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  • “Lovecraft Country”: Davon handelt die HBO-Serie - Start am 17. August bei Sky

Amerika der Albträume: HBO-Serie “Lovecraft Country” als Statement zu “Black Lives Matter”

  • Die HBO-Serie „Lovecraft Country“ (ab 17. August bei Sky) erzählt aus dem Apartheid-Amerika der Fünfzigerjahre – und bringt Monster ins Spiel.
  • Eine Weile stehen sich die beiden Ungeheuerlichkeiten im Weg.
  • Dann wird die Verfilmung eines Buchs von Matt Ruff zu einer richtig starken Serie.
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“Life could be a dream”, singen die Crew Cuts aus dem Off, während ein Überlandbus weite Maisfelder passiert. Es ist die weiße Hitversion des Originalsongs “Sh-Boom” der schwarzen Chords, die 1954 einen Grund mehr für die Zeile hatten als die Sehnsucht nach der Liebsten. Denn ihr Leben in New York war alles andere als ein Traum. Serienschöpferin Misha Green erzählt in der neuen HBO-Serie “Lovecraft County” (ab 17. August bei Sky) von den Fünfzigerjahren in Amerika, wo der Rassismus der Weißen ein regelrechtes Apartheidssystem etabliert hat.

Das Amerika von 1955 ist ein Unrechtsland

Im Amerika des Rock’n’Roll-Jahres 1955 hat jeder seinen Platz. Schwarze sitzen hinten im Bus, Weiße vorne und wenn das Vehikel einen Platten hat, dann werden nur die Weißen mit “Ersatzfahrzeugen” in die Stadt gebracht - die “Nigger” müssen nach Chicago laufen.

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Unter der Erde dieses Unrechtslandes existieren dann auch noch zahnstarrende, lichtscheue Monster wie in den Geschichten des der Serie ihren Titel gebenden H. P. Lovecraft (1890 – 1937), dem Schriftsteller aus Rhode Island, der in Armut lebte und aus seinen Ängsten die finstersten Schreckensbilder destillierte. Der Rassist Lovecraft fürchtete vor allem die Vermischung von Schwarz und Weiß. Aus seinen Albträumen entstanden die haarsträubendsten aller Horrorgeschichten – die über die blasphemische Urweltgottheit Ctulhu oder über den kafkaesken “Outsider”.

Der schwarze Soldat Atticus Black (Jonathan Majors) kehrt zu Beginn der ersten Episode von “Lovecraft Country” vom Militärdienst zurück. In seinen Träumen mischen sich die Erinnerungen an blutige Gefechte im Koreakrieg mit Bildern von Tentakeldrachen und fliegenden Untertassen. Er liebt die Pulpgeschichten von Lovecraft und Edgar Rice Burroughs, obwohl dort stets Weiße die Helden sind.

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Gemeinsam mit seinem gutmütigen Onkel George (Courtney B. Vance) und seiner kessen Jugendfreundin Leticia (Jurnee Smollett-Bell) reist er von Illinois aus den Zeilen eines rätselhaften Briefes seines verschwundenen Vaters Montrose hinterher. Nach Massachusetts führt die Spur, zu einem schlossähnlichen Anwesen, auf dem die Braithwhites leben, blonde, blauäugige Superweiße. Vater Titus (Michael Rose) leitet den ominösen Geheimbund der “Söhne Adams”. Während seine Tochter Christina (Elizabeth Debicki) in einem silbernen Rolls Royce Sedan durch die Welt fährt wie ein Schutzengel auf Rädern - sie rettet das Trio zunächst vor einem Truck mit hinterwäldlerischem Lynchmob, dann – per Pfiff - vor mörderischen Maulwürfen von Gorilla-Größe.

Wo Rassismus herrscht, bedarf es keiner Monster

Die Bilder paranormalen Schreckens sind in dieser freien Verfilmung eines Romans von Matt Huff (”Fool on The Hill”) rundum überzeugend geraten. Dennoch kommen sie dem ernsten Sujet der HBO-Serie anfangs spürbar in die Quere. Rassismus ist der weit größere Horror, unfassbarer als alle Kreaturen.

Onkel George hat den “Negro Safe Travel Guide” geschrieben, eine fiktive Version des berühmten “Green Book”, mit dem schwarze Reisende in Amerika Tankstellen, Werkstätten, Gaststätten und Quartiere finden konnten, die sie nicht abwiesen. Trotz dieser Hilfe gerät das Trio auf seinem Trip immer wieder an Straßenschilder, die warnen: “Nigger, don’t let the sun go down on you”. So ist ein Wettrennen gegen den Sonnenuntergang und einen mordbereiten Polizisten die wohl fesselndste (und schrecklichste) Szene der ersten Episode. Wo es solche Menschen hat, braucht es keine Monster.

Und dann lässt einen vor allem die vierte (von fünf zur Sichtung überlassenen) Folgen zunächst ratlos zurück. Die Protagonisten erleben darin leicht spukige Abenteuer der Indiana-Jones-Sorte. Die sind zwar überaus unterhaltsam, erscheinen aber als kein bisschen zielführend. Erst die fünfte Episode lässt dann beim Zuschauer alles richtig einschnappen.

Was Leticias Schwester Ruby (Wunmi Mosaku) darin erlebt, ist eine der schlüssigsten und eindringlichsten Darstellungen der unseligen Hierarchie der Hautfarben, die je zu sehen war. Jetzt ist der Plot im Lot und “Lovecraft Country” bereit, eine ähnlich große Serie zu werden wie die Superheldensaga “Watchmen”, HBOs jüngster Mix aus Gesellschaftskritik und fantastischen Elementen.

Die HBO-Serie ist ein Statement zu “Black Lives Matter”

Misha Green, unterstützt von den Produzenten J. J. Abrams (“Star Wars”) und Jordan Peele (“Get Out”), räumt mit dem Mythos auf, dass der Rassismus vornehmlich ein Problem des amerikanischen Südens war, eine Art Baumwollkrebs im Kopf von Leuten, die den wirtschaftlichen Niedergang nach dem Ende der Sklaverei noch nach Generationen verübeln. Rassismus war (und ist) ein allamerikanisches, systemisches Problem, George Floyd starb in Minneapolis, Amadou Diallo in New York.

Dass in “Lovecraft Country” nicht etwa abgeschlossene Vergangenheit beleuchtet wird, sondern auch ein Statement zu “Black Lives Matter” abgegeben wird, unterstreicht Green mit dem Soundtrack. Der reicht von Pat Boones zeitgenössischer rosa Schaumbadversion von Little Richards “Tutti Frutti” bis zu aktuellen Klängen von Rihanna und Cardi B. Die Zeile von “Sh-Boom” gilt immer noch: “Life could be a dream …”

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“Lovecraft Country” von Misha Green (Serienschöpferin), J. J. Abrams (Produzent), Jordan Peele (Produzent), mit Jonathan Majors, Jurnee Smollett, Jordan Patrick Smith, zehn Episoden, bei Sky

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