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Mai Thi Nguyen-Kim kritisiert Jan Josef Liefers: „Jede Spaltung verschlimmert diese Pandemie“

  • Beim ZDF-Talk von Moderatorin Maybrit Illner stellte sich #allesdichtmachen-Mitinitiator Jan Josef Liefers einer Debatte, die er selbst mit angefacht hat.
  • Dass er Dinge in seinem umstrittenen Video gesagt hat, die er so drastisch nicht gemeint hat, rechtfertigte der „Tatort“-Schauspieler.
  • Kritik bekommt er von der Wissenschaftsjournalistin und Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim.
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Als freischaffender Künstler hat man es ohne Frage nicht leicht in dieser Pandemie. Seit über einem Jahr Quasi­berufsverbot, während in den Großraum­büros der Republik die Aerosole unbehelligt um die Nasen dampfen. Auf der anderen Seite hat man es als Künstler dann aber auch wieder leicht. Man kann zum Beispiel kritisieren, provozieren und erschöpftes medizinisches Personal vor den Kopf stoßen. Und im Zweifel ist es dann – mit einem aktuellen Chartbreaker gesprochen – „alles von der Kunst­freiheit gedeckt“. Vor allem muss man nicht erklären, wie es denn besser gehen könnte mit der Pandemie­bekämpfung. Das ist schließlich nicht die Aufgabe der Kunst.

Konkrete Lösungs­vorschläge wurden dem „Tatort“-Schauspieler und #allesdichtmachen-Mitinitiator Jan Josef Liefers jedenfalls nicht abverlangt am Donnerstag­abend in der Talkshow „Maybrit Illner“. Dass Liefers eine Fortsetzung des Lockdowns da wohl ausklammern würde, davon allerdings kann man ausgehen, seit vor einer Woche er und rund 50 Schauspiel­kollegen satirische Kurz­videos veröffentlichten, aus denen der Überdruss an den Maßnahmen der Regierung von ganz viel Zynismus begleitet heraus­quillt. Viele finden das zum Jubeln, viele, auch viele Schauspiel­kollegen übrigens, halten die Beiträge für eine moralische Bankrott­erklärung. Ein Aufreger­thema erster Güte also in einem denkbar sensiblen Moment dieses Landes. Für Talkerin Illner Grund genug, ihre Sendung mit einer bangen Befürchtung anzumoderieren: „Hat Corona unsere Debatten­kultur infiziert?“

Jan Josef Liefers bei „Maybrit Illner“: „Ich hatte einen Overkill“

Ihm sei klar, dass Inhalt und Duktus seines Videos „ungerecht“ seien, räumte der im ZDF-Studio anwesende Starschauspieler ein, aber das sei eben der kurzen, satirischen Form geschuldet. Und dann erklärte Jan Josef Liefers im Pandemiejahr-Schnelldurchlauf, wie er vom „Drosten-Fanboy“, so drückte er sich wirklich aus, zum Kritiker von ihm immer unverständlicheren Maßnahmen wurde. Irgendwann habe er einen „Overkill“ gehabt, „nachts nicht mehr geschlafen“ und – wenn man es richtig verstand – mittels einer Art emotionalen Eigen­notbremse „alle Zeitungen abbestellt“. Und dann: Dann nahm Jan Josef Liefers eines jener gut 50 Videos unter dem Schlagwort #allesdichtmachen auf, ein Hashtag, das seit Tagen die Debatte in den sozialen Medien vergiftet.

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„Ist Ihnen bewusst, dass der Sound der Demokratie­verächter in Ihrem Stück ist?“, spielte Maybrit Illner auf den nicht ganz überraschenden Applaus aus der „Querdenker“- und Rechtsaußen­szene an. Auf die Frage war der Schau­spieler selbstredend vorbereitet: Etwas nicht zu sagen, nur weil es die AfD auch sagen würde: „Das leuchtet mir nicht ein.“ Illner schoss nun auf den Vorwurf angeblich gleich­geschalteter Medien: „Sie kritisieren einen Journalismus, der überall die Regierung kritisiert.“ Liefers findet die Medien­landschaft trotzdem viel zu „homogen“, vor allem im Schüren von Panik: „Was mich angegriffen hat, war dieser Alarm. Dafür, dass so viele Menschen kern­gesund waren die ganze Zeit, fand ich die Zeit gekommen, ihnen was zurück­zugeben.“

