„Luca“ – Pixars Wassermenschen träumen von einer Vespa

  • Das Kino will wieder durchstarten, Pixar aber startet seinen Sommerfilm „Luca“ noch beim Streamingdienst Disney+.
  • Es geht zurück in ein idyllisches Italien der 60er-Jahre, in dem zwei Wassermenschen das Leben an Land erkunden wollen.
  • Am liebsten würden sie das mit einem Motorroller tun – was für Verwicklungen sorgt.
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Bella Italia. Der Himmel über der Küste ist zum Küssen blau. Und das Wasser des Mittelmeeres so klar und köstlich, dass darin sogar noch Wassermenschen leben und ihre Fischherden hüten können. Die Welt, die wir betreten, erscheint als Sehnsuchtsort, nicht als der mählich verröchelnde Planet von heute. Ein Idyll, in dem alles, jede und jeder seinen Platz hat und noch keine Krise das Leben trübt.

Ein „La Strada“-Plakat darf in Ruhe verwittern

Der 1970 in Genua geborene Regisseur Enrico Casarosa hat in „Luca“ seine Kindheitserinnerungen noch ein paar Jahre zurückverlegt. An Land, im Dörfchen Portorosso, wo die Wassermenschen wahlweise als gefährliche Seemonster oder Ammenmärchen gelten, ist es möglicherweise 1965 – Rita Pavones „Viva La Pappa col Pomodoro“ erklingt im Soundtrack. Geschwindigkeit und Sekundentakt sind zur Handlungszeit des Films noch keine Begriffe, ein altes Plakat von Fellinis „La Strada“ darf noch in aller Ruhe an einer verwitterten Mauer ausbleichen.

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Held von Casarosas Geschichte ist der kleine blaugrüne Wassermann Luca, in den der Regisseur viel von sich gepackt hat. Luca findet in den Algenwäldern, in denen seine Fische weiden, immer wieder Gegenstände aus der Menschenwelt. Einen Wecker, eine Spielkarte, einen Löffel, dann sogar ein Grammofon. „Geh nicht an die Oberfläche, sonst wirst du gefangen“, ist der Rat seiner Mutter für den Jungen, den die Neugier hinaufzieht. Zum Onkel, einem Laternenfisch, wollen ihn die Eltern schicken – weiter weg und tief hinunter.

Simsalabim macht Wassermenschen zu Menschen

Das weckt in dem braven Luca den Geist der Widerständigkeit, und als er den rebellischen Artgenossen Alberto kennenlernt, werden die beiden zu einem Tom-Sawyer-und-Huckleberry-Finn-Gespann der Riviera. Bei ihrer Exkursion in die Menschenwelt kommt ihnen ein gentechnisches Simsalabim gut zupass: Verlassen Wassermenschen ihr Nass, nehmen sie Menschengestalt an. Vorsicht ist dennoch geboten: Benetzt sie beim Schlafen im Freien der Morgentau oder kippt ihnen wer ein Glas Wasser über den Kopf, sehen sie im Nu wieder blau, grün und schuppig aus.

Als wär’s ein Werbefilm für Vespa-Roller

Zu jeder Geschichte von Träumern gehört der Traum. Alberto weckt in Luca die Lust auf Motorisierung. Mit einer Vespa, einem todschicken Motorroller, könnten sie die Welt der Menschen erkunden. Aus allerhand Müll in Albertos Krimskramssammlung bauen sie sich eine Pseudo-Vespa, die indes schnell wieder zu Schrott zerbricht. Sie wollen an den wahren Jakob, an das „schönste Ding, das Menschen je gebaut haben“ (Alberto). Zwar – in der Tat – so ein Italoroller mit seinen runden Schenkeln (am besten in Feuerrot) ist schon überragend schmuck. Aber in der Folge hört man das Wort „Vespa“ so oft, dass sich der Hersteller Piaggio über den Film scheckig freuen dürfte.

Wie ein 98-minütiger Werbeclip für die schnittige Wespe (freilich im gemessen an der heutigen Optik ungleich schöneren Damalsdesign) käme einem die hier erzählte Geschichte vor, würde sich nicht bald ein anderer Traum in Luca verfestigen. Der Blick durch ein Teleskop zeigt ihm, dass am Nachthimmel nicht etwa wie vermutet leuchtende Fische, sondern Sterne stehen und auch der Mond keineswegs der vermutete „big fish“ ist.

