieser so anderen Rolle gereizt?

Beate Harzer ist die Anti-Lindholm. Sie ist unprofessionell, unkontrolliert und aufdringlich. Es hat wirklich Spaß gemacht, eine ganz andere darstellerische Facette von der Leine lassen zu können. Gleichzeitig ist sie eine Figur, die vieles widerspiegelt, was uns im letzten Jahr widerfahren ist. Sie ist einsam, hat Geldsorgen und Angst vor diesem Virus. Und sie muss ganz allein einen trostlosen 50. Geburtstag feiern. Wir wollten diese Krise tragikomisch beleuchten.

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Genauso wollten wir aber auch die verschiedenen Krisenprofiteure erzählen: Der Mann meiner Schwester, die von Monika Gruber gespielt wird, ist zum Beispiel Maskenhersteller. Monika Gruber war wirklich entzückend – und hat wunderbare Einfälle mitgebracht. Sie hat das neue Produkt der Firma, diese goldene Maske mit Kettchen, selbst gebastelt. Man merkt dem Format insgesamt an, dass wir bei Dreh und Improvisation unglaublich viel Spaß hatten.

Welche Ideen hatten die Kollegen denn noch?

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Bei der Rolle des schmierigen Lebensberatungsgurus hatte Jan Josef Liefers die Idee, sich Beate Harzers Namen zur Erinnerung auf die Hand zu schreiben, um zu erzählen, wie trottelig dieser Typ ist. Axel Milberg hat sich überlegt, dass sein Callboy während des gesamten Videotelefonats auf der Toilette sitzt. Am Ende hat er sogar abgezogen – warum auch immer. (lacht) Das mussten wir dann aber doch herausschneiden.

Jasna Fritzi Bauer als Prepperin im Bunker hatte als Kulisse Reihen mit Klopapierrollen aufgebaut, weil wir kein geeignetes Setting bekommen haben. Die Szene mit Detlev Buck haben wir in der Retroküche einer alten Dame gedreht, die er kannte. Wir hatten auch in der zweiten Staffel ein sehr geringes Budget. Aber dadurch entstehen solche Einfälle.

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Ich selbst habe mich lange in der Vorbereitung für Beate Harzer mit Fahrschulweisheiten beschäftigt. Dadurch kam ich auf die Idee mit dem Ratgeberbuch, das sie geschrieben hat, und der universellen Sprache der Verkehrszeichen.

Was ist eigentlich der schlimmste Verkehrszeichenslogan, der Ihnen untergekommen ist?

Wenn man zum Beispiel bei einem Streit das Verkehrszeichen Steinschlag zeigt, könnte das bedeuten: Obacht, wenn du jetzt weitermachst, hagelt es von oben. Das ist die Zukunft der Sprache. Beate Harzer ist einfach ein Genie, das ihrer Zeit voraus ist. (lacht)

Beate Harzer feiert während der gesamten zweiten Staffel ihren 50. Geburtstag. Was ändert sich für Schauspielerinnen im deutschen Fernsehen, wenn sie 50 werden?

Mit der MaLisa-Stiftung und der Uni Rostock haben wir die Geschlechterdarstellungen in Kino und Fernsehen untersucht und festgestellt, dass Frauen nach ihrem 35. Geburtstag in einer Art medialem Bermudadreieck verschwinden.

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Bis zum 30. Lebensjahr kommen wir ebenso häufig vor wie Männer. Aber danach verschwinden wir. Das ist eine subtile Unsichtbarmachung der älter werdenden Frauen. Insbesondere im Entertainment, in der Moderation, kommen wir ältere Frauen überhaupt nicht vor – schon gar nicht als Expertin. Inzwischen ändert sich hier etwas. 2020 haben wir erneut eine Studie durchgeführt, die Zahlen präsentieren wir im Spätsommer 2021.

Wenn eine Schuldirektorin im Homeoffice in der Serie über Care-Arbeit in der Corona-Krise spricht, wird der Ton in der Comedyserie plötzlich sehr ernst. Ist das ein Thema, das Ihnen am Herzen liegt?

Ja. Aber der Impuls kam vor allem von Anke Greifeneder, Fiction-Chefin beim Sender TNT, mit dem wir den ganzen Schabernack begonnen haben. Sie hat zwar diesen Topjob. Aber wie ist es in der Pandemie? Wer hatte die meiste Arbeit mit den Kindern? Das war sie. Rosalie Thomass, die ich kurz vor Weihnachten ansprach, meinte erst, dass sie überhaupt keine Zeit dafür hat. Als sie aber sah, um welche Rolle es sich handelte, wollte sie sie unbedingt spielen. Die Realität ist hart – meist kümmern sich die Frauen zusätzlich zum Job um Kinder und Haushalt. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz und es erscheint so schwer, dies zu durchbrechen.

Erstaunlicherweise lernen die Charaktere sehr wenig aus ihren Konflikten. Zum Beispiel erhält Beate Harzer ihre Räumungsklage – aber ignoriert sie komplett.