Mai Thi Nguyen-Kim: „Wir belohnen diejenigen, die am lautesten schreien“

Dass sämtliche kerngesunden Menschen dieses gallige Geschenk begrüßt haben, lässt sich indes nicht festhalten. Auch die kerngesund wirkende Wissenschafts­journalistin Mai Thi Nguyen-Kim („maiLab“) fremdelt mit den lockdown­kritischen Videos der Schauspieler­gruppe. Sie nerve es, dass ausgerechnet über einen so destruktiven Beitrag so anhaltend lange gesprochen werde. „Wir belohnen diejenigen, die am lautesten schreien. Natürlich spaltet das am Ende die Gesellschaft. Jede Spaltung verschlimmert diese Pandemie für alle.“

Mai Thi Nguyen-Kim ärgert es, dass über die #allesdichtmachen-Aktion gesprochen wird, über leisere Debatten­beiträge jedoch kaum. „Wir belohnen diejenigen, die am lautesten schreien. Natürlich spaltet das am Ende die Gesellschaft.“ © Quelle: imago images/Stephan Wallocha

Liefers argumentierte mit Notwehr: Der Musiker Till Brönner habe mehrmals „smart und zivilisiert“ versucht, auf die Not der solo­selbstständigen Kreativen in der Pandemie aufmerksam zu machen. „Das ist alles verhallt. Deshalb haben wir gesagt: Lassen wir mal einen raus!“ Der Ausgang ist bekannt. „Die Botschaft, die Sie senden wollten, war mindestens missverständlich“, argwöhnte der Hamburger Ober­bürgermeister Peter Tschentscher im ZDF-Studio. „So richtig Beifall haben sie gekriegt von Leuten, mit denen sie nicht viel zu tun haben wollen.“ Liefers hielt dagegen: „Bei undifferenzierten Maßnahmen kann man keine differenzierte Kritik verlangen.“

Jan Josef Liefers und der unwidersprochene Selbstwiderspruch

Mai Thi Nguyen-Kim fiel auf: „Was Sie in Ihrem Video gesagt haben, passt nicht zu dem, was Sie hier sagen.“ Diesem Selbst­widerspruch konnte der #allesdichtmacher nicht widersprechen, jedoch: „Darum geht es nicht.“ Er würde nicht hier sitzen, wenn er sich sachlicher zu Wort gemeldet hätte. Nguyen-Kim fand es fraglich, ob den Not leidenden Künstler­kollegen wirklich geholfen sei, wenn man „die Narrative der ‚Querdenker‘“ bediene. „Ich finde es schade, dass es zu viel Spaltung geführt hat.“ Liefers verteidigte die Gruppe unverdrossen: „Ob wir Ursache sind oder Symptom dieser Spaltung, ich weiß es nicht.“ Die zugeschalteten Politiker Wolfgang Kubicki und Boris Palmer („Ich finde es großartig, dass diese Künstler sich das getraut haben!“) hatte der „Tatort“-Star nicht ganz überraschend auf seiner Seite.

Lehrreich war der zwischen Metadiskussion und (wieder mal) Ausgangssperren­debatte mäandernde Talkabend am Ende nur bedingt. Konsens stiftend noch viel weniger. Cancel Culture ist im Zweifel immer dann, wenn es vehement artikulierten Widerspruch zu einer vehement artikulierten Meinung gibt. Und der Feind der Meinungs­freiheit ist immer der Anders­denkende. Hoffnung machen da ausgerechnet die von Lockdown­kritikern gescholtenen Modellierer: Die sehen nach aktuellem Stand eine Entspannung bei den Fallzahlen voraus. „Jetzt gilt es noch mal, Nerven zu bewahren“, appellierte Peter Tschentscher mit Blick auf den Stargast des Abends, „bei aller Angespanntheit, Herr Liefers!“ Vielleicht ist es am Ende wirklich so banal.

RND/Teleschau

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