Auch wenn das Reisen mit Alberto gewiss bilden würde, so will der Fischhirte Luca jetzt unbedingt an eine richtige Schule, um Mythen und Mutmaßungen der Wassermenschen über die Meschensphäre in Wissen verwandeln zu können. Zusammen mit Giulia, dem rothaarigen und ungestümen – Pixars „Merida“ lässt grüßen – Töchterchen des einarmigen Fischhändlers. Speziell das passt Alberto nicht.

Ein misstrauischer Kater riecht alles Fischige

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Cherchez la femme! Zur verdächtigen, Eifersucht erzeugenden Frauenpower kommt noch der klassische männliche Gegenspieler. Ercule, der hintertriebene Dorfbully, will den jährlichen Portorosso-Cup, gewinnen, einen Triathlon (Schwimmen, Pastawettessen, Radrennen), dessen Siegesprämie Alberto und Luca benötigen, um sich den Roller leisten zu können. Ercule und seine tumben Sidekicks, sind sich für keine Gemeinheit zu schade. Außerdem ist der Schuft den Seemonstern auf der Spur und fackelt auch nicht lange mit seiner Walfängerharpune, als er entdeckt, wer Luca und Alberto wirklich sind. Lucas Eltern begeben sich auf ihrer Suche nach dem verlorenen Sohn an Land. Und Giulias schnauzbärtiger Kater Machiavelli riecht alles Fischige hinter den menschlichen Fassaden.

Die Story ist absehbar wie drei Meter Feldweg in der Mittagssonne, die Charaktere sind so schlicht, als stammten sie aus einem „Fix und Foxi“-Heft von 1965. Für kleine Zuschauer funktioniert „Luca“ als nettes, auch immer wieder mal temperamentvolles Märchen von der Freundschaft, ältere Publikümer sind eher enttäuscht von Pixars neuestem Europaausflug. Die Tugenden der Filme aus dem Haus der Stehlampe – die begeisternden großen und die liebreizenden kleinen Ideen, der entwaffnend doppelbödige Humor, die lebensnahen Charaktere, die Abgründe der Erzählung – all das fehlt.

Und das, obwohl Casarosa als Storyboard Artist zuvor an einigen der fantasievollsten Pixar-Filmen wie „Cars“ (2006), „Oben“ (2009) und „Coco“ (2017) mitgearbeitet hatte. Nicht zu vergessen an „Ratatouille“ (2007), wo eine inspirierte Ratte in Paris zum Meisterkoch avanciert. Was für eine irre, absurde Idee war das, die zu einem plausiblen, aberwitzig schönen und berührenden Film wurde. „Luca“ ist der zweite Original-Pixar-Film nach der Saurier-Steinzeitmensch-Geschichte „Arlo & Spot“ (2015) der das Niveau deutlich unterschreitet.

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Wurde in „Luca“ zu wenig investiert?

Auch in der Animation. Solange es um Strand, Kiesel, Olivenbäume, alte Häuser geht – alles bestens. Wer aber von Pixar nuancierte Figuren wie die Ratte Rémy gewohnt war, Sully und Mike aus der „Monster AG“, den alten Carl und den Pfadfinder Russell aus „Oben“ oder den Titelheldenroboter aus „Wall-E“, der stört sich am Design der Figuren von „Luca“, die künstlicher aussehen als selbst das (trefflich charakterisierte) Plastikspielzeug der „Toy Story“-Filme.

Wenn Lucas Mama das Keckern eines Delfins nachäfft, wirkt sie wie eine erwachsen gewordene Lucy aus einem CGI-„Peanuts“-Film. Man muss die Frage stellen, ob hier nicht von vornherein wenig investiert wurde in einen Film, der vielleicht nur auf dem italienischen Markt richtig einschlagen würde. Sollte das so sein, war’s ein Fehler.

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Am Ende steht die Botschaft: Umarmung statt Rassismus

Am Ende ist wenigstens alles gut. Huckleberry Alberto und Luca Sawyer trennen sich, die beiden Außenseiter sind zu Helden geworden, haben ihre Träume voneinander gelöst, ihre Freundschaft aber retten können. Neben dem Sieg des Individuellen wird der des großen Herzens über das Vorurteil gefeiert. Die Bewohner von Portorosso erkennen, dass das Monster im Auge des Betrachters liegt. Die Wassermenschen sind in Wahrheit wie du und ich – Umarmung – bluegreen lives matter.

Luca“, 98 Minuten, bei Disney+, Regie: Enrico Casarosa, Animationsfilm (ab 18. Juni)

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