Beate ist wahnsinnig naiv – aber auch eine Stehauftype. Sie sieht sich ihre Probleme einfach nicht an. Man hat nicht das Gefühl, dass sie am Schluss geläutert oder gewachsen ist. Beate Harzer ist schrecklich – eine unmögliche Person. Das schließt auch an die Debatte an, wie weit Satire gehen kann: Wie vorurteilsbehaftet und unmöglich darf sie sein? Wir haben uns entschieden, dass sie fast alles sein darf – aber es muss gleichzeitig klar pariert werden. So sagt der Sohn: Moment mal, Mama, merkst du, wie rassistisch das ist? Ein paar Sachen mussten wir trotzdem herausschneiden, andere haben wir drin gelassen. (lacht)

Welche?

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Es gibt eine Szene, die wir drin gelassen haben, auch wenn meine Tochter sie ganz unmöglich fand: Beate sagt zu einem Mann, der am Boden liegt: „Hör auf zu heulen. Heulende Männer sind schrecklich.“ Tatsächlich steht diese Aussage unwidersprochen im Raum – das ist aber „reversed sexism“, wie ich nun zum ersten Mal gehört habe. Ich weiß gar nicht, ob es den Begriff wirklich gibt. Wir können als Frauen nicht erwarten, dass Sexismus uns gegenüber angeprangert wird, Männern dann aber genauso Rollen zuschieben.

Sie nennen Beate Harzer schrecklich: Gibt es trotzdem etwas, dass Sie von sich in Beate Harzer wiedererkennen?

Sie ist im Hinblick auf unverdrossenen Lebensmut inspirierend. Ich wünschte manchmal, dass ich ein bisschen so sein könnte. Die 95. Mahnung landet im Briefkasten und sie macht sie einfach nicht auf. Ich würde daran verzweifeln. In der Glücksforschung gibt es aber ganz deutliche Hinweise, dass Menschen, die glücklich sind, ein höheres Maß an Verdrängung haben.

Die Corona-Krise ist das zentrale Thema der Serie. Man muss erstaunlicherweise über den Umgang mit der Krise lachen.

Ich habe während der Pandemiezeit viel gedreht, auch den „Tatort“. Und da ist mir aufgefallen, dass in vielen Erzählungen so getan wird, als gäbe es die Pandemie nicht. Im fiktionalen Bereich haben wir einen gestörten oder verunsicherten Umgang mit der Pandemie. Dieses Herumeiern um die Corona-Krise hat mich genervt. Wir haben uns damals gesagt, dass wir ganz offensiv mit dem Thema umgehen und zeigen wollen, dass das erzählerisch möglich ist.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, auch als Produzentin an der Serie beteiligt zu sein?

Als Produzentin kann ich mein kreatives Potenzial enorm erweitern. Gleichzeitig ist die Aufgabe unglaublich komplex. Ich habe gerade meinen ersten „Tatort“ koproduziert. Ich bin bei diesem Job noch wirklich im Lernmodus und bei Weitem nicht mit allen Wassern gewaschen. Es ist auch anspruchsvoll, beides parallel zu machen. Wenn ich mich auf eine Rolle vorbereite, muss ich die Produzentin an der Tür abgeben und den Regisseurinnen und Regisseuren vertrauen. Dann kann ich nicht auch noch darüber nachdenken, warum der Klowagen jetzt verstopft ist.

Warum haben sich eigentlich so viele „Tatort“-Schauspieler und -Schauspielerinnen an der Serie beteiligt?

Das hat sicher mit der Solidarität mit anderen Kulturschaffenden und der Unterstützung der Kunstnothilfe zu tun und weil die erste Staffel so gut angekommen ist. Und Axel Milberg ist der Mann meiner besten Freundin. Mit Liefers wollte ich sowieso schon immer mal zusammenarbeiten. Und mit Jasna Fritzi Bauer auch. Trotzdem fällt das beim Gucken auf.

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Wenn Sie vor dem Dreh von „Ausgebremst 2“ von Jan Josef Liefers’ Teilnahme an der Aktion #allesdichtmachen gewusst hätten – inwieweit wäre die Zusammenarbeit dann anders gewesen?

Gar nicht, ich schätze ihn sehr, als Mensch und als Kollegen.

Sie haben gerade mit Udo Lindenberg in Hamburg den „Tatort“ gedreht. Wie war die Zusammenarbeit?

Sie war großartig. Aber eins nach dem anderen, der „Tatort“ ist ja noch in der Mache.

Es treten viele Schauspieler in Gastrollen auf – doch man sieht die meisten von ihnen nur in Videocalls. War es einsam am Set?

In dieser wirklich urigen Fahrschule in München saß ich ganz allein vor dem Bildschirm. Aber das kennen wir ja alle im Moment. Deswegen wollten wir diese Videokonferenzsituation vollkommen auf die Spitze treiben. Unser ganzes Leben läuft ja über Videokonferenz. Wir wollen uns alle bald wiedersehen.

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